Architektur

Rasmus Willumsen Haus

Technikum – ein Einblick in den Wissenschaftsbetrieb

Auf der gegenüberliegenden Hafenseite des AWI-Campus (Klußmannstraße 1) entsteht ein Technikum für die Polar- und Meeresforschung. Hier testet und entwickelt das Alfred-Wegener-Institut in Zukunft Geräte für den Einsatz in den Polarregionen und in der Tiefsee.

Das Gebäude wird sich entlang des Yachthafens erstrecken, die langgestreckten Fassade mit ihren klaren Raumkanten und der dunkelbraunen Ziegelverkleidung verbindet dabei den Büro- und Werkstatt-Bereich mit der großen Vorbereitungshalle und dem Hochregallager. Es entsteht so eine gestalterische Einheit, wodurch das Technikum als große Skulptur gelesen werden kann.

Die Kommunikations- und Pausenräume orientieren sich zum Yachthafen und schaffen einen interessanten Dialog der Belebung sowohl für Außenstehende als auch für die AWI Mitarbeiter. Im Erdgeschoss lässt eine gläserne Fassade aus Industrieglas in Teilbereichen den Einblick in den wissenschaftlichen Betrieb zu.

Die Wissenschaftler und Ingenieure testen und entwickeln in dem neuen Technikum etwa Eisbohrer in einem 15 Meter hohen Turm oder überprüfen die Zuverlässigkeit von Messeinrichtungen bei extrem niedrigen Temperaturen. Hierfür wird es in dem Gebäude Kälteräume mit Temperaturen bis -80°C und ein mit Meerwasser gefülltes Testbecken geben. Diese Tests sind wichtig für die Vorbereitung von Expeditionen, denn die zum Einsatz kommenden Messinstrumente müssen extremen Bedingungen standhalten und in den entlegensten Regionen der Erde zuverlässig funktionieren – etwa für den Einsatz in der antarktischen und arktischen Tiefsee bei einem Druck von über 500 bar. Über einen langen Zeitraum ohne Service und Wartung müssen sie autark Daten messen und anschließend senden oder speichern können.

Für die Expeditionsvorbereitung gibt es zudem im Außenbereich einen Container-Stellplatz, wo die Container teilweise hinter dem Industrieglas sichtbar sein werden, da sie auch von Hafennutzung an dieser Stelle erzählen ("Geestemünde geht zum Wasser"). Eine 20 Tonnen Krananlage ermöglicht es, die Container von dem Außenlager direkt in die Vorbereitungshalle zu transportieren, wo sie für die Expeditionen gepackt werden, um dann auf die weite Reise Richtung Antarktis oder Arktis zu gehen – Expedition Tomorrow.

Die Geschichte hinter dem Namensgeber

Technische Mitarbeiter haben eine stolze Geschichte in der deutschen Wissenschaft, viele von ihnen widmen ihre gesamte Lebenszeit dem noblen Streben nach neuen Erkenntnissen. Ein grönländischer Mann, im Alter von 22 Jahren, widmete sein Leben der Unterstützung des großen Alfred Wegener auf seinen Forschungsreisen in die Arktis.

„..und sehen, dass eine Uhr für Rasmus beiseite gelegt wird, der mit uns geht.“
Alfred Wegener, 6. Oktober 1930

Rasmus Willumsen aus Ukkusissat gehörte zu den Grönländern, die während Wegeners verhängnisvoller Expedition im Jahr 1930 diese unterstützten. Um die Versorgung seiner Kollegen in Eismitte zu sichern, nahm Wegener 15 Hundeschlitten, Dr. Fritz Lowe und 13 Grönländer mit auf den Weg dorthin, unter ihnen war auch der jungen Willumsen. Als sich die Bedingungen jedoch auf dem Weg verschlechterten, mussten alle, außer Wegener, Lowe und Willumsen, umkehren. Trotzt der schweren Bedingungen erreichten die drei schließlich Eismitte und lieferten die lebensnotwendige Nahrung und Ausrüstung. Wegener war sich bewusst, dass die Lebensmittel in Eismitte nicht für alle Männer reichen würden, daher begannen er und Willumsen die Rückreise zur Weststation, nachdem er zwei Tage ausgeruht hatte. Lowe ließ er bei Eismitte zurück, damit er sich von seinen Erfrierungen erholen konnte.

