Pressemitteilung

Neueste Erkenntnisse zur MOSAiC-Scholle

Wissenschaftliche Studie beschreibt Kinderstube des Meereises und bildet die Grundlage für zukünftige Auswertung der Forschungsdaten
MOSAiC ice floe during Leg 4, June 30. 2020
MOSAiC Scholle Ende Juni (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Markus Rex)

Die Neusibirischen Inseln sind der Entstehungsort der MOSAiC-Scholle: Im Dezember 2018 bildete sich vor der Inselgruppe, die die Ostsibirische See und die Laptewsee nördlich von Sibirien voneinander trennt, das Meereis, mit dem das Forschungsschiff Polarstern durch die Arktis treibt. Dabei wurden auch Sedimente, kleine Steinchen und Muscheln mit in das Eis eingebaut, die jetzt, wo das Eis um Polarstern herum schmilzt, überall zum Vorschein kommen. Das ist ein immer seltener werdendes Phänomen, da heutzutage der größte Teil des „schmutzigen Eises“ schmilzt, bevor es überhaupt in die zentrale Arktis gelangen kann. Die Ergebnisse sind Teil einer Studie, die MOSAiC-Forschende jetzt in der Fachzeitschrift The Cryosphere veröffentlichen, und die die Grundlage für viele wissenschaftliche Auswertungen sein wird.

Auf den ersten Blick wirkt es, als hätten Menschen mit dreckverkrusteten Schuhen flächendeckend ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Stattdessen sind es jedoch Sedimente und sogar kleine Steine und Muscheln, die die Schmelze derzeit an der Oberfläche der MOSAiC-Eisscholle freigibt. Sie sind beim Entstehen des Meereises mit eingefroren worden und stammen dementsprechend aus der Kinderstube des Eises auf dem Sibirischen Schelf, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jetzt anhand von Modellrechnungen in Kombination mit Satellitendaten genau beschrieben haben.

Die MOSAiC-Eisscholle hatte bereits rund 1200 Seemeilen im Zickzackkurs zurückgelegt, als der Forschungseisbrecher Polarstern am 4. Oktober 2019 bei 85 °Nord und 137 °Ost festmachte und die Drift durchs Nordpolarmeer begann. Während die Forschenden in der Arktis mit ihren Messungen beschäftigt sind, analysieren Kolleginnen und Kollegen daheim die erhobenen Daten. Die genaue Analyse bestätigt die ersten Eindrücke aus der Anfangsphase der Expedition: „Die Auswertung zeigt, dass die gesamte Region, in der die beiden Schiffe nach Schollen gesucht haben, durch außergewöhnlich dünnes Eis geprägt war“, berichtet Dr. Thomas Krumpen, Meereisphysiker am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Der Erstautor der Cryosphere-Studie koordinierte im vergangenen Herbst die Wissenschaft auf dem russischen Forschungseisbrecher Akademik Fedorov, der das Flaggschiff der MOSAiC-Expedition, die Polarstern, die ersten Wochen ins Eis begleitete. Von der Akademik Fedorov aus fand der Aufbau von Messstationen in größerer Entfernung von der MOSAiC-Scholle – dem sogenannten „Distributed Network“ - statt.

„Unsere Studie zeigt, dass die Scholle, die wir letztendlich ausgesucht haben, im Dezember 2018 im Flachwasserbereich der russischen Schelfe gebildet wurde“, erläutert Thomas Krumpen. Vor den sibirischen Küsten drücken starke Winde das Eis von der Küste weg und es entsteht Neueis. Im Flachwasserbereich werden dann Sedimente vom Meeresboden nach oben aufgewirbelt und mit ins Eis eingeschlossen. Bei der Eisbildung können auch Presseisrücken entstehen, die manchmal über den Meeresboden kratzen. Das kann bewirken, dass Steine mit in das Meereis eingebaut werden. Mit der sommerlichen Eisschmelze tritt all dieses Material jetzt an die Oberfläche: „An mehreren Stellen haben wir ganze Haufen von Kieseln von mehreren Zentimetern Durchmessern gefunden und es sind auch Muscheln dabei“, berichtet MOSAiC-Leiter Prof. Markus Rex direkt aus der Arktis.

Thomas Krumpen ist zu Hause in Bremerhaven begeistert, dass das jetzt zutage tretende „Muscheleis mit Steinchen“, wie er es scherzhaft nennt, die Studie so eindeutig belegt. Das Autorenteam um den AWI-Forscher hatte eine Kombination aus Satellitenaufnahmen, Reanalysedaten sowie ein neu entwickeltes gekoppeltes thermodynamisches Modell zur Rückverfolgung (coupled thermodynamics-backtracking model) der Scholle genutzt. Jetzt stimmt er mit den Kollegen eine Strategie ab, um die Sedimente zu beproben. Wie stark die „schmutzigen“ und somit dunklen Flächen das Schmelzen der Scholle nun beschleunigen, ist eine wichtige Fragestellung, die zum Verständnis der Wechselwirkung zwischen Ozean, Eis und Atmosphäre sowie der biogeochemischen Kreisläufe und des Lebens in der Arktis beiträgt.

