26. November 2025
Online-Meldung

Auf der Suche nach dem ältesten Eis der Erde: Letzte Bohrungen beginnen

Das europäische Projekt „Beyond EPICA – Oldest Ice“ startet die fünfte und letzte Bohrkampagne in der Antarktis. Mit dabei: Forschende des AWI
Field Season: EU flag at the Little Dome C Beyond EPICA camp (Foto: Credit©PNRA/IPEV 2025-26)

Am abgelegenen Standort Little Dome C in der Antarktis wird ein internationales Forschungsteam in das Liegende unter dem antarktischen Eisschild bohren – in einer Höhe von 3.200 Meter über dem Meeresspiegel und bei Temperaturen um -35°C. Der bereits erbohrte Kern soll Aufschlüsse geben, über die Klimabedingungen der vergangenen 1,2 Millionen Jahre. Auch Forschende des Alfred-Wegener-Instituts werden vor Ort sein. Beyond EPICA – Oldest Ice ist ein internationales Forschungsprojekt, das vom Institut für Polarwissenschaften des Nationalen Forschungsrats Italiens geleitet wird.

Zwei Monate lang werden 15 Forschende während des antarktischen Sommers zwei Hauptziele verfolgen: Zum einen wollen sie in den Felsboden unter dem Eisschild bohren, um festzustellen, wann er das letzte Mal dem Sonnenlicht ausgesetzt war. Das ist zum einen wichtig, um zu bestimmen, wie alt der antarktische Eisschild ist. Zum anderen wollen sie einen zweiten Eiskern aus dem tiefsten Abschnitt des Bohrlochs zwischen 2.350 und 2.590 Metern gewinnen, um genügend Material für die Analyse des mitteleren Pleistozän-Übergangs zu erhalten. Dieser fand vor etwa 900.000 bis 1,2 Millionen Jahren vor heute statt und gilt als ein entscheidender Zeitraum für das Verständnis der Entwicklung des Erdklimas.

Während die Bohrungen auf dem weißen Kontinent weitergehen, haben Forschende der europäischen Partnerinstitutionen mit den ersten Analysen der Eisproben begonnen, die im letzten Frühjahr eingetroffen sind. Im Eislabor des AWI haben sie die Kerne gemeinsam zerschnitten und nun beim British Antarctic Survey in Cambridge, UK, 190 Meter Eis aus dem tiefsten Abschnitt des 2.800 Meter langen Kerns erfolgreich chemisch analysiert: Das Team hat bestätigt, dass der Kern eine vollständige Aufzeichnung des vergangenen Klimas und der atmosphärischen Zusammensetzung ist, die mindestens 1,2 Millionen Jahre zurückreicht. Er ist damit der älteste kontinuierliche Eiskern, der jemals gewonnen wurde. In den nächsten Monaten werden weitere Analysen durchgeführt, um neue Erkenntnisse über die Entwicklung des Erdklimas und die im Eis eingeschlossenen Treibhausgaskonzentrationen zu gewinnen.

„Die Ziele dieser Kampagne stellen die antarktische Glaziologie vor noch nie dagewesene technologische und technische Herausforderungen“, erklärt Carlo Barbante, Professor an der Universität Ca' Foscari in Venedig, leitendes Mitglied des Institut für Polarwissenschaften des Nationalen Forschungsrats Italiens und Koordinator von Beyond EPICA - Oldest Ice. „Wir stellen uns diesen Herausforderungen, gestärkt durch den Erfolg früherer Kampagnen, in denen wir wie geplant den Untergrund unter dem Eisschild erreicht haben, und durch die außergewöhnliche Qualität unseres internationalen Teams von Forschenden und technischen Mitarbeitenden.“

Teilnehmer an der Kampagne 2025/2026:

Barbara Seth (Universität Bern-CH); Henrique Traeger (Universität Bern-CH); Matthias Hüther (AWI-DE); Johannes Lemburg (AWI-DE); Gunther Lawer (AWI-DE); Katrin Ederer (AWI-DE); Mohammad Vafadarmianvelayat (AWI-DE); Iben Koldtoft (Universität Kopenhagen, DK). Marion Lahuec (IPEV, FR); Philippe Possenti (CNRS-FR); Gianluca Bianchi Fasani (ENEA, IT); Vincenzo Genovese (ENEA, IT), Sergio Zannini (ENEA, IT); Carlo Barbante (Ca' Foscari University of Venice/CNR-ISP, IT), Chiara Venier (CNR-ISP, IT)

Über Beyond EPICA – Oldest Ice

Beyond EPICA (European Project for Ice Coring in Antarctica) - Oldest Ice wird vom Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der Europäischen Union gefördert und von zwölf nationalen Partnern und Förderorganisationen in Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Norwegen, Schweden, der Schweiz, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich unterstützt. 

Von 2016 bis 2019 koordinierte das AWI die Technologieentwicklung und logistische Vorbereitungen des Projekts sowie die Suche nach der richtigen Stelle für die Bohrungen. Gesucht wurde ein Ort mit Eis, das mindestens 1,2 Millionen Jahre alt ist und somit die Lücke des Mittel-Pleistozän-Übergangs schließen soll. 2019 begannen dann die Bohrungen unter der Leitung des Institut für Polarwissenschaften des Nationalen Forschungsrats Italiens. Nach dem erfolgreichen Erbohren von mehr als 1,2 Millionen Jahre altem Eis ist in der kommenden Saison geplant, zusätzliches Material vom ältesten Teil des Eiskerns zu gewinnen, indem der untere Teil des Eiskerns nochmals parallel erbohrt wird.

Konsortium:

Institute of Polar Sciences of the National Research Council of Italy, ISP-CNR, Italien (Leitung)
Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, AWI, Deutschland
British Antarctic Survey, BAS (Vereinigtes Königreich)
French Polar Institute, IPEV (Frankreich)
National Agency for New Technologies, Energy and Sustainable Economic Development, ENEA (Italien)
National Scientific Research Centre, CNRS (Frankreich)
Utrecht University (Niederlande)
Norwegian Polar Institute, NPI (Norwegen)
University of Stockholm (Schweden)
University of Bern (Schweiz)
University of Copenhagen (Dänemark)
Brussels University (Belgien) 

Weitere Informationen über das Projekt Beyond EPICA - Oldest Ice:
https://www.beyondepica.eu/en/ 

Fotos und Videos von den Kampagnen:
Beyond EPICA Field Seasons Gallery:
https://www.beyondepica.eu/en/gallery/field-seasons/

Kontakt

Wissenschaft

Frank Wilhelms
+49(471)4831-1551

Wissenschaft

Olaf Eisen
+49(471)4831-1969

Pressestelle

Sarah Werner
+49 471 4831 2008