Der Ozean absorbiert derzeit etwa ein Viertel des vom Menschen produzierten CO2 und bremst so die globale Erwärmung. Der Klimawandel verändert diese wichtige Fähigkeit jedoch. Wie genau sich die Kohlenstoffsenke im Ozean in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird, kann bisher jedoch nicht eindeutig gesagt werden. Dafür fehlen wichtige wissenschaftliche Daten aus einigen Meeren der Erde. Zu diesem Schluss kommt die Zwischenstaatliche Ozeanographische Kommission der UNESCO in ihrem aktuellen Bericht. Prof. Judith Hauck vom Alfred-Wegener-Institut hat an dem Bericht mitgearbeitet.
Wenn die Fähigkeit des Ozeans, CO2 zu speichern, in Zukunft weiter nachlässt, verbleibt mehr von dem Treibhausgas in der Atmosphäre und beschleunigt die globale Erwärmung. Das hat Auswirkungen auf Küstengemeinschaften, Ökosysteme und Volkswirtschaften. Trotz großer wissenschaftlicher Fortschritte gibt es nach wie vor erhebliche Unsicherheiten abzuschätzen, wie viel Kohlenstoff der Ozean jedes Jahr tatsächlich aufnimmt. Laut dem neusten Bericht der Zwischenstaatlichen Ozeanographische Kommission (IOC) der UNESCO weichen die Klimamodelle deshalb weltweit um 10 bis 20 Prozent von dem tatsächlichen Zustand ab, in manchen Regionen sogar noch mehr. Gründe für diese Lücken sind vor allem fehlende Daten durch begrenzte Beobachtungen. Auch die physikalischen, biologischen, chemischen und vom Menschen beeinflussten Prozesse, die den Kohlenstoffkreislauf des Ozeans beeinflussen, sind nicht vollständig verstanden.
Diese Unsicherheiten haben Auswirkungen auf nationale Klima- und Anpassungsstrategien, CO2-Ziele und Projektionen des Weltklimarates IPCC. „Momentan werden viele Klimaentschediungen unter der Annahme getroffen, dass der Ozean weiter und dauerhaft große Mengen unserer CO2-Emissionen aufnehmen wird. Dies kann sich aber in Zukunft durchaus ändern“, sagt Prof. Judith Hauck vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Die Biogeowissenschaftlerin hat am IOC-Bericht mitgearbeitet und ihre Expertise zur Modellierung des ozeanischen Kohlenstoffkreislaufs eingebracht sowie zu den Rückkopplungen zwischen Kohlenstoff und Klima, die sich durch menschengemachte Emissionen verändern.
Um Unsicherheiten in Projektionen zu verringern und wirksame globale Klimaschutzmaßnahmen für unsere Ozeane abzustimmen, nennt der Bericht fünf Bereiche, in denen Wissenslücken am Dringendsten geschlossen werden sollten: bei der Entwicklung der Kohlenstoffsenke im Ozean in einem sich ändernden Klima, bei biologischen und mikrobiellen Prozessen, beim Kohlenstoffaustausch über die Land-Ozean und Ozean-Eis Grenzflächen, bei den Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf den Kohlenstoffkreislauf und bei ozeanbasierten Klimaeingriffen wie Kohlenstoffspeicherung, Aquakultur oder Geoengineering.
Konkret bedeutet das, dass die globale Forschung ihre Kapazitäten weltweit verstärken und insbesondere in Regionen mit begrenzten Daten ausbauen muss, zum Beispiel über Satelliten, autonome Plattformen und nachhaltige Messungen vor Ort. Dadurch können Modelle besser physikalische, chemische und biologische Prozesse erfassen. Um wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichen Bedürfnissen zu verbinden, sollten Forschung, Sozioökonomie und Politik stärker zusammenarbeiten. Denn, wie die IOC Co-Vorsitzende Prof. Carol Robinson betont: „Der Ozean ist unser größter Verbündeter beim Klimaschutz. Aber wir wissen immer noch nicht genau, wie lange er noch Kohlenstoff in der heutigen Geschwindigkeit aufnehmen kann.“
Über den IOC-Bericht
Der Bericht der Zwischenstaatlichen Ozeanographischen Kommission (IOC) der UNESCO ist die bisher umfassendste Bewertung der Prozesse, die für die Aufnahme und Speicherung von Kohlenstoff im Ozean wichtig sind. 72 Autorinnen und Autoren sowie 13 Begutachtende aus 23 Ländern haben zusammen an dem Bericht gearbeitet. Er zeigt Forschungsprioritäten auf, um Wissenslücken zu schließen, damit starke globale Klimaschutzmaßnahmen geplant werden können, die zur Stärkung der globalen Klimaplanung erforderlich sind. Da sich die Auswirkungen des Klimawandels beschleunigen, ist die Stärkung der wissenschaftlichen Grundlagen nicht nur optional, sondern unerlässlich.
Zum Bericht: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000397333.locale=en