Pressemitteilung

Küstenerosion in der Arktis verstärkt die globale Erwärmung

Meeresspiegelanstieg führte in der Erdgeschichte zu Treibhausgasfreisetzung aus Permafrostböden
Vorbereiten des Multicorers auf dem FS Sonne - Von Links: Rolf Winhold (Matrose); Norbert Lensch (Technkiker AWI) und Johannes Ullermann (Doktorand AWI)

Obwohl der Südozean eine Schlüsselstellung im globalen Klimageschehen einnimmt, ist seine größte Region - der Südpazifik - kaum bearbeitet. Das Ziel der SO-213 Ausfahrt in den SE-Pazifik ist es, mit paläozeanographischen Rekonstruktionen die Kenntnisse über die pleistozänen und holozänen Wechselwirkungen zwischen Ozean, Atmosphäre und kontinentalen Eismassen, sowie über die Auslöse- und Übertragungsmechanismen von globalen Klimaänderungen zu verbessern. Insbesondere steht dabei die Lage und Ausdehnung der ozeanischen Frontensysteme (Subantarktische und Subtropische Front, Südpazifische Gyre) mit ihren Auswirkungen auf den atmosphärisch ozeanischen Kohlendioxidaustausch und die Nährstoffverwertung in der ozeanischen Deckschicht im Fokus. Dies soll anhand von Untersuchungen von Bor-Isotopen und B/Ca-Verhältnissen an planktischen Foraminiferen, von Wasseroberflächentemperaturen und Wärmetransfer des Humboldt-Stromes und der Veränderungen in der Zirkulation und Ventilation von Antarktischem Zwischenwasser, zirkumpolarem Antarktischem Tiefenwasser und Pazifischem Zentralwasser, sowie Änderungen in den Karbonatlösungsmustern anhand von geophysikalischen (Reflektionsseismik) und geochemischen Untersuchungen an Sedimentkernen von Sedimentkernen erreicht werden. Weiterhin sollen die ozeanischen Deckschicht in Abhängigkeit von Veränderungen der ozeanischen Fronten rekonstruiert, sowie die Änderungen der Tiefenwasserzirkulation, deren Bildungsgebiete und -phasen und der zeitliche Zusammenhang mit den paläoklimatischen Veränderungen untersucht werden.
Vorbereiten des Multicorers auf dem FS Sonne (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Thomas Ronge)

Der Verlust arktischer Permafrostböden durch die Erosion der Küste könnte künftig zu einer Verstärkung des Treibhauseffekts führen. Das zeigen Untersuchungen von Sedimentproben aus dem ochotskischen Meer an der Ostküste Russlands, die AWI-Wissenschaftler analysiert haben. Ein Verlust von Permafrostböden in dieser Region führte zum Ende der letzten Eiszeit gleich mehrfach zu einer plötzlichen Zunahme der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre.

Heute weiß niemand genau, wie stark die Treibhausgaskonzentrationen in Zukunft noch steigen werden. Das liegt auch daran, dass Kohlendioxid nicht allein vom Menschen durch die Verbrennung von Gas, Kohle und Öl freigesetzt wird, sondern dass Treibhausgase auch durch andere Umweltprozesse in die Atmosphäre gelangen könnten. Gefürchtet wird besonders die sich selbst verstärkende Wechselwirkung von Erwärmung und Freisetzung immer weiterer Mengen an Kohlendioxid aus natürlichen Quellen. Um besser abschätzen zu können, ob und wie solche Entwicklungen tatsächlich möglich sind, schauen Klimawissenschaftler in die Vergangenheit, um Spuren solcher Ereignisse zu finden.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) ist es jetzt gelungen gemeinsam mit Kollegen aus Kopenhagen und Zürich ein solches Phänomen für die arktischen Permafrostböden nachzuweisen. Wie die Autoren im Journal Nature Communications schreiben, konnten sie durch Untersuchungen vor der Küste des Ochotskischen Meeres im Osten Russlands nachweisen, dass vor mehreren Tausend Jahren aus Permafrostböden in der Küstenregion große Mengen an Kohlendioxid freigesetzt wurden – und dass die Ursache dafür der Meeresspiegelanstieg gewesen ist. Beim Permafrost handelt es sich um Böden, die ganzjährig bis zu mehrere Hundert Meter tief gefroren sind, einige davon seit der letzten Eiszeit vor rund 20.000 Jahren oder sogar noch länger. Diese Böden konservieren wie eine Kühltruhe riesige Mengen abgestorbener Biomasse, vor allem aus Pflanzen. Taut der Permafrost auf, werden Bakterien aktiv, die die uralte Biomasse abbauen und durch ihren Stoffwechsel die Treibhausgase Kohlendioxid und Methan freisetzen.