Auf der Rückreise starb Wegener dann, vermutlich an einem Herzinfarkt, verursacht durch Überanstrengung aufgrund der immer noch extrem schwierigen Bedingungen. Als sein Körper sechs Monate später gefunden wurde, fand das Rettungsteam Wegener vollständig angezogen, auf einem Rentierfell liegend, in zwei Schlafsackhüllen genäht. Offensichtlich war er von Willumsen mit großer Sorgfalt, Würde und Respekt begraben worden. Kurz nach Wegeners Tod starb auch Willumsen, obwohl unklar ist, wie und wann genau, denn seine Leiche wurde von dem Suchtrupp nicht gefunden.

Video: kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH

Steidle-Bau

Forschungsinstitut in Stoff gehüllt

Der 2004 fertig gestellte Erweiterungsbau Am Handelshafen befindet sich etwa 500 Meter Luftlinie vom Ungers-Bau entfernt: Scheinbar auf nur zarten Pfählen stehend erhebt sich sein kantiger Baukörper mit markanter Außenfassade an der Doppelschleuse. Die Geometrie des Gebäudes folgt den Vorgaben und der Lage des Grundstücks zwischen Hafenkante, Deich und den vorhandenen Bauten. Drei Türme recken kess aus dem flimmernden Unterbau hervor: Sie nehmen gemeinschaftliche Bereiche wie Besprechungsräume und Kantine auf und bieten einen attraktiven Blick auf Hafen, Wesermündung und Nordsee.

Bauen unter ökologischen Aspekten

Entworfen wurde das Institut von Otto Steidle, der einer der renommiertesten deutschen Architekten war. Sein Ziel in Bremerhaven: ein perfekt auf die wissenschaftliche Arbeit zugeschnittenes Gebäude zu entwerfen und zudem einen Bogen zu den auf Umwelt- und Klimaforschung ausgerichteten Arbeiten Alfred Wegeners zu schlagen. Da das Einrichten und Nutzen von Gebäuden in erheblichem Maße die Umwelt berührt, entschied er sich hier bewusst für ein ökologisches, gesundes und nachhaltiges Bauen. Das realisierte Forschungsinstitut erzielt insbesondere eine niedrige Gesamtenergiebilanz: Zum Beispiel führen ein Blockheizkraftwerk, eine Absorptionskälteanlage, Betonaktivierung per Hafenwasser, Wärmerückgewinnung, natürliche Beleuchtung und Belüftung sowohl im Sommer wie auch im Winter zu angenehmen klimatischen Aufenthaltsbedingungen. Darüber hinaus wurden sämtliche Ausbaumaterialien unter ökologischen Aspekten ausgewählt.

Tweed-Muster und Schattenspiel

Auf den ersten Blick scheint der Bau optisch zu verschwimmen: Eine Art Tweed-Muster umspannt die wissenschaftliche Arbeit im Gebäude wie ein Stück Stoff. Die Fassade schmücken glasierte Ziegel in weiß, grau und schwarz. In ihre Stofflichkeit sind quadratische Fenster versetzt angeordnet und mal bündig, mal vertieft eingebettet. Die Kastenfenster  sind zweischalig: Die äußeren, einfach verglasten und manuell aufklappbaren Metallfenster schützen die im Zwischenraum liegenden Sonnenschutzlamellen vor Wind und Regen. An der Innenseite können die isoliert verglasten Holzfenster nahezu witterungsunabhängig individuell eingestellt werden. Damit kommen die Büroräume ganz ohne Klimaanlage aus. Der besondere optische Effekt: Durch die Anordnung der Fenster entsteht bei Sonnenlicht ein Schattenspiel, die das Glatte der Außenwand aufbrechen und die „textile Bekleidung“ massiv und leicht sowie von unten nach oben wirken lassen.

