Online-Meldung

Wissen teilen, Zukunft gestalten: Neue Impulse für die Arktisforschung

Der 27. Arktisdialog bringt in Potsdam Forschung, Politik und indigene Vertreter:innen in den Austausch über nachhaltige Zusammenarbeit in der Arktis
Per-Henning Mathisen leitet den Sharing Circle.
Per-Henning Mathisen leitet den Sharing Circle. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Heide Matz)

Wie kann Forschung in der Arktis langfristig nachhaltig, relevant und gerecht gestaltet werden? Darüber wurde am 14. April beim 27. Arktisdialog in Potsdam diskutiert, bei dem Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik und Indigenen Gemeinschaften zusammenkamen. Im Fokus standen dabei neue Formen der Zusammenarbeit, die auf langfristigen Beziehungen und gemeinsamer Wissensproduktion basieren. Der Arktisdialog wird halbjährlich vom Deutschen Arktisbüro am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) ausgerichtet. Diese Ausgabe fand in Kooperation mit dem Saami Council und dem Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS) statt, das zugleich Gastgeber der Veranstaltung war.

Die Herausforderungen in der Arktis sind nur durch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Wissenssysteme zu bewältigen, das betonte Mark Lawrence, wissenschaftlicher Direktor des RIFS, in seiner Eröffnungsrede zum 27. Arktisdialog. Gemeint sind insbesondere die tiefgreifenden klimatischen und ökologischen Veränderungen und die daraus resultierenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Spannungsfelder. Die Ko-Produktion von Wissen sei dabei kein ergänzendes Element, sondern ist für eine verantwortungsvolle, ganzheitliche Forschung essenziell. Dabei erfordere es grundlegende Veränderungen in der Planung, Finanzierung, Durchführung und Bewertung von Forschungsprojekten. Transformative und transdisziplinäre Ansätze müssen von Beginn an alle relevanten Akteure einbeziehen und Forschung als gemeinsamen Prozess verstehen.

Anschließend hob AWI-Direktor Hajo Eicken die Bedeutung langfristiger Partnerschaften mit Indigenen Gemeinschaften hervor. Aus seiner langjährigen Forschungserfahrung heraus unterstrich er, dass insbesondere gemeinschaftsbasierte Beobachtungen und ko-produzierte Wissensprozesse zentrale Schnittstellen zwischen wissenschaftlicher und indigener Expertise darstellen. Die Arktis sei dabei nicht nur ein Forschungs-, sondern auch ein Lebensraum, dessen Zukunft eng mit Fragen von Ernährungssicherheit, Gesundheit und nachhaltiger Entwicklung verbunden sei.

Wie solche Ansätze in der Praxis aussehen können, zeigte das SQUEEZE-Projekt, das im Rahmen des Arktisdialogs von Lia Laureen Schulz, deutsch-kanadische wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Arktisbüro des AWI, vorgestellt wurde. Im Fokus steht dabei die Zusammenarbeit mit den Indigenen Nationen der Gwich’in und Inuvialuit in den kanadischen Northwest Territories und Yukon sowie die Frage, wie Forschung unter sich wandelnden ökologischen und gesellschaftlichen Bedingungen resilient gestaltet werden kann. Ein zentrales Ergebnis ist, dass wissenschaftliche Qualität in der Arktis maßgeblich von belastbaren und langfristig aufgebauten Beziehungen abhängt. Vertrauen entsteht dabei nicht automatisch, sondern durch wiederholte Zusammenarbeit, transparente Kommunikation und die Verlässlichkeit institutioneller Partner. Auf dieser Grundlage konnten im Projekt SQUEEZE aus ersten Kontakten tragfähige Partnerschaften aufgebaut werden, die wiederum wertvolle Verbindungen zu bestehenden Netzwerken wachsen ließen und neue Kooperationen in Kanada ermöglichten. Das Projekt versteht Forschung als langfristigen und integrativen Prozess. Vertrauensbasierte Beziehungen sind somit kein Begleitfaktor, sondern eine zentrale Voraussetzung für resiliente Forschung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Ko-Produktion Kontinuität und institutionelle Verankerung benötigt und häufig mit bestehenden Finanzierungsstrukturen kollidiert.

Eine Lebensweise, die auf Selbstversorgung, nachhaltiger Ressourcennutzung und einem respektvollen Verhältnis mit der Umwelt basiert, verbirgt sich hinter dem nordsamischen Begriff „Birgejupmi“. Dieses Verständnis prägt auch die Ausrichtung des gleichnamigen EU Horizon-Projektes, das im Anschluss von Per-Henning Mathisen und Ilaria Sartini vorgestellt wurde. Per-Henning Mathisen ist Advisor des Saami Councils in der Arctic and Environmental Unit und ist seit letztem Jahr Teil dieses Forschungsvorhabens. Ilaria Sartini arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am RIFS. Das RIFS ist als Partner in das Projekt eingebunden und verantwortet in der Forschungsgruppe reIMAGINE Arctic Research in Potsdam zentrale Teile der Umsetzung. Die RIFS-Forscherinnen Ilaria Sartini, Anne Chahine und Nina Döring, sind an der Erarbeitung innovativer transdisziplinärer Methoden und Evaluierungspraktiken beteiligt. Zusammen mit dem Saami Council schaffen sie zudem Räume für den Austausch junger Menschen in Sápmi über Veränderungen in ihrem Alltag und Visionen für ihre Zukunft, die von Klimaschutzmaßnahmen im Zusammenhang mit der „grünen Wende“ geprägt sind.