Bekannt ist heute, dass es vor rund 11.500, 14.600 und 16.500 Jahren jeweils zu einem deutlichen und raschen Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre kam. Die Ursachen für die drei schnellen Schwankungen sind bisher kaum verstanden. Um nach diesen Ursachen zu fahnden, machten sich die Wissenschaftler um die AWI-Geologinnen Dr. Maria Winterfeld und Prof. Dr. Gesine Mollenhauer auf ins Ochotskische Meer. „Ursprünglich hatten wir angenommen, dass damals der riesige Fluss Amur sehr große Mengen pflanzlichen Materials aus dem Hinterland ins Meer getragen hat, das im Wasser von Mikroorganismen zu Kohlendioxid abgebaut worden ist. Wir haben daher Sedimentproben am Grunde des Ochotskischen Meeres genommen und diese untersucht.“ Die Ergebnisse waren überraschend. Tatsächlich konnten die Forscher tief in den Sedimenten Nachweise auf pflanzliche Überreste finden, die sich am Grunde des Meeres abgelagert haben. Diese  waren viele Tausend Jahre älter als die Ablagerungen in der Umgebung. „Damit war klar, dass sie aus sehr altem Permafrostboden stammen mussten, der aus irgendeinem Grund plötzlich aufgetaut war. Besonders viele dieser alten Pflanzenreste wurden vor 11.500, 14.600 und 16.500 Jahren ins Meer gespült. Der Amur jedoch zeigte zu diesen Zeiten keine deutlich erhöhten Abflussraten.“

Gesine Mollenhauer und ihr Team fanden die Lösung beim Blick auf die Veränderung des Meeresspiegels seit der letzten Eiszeit. Insbesondere vor rund 11.500 und 14.600 Jahren kam es durch größeres Abschmelzen der großen Eisschilde an Land zu sogenannten Schmelzwasserpulsen. Zu dieser Zeit stieg der Meeresspiegel innerhalb weniger Jahrhunderte um je bis zu 20 Meter an. „Wir gehen davon aus, dass dadurch die Permafrostküsten am Ochotskischen Meer und rund um den Nordpazifik sehr stark abgetragen wurden. Ein Phänomen, das wir auch heute in der Arktis beobachten.“ Damit gelangten große Mengen Jahrtausende alter Pflanzenreste ins Meer, die teilweise von Bakterien zu Kohlendioxid abgebaut wurden oder sich am Boden des Meeres ablagerten.

Um herauszufinden, ob ein solcher Abtrag von Permafrost tatsächlich wesentlich zu einem Anstieg der globalen Kohlendioxidkonzentration beigetragen haben könnte, simulierte ihr AWI-Kollege Dr. Peter Köhler mithilfe eines Computermodells des globalen Kohlenstoffkreislaufes die Situation. Er schätzte die wahrscheinliche Größe der Permafrostfläche ab, die damals ans Meer verloren ging, und erhielt so Zahlen über die Menge an Kohlendioxid, die seinerzeit mutmaßlich freigesetzt wurde. Die Ergebnisse lassen aufhorchen. Vor 11.500 und vor 14.600 Jahren dürfte der Abtrag an arktischem Permafrost rund 50 Prozent zur Kohlendioxidzunahme beigetragen haben, vor 16.500 Jahren immerhin zu einem Viertel.

Damit hat das AWI-Team einen Prozess aufgedeckt, der künftig tatsächlich Realität werden könnte. Schon heute bricht die Permafrostküste in der Arktis immer stärker ab, weil es dort immer wärmer wird – an manchen Stellen zieht sich die Küste 20 Meter pro Jahr ins Inland zurück. Gesine Mollenhauer: „Diese Küstenerosion ist nach dem, was wir jetzt herausgefunden haben, eine nennenswerte Größe, die in Klimamodellen bislang aber nicht ausreichend berücksichtigt ist. Solche Effekte sollten künftig unbedingt in die Modelle einfließen.“

