Der boreale Wald − auch Taiga genannt − ist die nördlichste und zugleich größte Waldregion der Erde: Sie erstreckt sich von Alaska über Kanada und Skandinavien bis nach Sibirien. Dort, wo boreale Wälder auf Permafrost wachsen, erfüllen sie eine wichtige Klimaschutzfunktion: Sie schützen so den dauerhaft gefrorenen Untergrund vor dem Auftauen und tragen so dazu bei, dass erhebliche Mengen Kohlenstoff im Permafrost tiefgefroren gespeichert bleiben. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Nature Climate Change unter Beteiligung des Alfred-Wegener-Instituts hat nun zum ersten Mal die Menge beziffert, wie viel Kohlenstoff diese Ökosystemleistung konserviert.
Der Klimanutzen borealer Wälder wird bislang vor allem am Kohlenstoff in der Baumbiomasse gemessen. Ihre Funktion als thermische Schutzschicht über dem Permafrost und damit über einem weit größeren Kohlenstoffspeicher bleibt dabei oft unberücksichtigt. „Ein wichtiger Klimabeitrag dieser Wälder steckt nicht in den Bäumen, sondern unter ihnen. Die Baumkronen halten den Permafrostboden kühl und damit einen Kohlenstoffvorrat gefroren, der die Biomasse der Bäume um ein Vielfaches übertrifft. Verschwindet der Wald, verliert der Boden diesen Schutz“, sagt Dr. Simone Maria Stünzi, Forscherin am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und Gastforscherin am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Potsdam.
Wie stark boreale Wälder Permafrostboden thermisch schützen, hat die Geografin Gemeinsam mit Kolleg:innen des AWI, der Universität Oslo und der Vrije Universiteit Amsterdam untersucht. Hierfür haben die Forschenden verschiedene Geodatensätze kombiniert und den thermischen Austausch zwischen borealen Wäldern und Permafrostböden analysiert. Für 16 bioklimatische Regionen der kontinuierlichen Permafrostzone verglichen sie den Bodenwärmehaushalt mit und ohne Waldbedeckung, ergänzt durch Satellitendaten und eine Metaanalyse bestehender Daten zu Kohlenstoffvorräten.
Schutz borealer Wälder ist essenziell für das Klima
In borealen Wäldern hält der Schatten der Baumkronen den Boden deutlich kälter als auf offener Fläche: Die saisonale Tiefe, bis zu der der Boden in den warmen Monaten auftaut, ist mit Waldbedeckung 50 bis 62 Prozent geringer. Die Studie macht zum ersten Mal die Schutzwirkung borealer Wälder für die gesamte arktische Permafrostregion deutlich: „59 Petagramm – also 59 Gigatonnen – Kohlenstoff lagern derzeit allein durch die kühlende Wirkung der Baumkronen im Gefrorenen – eine klimarelevante Menge von globalem Maßstab. Das macht den Schutz dieser Wälder zu einer Klimafrage ersten Ranges“, so Stünzi. Denn Schäden oder Verluste dieser Waldgebiete, etwa durch Abholzung, Waldbrände oder andere Störungen, haben weitreichende Folgen: Nicht nur würde der Kohlenstoff freigesetzt, den die Bäume in sich selbst speichern. Durch den Wegfall der isolierenden Vegetationsdecke taut der Boden saisonal tiefer auf, sodass bis zu 40 Pg Kohlenstoff des dort gebundenen Kohlenstoffs mikrobiell abgebaut werden könnte. In weitaus größerem Umfang könnte so auch der über Jahrtausende im Permafrost gebundene Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen. Besonders kritisch ist, dass dieser Kohlenstoffspeicher größtenteils seit der letzten Eiszeit aufgebaut wurde und auf menschlichen Zeitskalen praktisch nicht wiederherstellbar wäre.
Originalpublikation
Stuenzi, S.M., Grosse, G., Miesner, F. et al. Canopy-mediated climate feedbacks in the boreal continuous permafrost zone. Nat. Clim. Chang. (2026). https://doi.org/10.1038/s41558-026-02692-z