Urbanes Vorbild im Innern

Doch so dicht diese Matrix auch von außen erscheinen mag, in seinem Innern ist der Gebäudekomplex offen und abwechslungsreich gestaltet: Gassen, Plätze, Nischen und Höfe sowie Treppen, Brücken und Terrassen mit Durch- und Ausblicken sowie mit Gärten können hier entdeckt werden. Otto Steidle erfüllt hier einmal mehr sein zentrales Motiv, öffentliche Innenräume nach urbanem Vorbild von Straßen und Gassen zu gestalten. Zudem besitzt jeder Turm und jeder Hof eine andere Farbe: Sie sind Gelb, Grün, Schwarz und Weiß. Und das ist noch nicht alles: Ortstypische Pflanzen in den Höfen und auf den Dachbereichen setzen Steidles Prinzipien der Architektur fort und geben zudem botanische Hinweise zur Nähe der Küste.

Die rechtwinklig angelegten Freiflächen ergänzen in angenehmer Art den Arbeitsbereich der Forscherinnen und Forscher. Der beliebteste Ort ist jedoch die Dachterrasse mit Kantine im höchsten der drei Türme: Von hier aus eröffnet sich ein beeindruckender Rundblick über die Stadtlandschaft am Fluss.

 

Literaturtipp

Weitere Informationen zur Architektur in der Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven gibt das von Ingo Hemesath und dem Bremer Zentrum für Baukultur herausgegebene Handbuch „Neue Architektur in Bremen“. Es ist im Dezember 2006 im Aschenbeck & Holstein Verlag erschienen; ISBN: 978-3-93-9401-13-1; www.aschenbeck.de.

Ungers-Bau

Ein Steinschiff auf dem Trockenen

Polar- und Meeresforschung ist auch in der Architektur ein Thema: Seit 1986 ist das Alfred-Wegener-Institut in einem stattlichen Gebäude zu Hause, das an Seefahrt, Wasser und Meer erinnert. Besuchern, die in Richtung Innenstadt fahren, präsentiert es sich als ein riesiger Schiffsbug, der sich in das Straßenpflaster hinein zu schieben scheint – das Heck fehlt allerdings bis heute. Das Bauwerk, das sich vis-a-vis zum Alten Hafen und dem Deutschen Schifffahrtsmuseum befindet, wurde von Oswald Mathias Ungers entworfen. Er gehört zu den weltweit populärsten und bedeutendsten Architekten. Seine Bauten prägten die Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig. Für das Alfred-Wegener-Institut an der Columbusstraße in Bremerhaven hat er unter anderem den Preis „Bund Deutscher Architekten Bremen“ erhalten.

Elementare Formen

Unger hat eine Vorliebe für strenge geometrische Ordnungsraster: Elementare Formen wie Quadrat, Kreis beziehungsweise Kubus und Kugel sind grundlegende gestalterische Elemente seiner Architektur, die er auch im Alfred-Wegener-Institut variiert und transformiert hat. Dunkelrotes Klinkermauerwerk mit einem Raster aus weißen, quadratischen Fenstern gestaltet die Fassade. Durch den Ziegelfarbton und die dunkle Verfugung wirkt sie flächig und homogen. Die Details machen die Assoziation eines Ozeandampfers perfekt: Von außen sichtbar sind Geländer als Reling, Kamine als Schlote und das Dach mit Schotten. Letzteres ist als rund umlaufender Balkon begehbar und eröffnet einen weiten Blick auf die Wesermündung und Nordsee.
 

Historische Beispiele aus der Architektur

Wie kaum ein anderer Architekt ist Ungers seiner klaren Formensprache über Jahrzehnte treu geblieben. Er zählte zu den maßgeblichen Theoretikern der so genannten Zweiten Moderne: In seiner Formensprache beruft er sich gern auf elementare und vom jeweiligen Zeitgeschmack unabhängige Gestaltungsmittel der Architektur. Dabei bezieht er sich auf historische Beispiele aus der Architektur, die bis zurück zur römisch-griechischen Klassik reichen können. So finden sich im Innern des Alfred-Wegener-Instituts unter anderem eine zweigeschossige Halle mit rechteckigen Säulen, zwei halbkreisförmige, übereinander angeordnete Aufenthaltsräume und ein Licht durchflutetes Atrium.

Nur wenige Jahre später präsentierte Ungers einen Entwurf für den Laborneubau der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Er wurde ebenso realisiert und 1999 auf dem Telegrafenberg eingeweiht.