Originalpublikation

Maria Winterfeld, Gesine Mollenhauer, Wolf Dummann, Peter Köhler, Lester Lembke-Jene, Vera D. Meyer, Jens Hefter, Cameron McIntyre, Lukas Wacker, Ulla Kokfelt, Ralf Tiedemann: Deglacial mobilization of pre-aged terrestrial carbon from degrading permafrost. Nature Communications (2018), DOI: 10.1038/s41467-018-06080-w

 

 

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Wissenschaft

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Vorbereiten des Multicorers auf dem FS Sonne - Von Links: Rolf Winhold (Matrose); Norbert Lensch (Technkiker AWI) und Johannes Ullermann (Doktorand AWI)

Obwohl der Südozean eine Schlüsselstellung im globalen Klimageschehen einnimmt, ist seine größte Region - der Südpazifik - kaum bearbeitet. Das Ziel der SO-213 Ausfahrt in den SE-Pazifik ist es, mit paläozeanographischen Rekonstruktionen die Kenntnisse über die pleistozänen und holozänen Wechselwirkungen zwischen Ozean, Atmosphäre und kontinentalen Eismassen, sowie über die Auslöse- und Übertragungsmechanismen von globalen Klimaänderungen zu verbessern. Insbesondere steht dabei die Lage und Ausdehnung der ozeanischen Frontensysteme (Subantarktische und Subtropische Front, Südpazifische Gyre) mit ihren Auswirkungen auf den atmosphärisch ozeanischen Kohlendioxidaustausch und die Nährstoffverwertung in der ozeanischen Deckschicht im Fokus. Dies soll anhand von Untersuchungen von Bor-Isotopen und B/Ca-Verhältnissen an planktischen Foraminiferen, von Wasseroberflächentemperaturen und Wärmetransfer des Humboldt-Stromes und der Veränderungen in der Zirkulation und Ventilation von Antarktischem Zwischenwasser, zirkumpolarem Antarktischem Tiefenwasser und Pazifischem Zentralwasser, sowie Änderungen in den Karbonatlösungsmustern anhand von geophysikalischen (Reflektionsseismik) und geochemischen Untersuchungen an Sedimentkernen von Sedimentkernen erreicht werden. Weiterhin sollen die ozeanischen Deckschicht in Abhängigkeit von Veränderungen der ozeanischen Fronten rekonstruiert, sowie die Änderungen der Tiefenwasserzirkulation, deren Bildungsgebiete und -phasen und der zeitliche Zusammenhang mit den paläoklimatischen Veränderungen untersucht werden.
Vorbereiten des Multicorers auf dem FS Sonne. Die geonnenen Sedimentkerne werden im Anschluss geochemisch untersucht. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Thomas Ronge)
AWI-Permafrostexperten untersuchen die erodierende Küste  auf der sibirischen Insel Sobo-Sise im östlichen Lena-Delta

AWI permafrost scientists investigate the eroding coastline at the Siberian island Sobo-Sise, Eastern Lena delta.
AWI-Permafrostexperten untersuchen die erodierende Küste auf der sibirischen Insel Sobo-Sise im östlichen Lena-Delta AWI permafrost scientists investigate the eroding coastline at the Siberian island Sobo-Sise, Eastern Lena delta. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Guido Grosse)
Beprobung von Sedimentkernen
Beprobung von Sedimentkernen (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Marta Ramirez Perez)
Geowissenschaftler begutachten im Polarstern-Geo-Labor einen auf dem ostgrönländischen Schelf geborgenen Sedimentkern (Mit Kastenlos gezogen). Foto: Alfred-Wegener-Institut / André Paul 

Scientists are sampling a sediment core in the so called geo-lab on board the research ship Polarstern. This sediment core was recovered with a box corer at the East Greenland shelf. Photo: Alfred-Wegener-Institut/ André Paul
Geowissenschaftler begutachten im Polarstern-Geo-Labor einen Sedimentkern aus dem Kastenlot. Foto: Alfred-Wegener-Institut / André Paul (Foto: Alfred-Wegener-Institut / André Paul/MARUM)
AWI scientist and COPER team member Stefanie Weege is taking the GPS coordinates of the edge of the cliff at Herschel Island to be able to compare the data from different years and get the amount of retreat or coastal erosion.

The Alfred Wegener Institute Helmholtz Center for Polar and Marine Research (AWI) commenced research in the western Canadian Arctic with the funding of the young researcher project titled Coastal Permafrost Erosion (COPER) in 2012. The group’s focus lay on investigating the mass transfer of sediments and carbon across the whole coastal tract of , i.e. include both the emergent and submerged parts of the coast of Herschel Island, Beaufort Sea, Canada.