BIRGEJUPMI verfolgt einen gleichberechtigten Ansatz, der indigene, lokale und wissenschaftliche Wissenssysteme zusammenführt. Im Zentrum steht ein Forschungsverständnis, das Beziehungen zwischen Menschen, Umwelt und Wissen in den Fokus rückt und gegenseitigen Respekt, Reziprozität und gemeinsames Lernen fördert. Unterschiedliche Perspektiven werden in einen Dialog gebracht, der sowohl nachhaltige Lösungen auf nationaler Ebene als auch die Resilienz arktischer Kulturen stärkt. So werden in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus samischen Küstengemeinden konkrete Auswirkungen des Klimawandels wie veränderte Meeresbedingungen und mögliche Zukunftsperspektiven gemeinsam betrachtet und erarbeitet. Die Ergebnisse fließen nicht nur in wissenschaftliche Publikationen ein, sondern werden auch in Formaten wie Ausstellungen zurück in die Gemeinden getragen. Das Projekt versteht Forschung als langfristigen Prozess. Beziehungen beginnen nicht erst mit dem Projektstart und enden nicht mit dessen Abschluss. Vielmehr ist entscheidend, dass sie kontinuierlich gepflegt werden und für die beteiligten Indigenen Gemeinschaften relevant bleiben.

Eine besondere Rolle im Programm des Arktisdialogs spielte der Sharing Circle, den Per-Henning Mathisen im Anschluss leitete. Dieses Format basiert auf indigenen Methodologien und ist Ausdruck einer gleichberechtigten Art, Wissen zu teilen und Beziehungen zu gestalten. Der Sharing Circle schuf Raum für einen offenen und persönlichen Austausch zwischen Vertreter:innen der teilnehmenden Ministerien, den wissenschaftlichen Einrichtungen und Indigenen Gemeinschaften zum Thema Ko-produktion von Wissen. Hier konnten Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven gemeinsam reflektiert und neu durchdacht werden.

Neben inhaltlichen Fragen wurden beim 27. Arktisdialog auch die strukturellen Rahmenbedingungen der Forschungsförderung diskutiert. Dabei ging man vor allem der Frage nach, wie sich Förderlogiken gestalten lassen, um langfristige und partnerschaftliche Forschungsvorhaben zwischen Indigenen Gemeinschaften und internationalen Forschungseinrichtungen besser zu unterstützen. Klassische Projektstrukturen mit festen Laufzeiten und klar definierten Arbeitspaketen eignen sich nur bedingt für ko-produktive Forschungsprozesse. Das wurde durch Erfahrungen aus internationalen Kooperationen wie Arctic PASSION verdeutlicht, einem EU-Projekt, das von AWI-Wissenschaftler Michael Karcher koordiniert und beim Arktisdialog vorgestellt wurde. Insbesondere der Aufbau vertrauensbasierter und nachhaltiger Arbeitsbeziehungen benötigt deutlich mehr Zeit, als in vielen Förderformaten vorgesehen ist. Vor diesem Hintergrund wurde eine größere Flexibilität innerhalb von Förderprogrammen als wesentlich bewertet, insbesondere die Möglichkeit, Prozesse während der Laufzeit anzupassen. Ko-produktive Forschung benötigt zudem verlässliche Anschluss- und Übergangsfinanzierungen, um Kooperationen über einzelne Projektzyklen hinaus zu sichern.

Als Ergebnis des 27. Arktisdialogs ist eine gemeinsame Publikation des AWI und des RIFS geplant, das zentrale Erkenntnisse bündelt und Empfehlungen für gleichberechtigte, kollaborative und strategische Forschungsansätze gibt.

Kontakt

Wissenschaft

Volker Rachold
+49(331)581745801

Pressestelle

Heide Matz
+49(471)4831-2138

Downloads

Per-Henning Mathisen leitet den Sharing Circle.
Per-Henning Mathisen leitet den Sharing Circle beim 27. Arktisdialog. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Heide Matz)
Advisor des Saami Councils Per-Henning Mathisen, RIFS-Forscherins Ilaria Sartini und AWI-Forscherin Lia Laureen Schulz sprachen beim 27. Arktisdialog
Advisor des Saami Councils Per-Henning Mathisen, RIFS-Forscherins Ilaria Sartini und AWI-Forscherin Lia Laureen Schulz beim 27. Arktisdialog (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Heide Matz)
Gruppenfoto der Teilnehmende des 27. Arktisdialogs
Vertreter:innen der Indigenen Bevölkerung sowie aus Politik und Wissenschaft kamen am 14. April zum 27. Arktisdialog zusammen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Heide Matz)
Hajo Eicken, Direktor des AWI, eröffnete den 27. Arktisdialog.
Hajo Eicken, Direktor des AWI, eröffnete den 27. Arktisdialog. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Heide Matz)