05. Februar 2026
Online-Meldung

Hat der Mensch Waldbrände in Sibirien schon viel früher als gedacht beeinflusst?

AWI-Forschende finden Indizien, dass Menschen schon vor 5000 Jahren die Feueraktivität in Jakutien beeinflusst haben könnten – in einer Region, die heute aufgrund des andauernden Klimawandels von extremen Waldbränden bedroht wird.
Die Republik Sacha (Jakutien) wurde in den letzten Jahren von immer mehr extremen Waldbränden heimgesucht. (Foto: Robert Jackisch)

Die Republik Sacha (Jakutien) in Ostsibirien wird oft als die kälteste dauerhaft bewohnte Region der Erde bezeichnet. Trotzdem wurde sie in den letzten Jahren von immer mehr extremen Waldbränden heimgesucht, die nicht nur das Ökosystemen verändern, sondern auch die Menschen, die hier leben, zunehmend gefährden. Aussagen darüber, wie die Feuer entstehen und welche Auswirkungen sie haben sind jedoch nur schwer zu treffen, da es für diese Region bislang nur wenige langfristige Daten gab. Forschende des Alfred-Wegener-Instituts haben nun zum ersten Mal die regionale Feueraktivität in Jakutien über die letzten 10.000 Jahre rekonstruiert und dabei herausgefunden, dass nicht nur Klimaschwankungen eine Rolle spielten. Auch der Mensch hat immer mehr Einfluss auf die regionale Feueraktivität genommen – womöglich deutlich früher als bisher angenommen. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden in der Fachzeitschrift Nature Communications Earth & Environment. 

Im frühen Holozän, also vor etwa 10.000 Jahren, kam es in der Republik Sacha (Jakutien) im Osten Russlands zu verstärkter Aktivität von Vegetationsbränden. Vor etwa 6000 Jahren sank die Feueraktivität dann auf ein niedrigeres Niveau. „Unabhängige Simulationen zeigen, dass das Ausmaß der simulierten Brände, die  angetrieben von Klimafaktoren wie Temperatur oder Niederschlag natürlich stattfinden konnten, gerade im frühen Holozän mit der rekonstruierten Feueraktivität weitestgehend übereinstimmt“, sagt Dr. Ramesh Glückler, Erstautor der Studie aus der Forschungsgruppe Polare Terrestrische Umweltsysteme am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „Seit den letzten 5000 Jahren gibt es jedoch immer mehr Branddynamiken, die sich nicht mehr alleine durch das Klima erklären lassen.“ In ihrer Studie argumentieren die Forschenden, dass menschliche Aktivitäten die Branddynamik in Jakutien früher beeinflusst haben könnten, als bisher angenommen. 

Gemeinsam mit der North-Eastern Federal University (NEFU) in Jakutsk haben die AWI-Forschenden im Jahr 2021 Sedimentkerne aus Seen in Ostsibirien geborgen. Diese enthalten über lange Zeiträume abgelagerte Holzkohlepartikel, mit denen sie zum ersten Mal die regionale langzeitliche Feueraktivität in der Region rekonstruieren konnten. „Wir haben mit der Analyse der Sedimentkerne gleich mehrere neue Datensätze aufgebaut, die wir dann um bereits existierenden Daten erweitert haben“, so Prof. Ulrike Herzschuh, ebenfalls Autorin der Studie. „Unsere regionale Rekonstruktion haben wir dann mit Simulationen von Vegetationsbränden in einem klimagetriebenen Waldmodell verglichen.“ 

Der Vergleich zeigt, dass klimabedingte Faktoren zwar den generellen, langfristigen Trend der Feueraktivität im Holozän erklären können, jedoch nicht kurzfristigere Schwankungen der letzten rund 5000 Jahre. Da die Forschenden vermuteten, dass menschliche Aktivitäten die Ursachen hierfür sein könnten, haben sie im Waldmodell die Verfügbarkeit von Brennmaterial begrenzt, als eine Folge von zum Beispiel Besiedlung oder Landnutzung. Diese Anpassung ermöglichte tatsächlich eine markant verbesserte Übereinstimmung zwischen Simulation und Rekonstruktion. „Wir sehen das als ein Indiz, dass eine menschliche Perspektive nötig ist um die Feueraktivität während des Holozäns in Jakutien ganz verstehen zu können“, erklärt Ramesh Glückler. Die Nadelwälder in der Region gelten als ein Ökosystem, das vergleichsweise spät wirklich maßgeblich vom Menschen beeinflusst wurde. „Unsere Studie zeigt nun, dass Menschen vielleicht viel früher als gedacht einen Einfluss hatten – und sich damit sogar womöglich vor extremen Vegetationsbränden schützen konnten.“

Der Blick in die Vergangenheit liefert wichtige Hinweise darauf, wie frühere Siedler:innen sich und ihre Gebiete durch eine Reduzierung des Brennmaterials indirekt vor Waldbränden geschützt haben könnten, – vielleicht auch vor solchen, wie wir sie heute in der Region beobachten können. „Ganz explizit deuten unsere Erkenntnisse darauf hin, dass auch kulturelle, kontrollierte Feuer in Jakutien einen möglichen Schutzeffekt vor extremen Vegetationsbränden ermöglichten, während diese traditionellen feuer-basierten Praktiken der indigenen Bevölkerung im heutigen Russland jedoch verboten sind“, fasst Ramesh Glückler zusammen. „Wir hoffen, dass diese Studie eine wissenschaftliche Diskussion über den historischen menschlichen Einfluss selbst in vermeintlich entlegenen Regionen Ostsibiriens anregt. Gerade vor dem Hintergrund, dass sich hier die Feuerregime der borealen Zone bei einer stetigen Erwärmung des Klimas weiter intensivieren werden – mit unbekannten Auswirkungen auf die Stabilität der Ökosysteme und unter Gefährdung der lokalen Bevölkerung.“

Originalpublikation

Glückler, R., Dietze, E., Andreev, A. A., Kruse, S., Zakharov, E. S., Baisheva, I. A., Stieg, A., Tsuyuzaki, S., Pestryakova, L. A., & Herzschuh, U. (2026). Human activity may have influenced Holocene wildfire dynamics in boreal eastern Siberia. Communications Earth & Environment. https://doi.org/10.1038/s43247-025-03169-1 

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