Herschel Island (69.6°N, 139°W) is located in the Beaufort Sea, at the northernmost point of the Yukon Territory, and about 70 km east of the Alaskan border. The island is a push-moraine that formed during the westward advance of of the Laurentide Ice Sheet. The coast is characterized by high cliffs and numerous retrogressive thaw slumps, indicating the presence of large massive ice bodies susceptible to permafrost degradation.  The tundra covered island is located where mean annual temperatures are well below 0°C, and rise above freezing only between June and September. Cold temperatures affect coastal processes, as well.  Wave- and tide induced processes are limited by the presence of sea ice and landfast ice. The presence of ice, however, introduces some physical processes unique to cold environments such as ice gouging, ice rafting, ice push-up, and ice pile-up. Ice gouging refers to the grounding of ice keels; ice rafting the transport of coarse sediment offshore incorporated into the ice matrix; while ice push-up and pile-up occur at the land-sea boundary, transporting sediments on- and across shore. Coastal erosion is limited to the period of open water. Average rates of erosion are 1-2 m/yr, and may reach 10-30 m/yr, due to thermal abrasion - the combined effects of thermal and physical forces.


Permafrost is defined as ground (soil or rock and included ice or organic material) that remains at or below 0°C for at least two consecutive years. 

Coastal Erosion is defined as removal of material from the coast by wave action, tidal currents and/or the activities of man, typically causing a landward retreat of the coastline.
AWI scientist and COPER team member Stefanie Weege is taking the GPS coordinates of the edge of the cliff at Herschel Island to be able to compare the data from different years and get the amount of retreat or coastal erosion. The Alfred Wegener Institute Helmholtz C... (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Boris Radosavljevic)
Aerial photo of Slump-D at Herschel Island. The slump is a massive, 500 m wide and 40 m high ice headwall, with lots of sediment in it. As the ice­rich headwall retreats up to 10 m every year landward, it leaves behind a massive mud pool that drains through several big mud channels into the ocean.

The Alfred Wegener Institute Helmholtz Center for Polar and Marine Research (AWI) commenced research in the western Canadian Arctic with the funding of the young researcher project titled Coastal Permafrost Erosion (COPER) in 2012. The group’s focus lay on investigating the mass transfer of sediments and carbon across the whole coastal tract of , i.e. include both the emergent and submerged parts of the coast of Herschel Island, Beaufort Sea, Canada.

Herschel Island (69.6°N, 139°W) is located in the Beaufort Sea, at the northernmost point of the Yukon Territory, and about 70 km east of the Alaskan border. The island is a push-moraine that formed during the westward advance of of the Laurentide Ice Sheet. The coast is characterized by high cliffs and numerous retrogressive thaw slumps, indicating the presence of large massive ice bodies susceptible to permafrost degradation.  The tundra covered island is located where mean annual temperatures are well below 0°C, and rise above freezing only between June and September. Cold temperatures affect coastal processes, as well.  Wave- and tide induced processes are limited by the presence of sea ice and landfast ice. The presence of ice, however, introduces some physical processes unique to cold environments such as ice gouging, ice rafting, ice push-up, and ice pile-up. Ice gouging refers to the grounding of ice keels; ice rafting the transport of coarse sediment offshore incorporated into the ice matrix; while ice push-up and pile-up occur at the land-sea boundary, transporting sediments on- and across shore. Coastal erosion is limited to the period of open water. Average rates of erosion are 1-2 m/yr, and may reach 10-30 m/yr, due to thermal abrasion - the combined effects of thermal and physical forces.


Permafrost is defined as ground (soil or rock and included ice or organic material) that remains at or below 0°C for at least two consecutive years. 

Coastal Erosion is defined as removal of material from the coast by wave action, tidal currents and/or the activities of man, typically causing a landward retreat of the coastline.
Luftaufnahme erodierenden Permafrosts auf Herschel Island. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Stefanie Weege)
AWI-Permafrostforscher untersuchen die erodierende Permafrost-Küste auf der sibirischen Bykovsky-Halbinsel.

AWI permafrost scientists investigate the eroding coastline at the Siberian Bykovsky peninsula.
AWI-Permafrostforscher untersuchen die erodierende Permafrost-Küste auf der sibirischen Bykovsky-Halbinsel. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Guido Grosse)