Neben mineralischen Komponenten gelangen von der Küste auf diesem Wege auch eine Reihe anderer biogeochemischer Stoffe und Gase in den zentralen Arktischen Ozean. Sie sind ein wichtiger Schwerpunkt der MOSAiC-Forschung zu biogeochemischen Kreisläufen, also der Bildung oder Freisetzung von Methan und anderen klimarelevanten Spurengasen im Jahresverlauf. Der in den letzten Jahren beobachtete starke Eisrückgang in der Arktis hat allerdings dazu geführt, dass genau dieses Eis, das von den flachen Schelfen kommt und Sedimente und Gase beinhaltet, im Sommer vermehrt schmilzt. Der Stofftransport wird dann also unterbrochen. Bereits in den 1990er Jahren waren AWI-Forschende mit der Polarstern mehrfach in jenem Teil der Arktis unterwegs, in der nun die MOSAiC-Expedition ihren Anfang nahm. Damals war das Eis am Anfang des Winters noch rund 1,60 Meter dick, während im vergangenen Jahr das Packeis bis auf 50 Zentimeter abgeschmolzen war – was auch die Suche einer ausreichend dicken Scholle im Herbst 2019 erschwert hatte.

Wir haben den glücklichen Umstand, dass wir eine Scholle gefunden haben, die den Sommer überlebt hat und von den russischen Schelfen stammt. So lassen sich Transportprozesse der ‚alten Arktis‘ untersuchen, die heutzutage nicht mehr oder nur noch teilweise funktionieren“, sagt Thomas Krumpen. Gerade in den hohen Breiten sorgt die globale Erwärmung für einen besonders raschen Temperaturanstieg. So hatten russische Wetterbeobachtungsstationen im Sommer 2019, dem Sommer vor Beginn der Expedition, Rekordtemperaturen aufgezeichnet. Die hohen Temperaturen haben ein rasches Abschmelzen begünstigt und die russischen Randmeere stark erwärmt. Als Folge dessen waren große Teile der Nordostpassage über 93 Tage eisfrei (Rekordwert seit Beginn der Satellitenaufzeichnung). Die Forscher erwarten, dass zukünftig im Falle weiterhin so hoher CO2 Emissionen - wie in den letzten Jahren – schon ab 2030 auch die zentrale Arktis im Sommer eisfrei sein wird. 

 

Weiterführende Links zum Thema „Transpolar Drift im Wandel“:

<link ueber-uns service presse-detailansicht presse transpolardrift-geschwaecht-meereis-schmilzt-bereits-in-seiner-kinderstube.html>www.awi.de/ueber-uns/service/presse-detailansicht/presse/transpolardrift-geschwaecht-meereis-schmilzt-bereits-in-seiner-kinderstube.html

https://www.meereisportal.de/mosaic/meereisticker/

Originalpublikation

Originalpublikation: Krumpen, T., Birrien, F., Kauker, F., Rackow, T., von Albedyll, L., Angelopoulos, M., Belter, H. J., Bessonov, V., Damm, E., Dethloff, K., Haapala, J., Haas, C., Harris, C., Hendricks, S., Hoelemann, J., Hoppmann, M., Kaleschke, L., Karcher, M., Kolabutin, N., Lei, R., Lenz, J., Morgenstern, A., Nicolaus, M., Nixdorf, U., Petrovsky, T., Rabe, B., Rabenstein, L., Rex, M., Ricker, R., Rohde, J., Shimanchuk, E., Singha, S., Smolyanitsky, V., Sokolov, V., Stanton, T., Timofeeva, A., Tsamados, M., and Watkins, D.: The MOSAiC ice floe: sediment-laden survivor from the Siberian shelf, The Cryosphere, 14, 2173-2187,https://doi.org/10.5194/tc-14-2173-2020

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Wissenschaft

Thomas Krumpen
+49(471)4831-1753

Pressestelle

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+49(0)471 4831-2007

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MOSAiC ice floe during Leg 4, June 30. 2020
Luftaufnahme der MOSAiC am 30. June 2020. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Markus Rex)
With the support of the Russian research vessel Akademik Fedorov and Russian helicopters, a Distributed Network of autonomous buoys was installed in a 40-km radius around the MOSAiC floe on 55 additional residual ice floes of similar age.
Mit Hilfe des russischen Forschungseisbrechers Akademik Fedorov wird das "Distributed Network" bestehend aus autonomen Bojen und weiteren Messstationen auf 55 Eisschollen in einem 40 Kilometer Radius rund um die Polarstern als Zentrales Obervatorium herum aufgebaut. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann)
RV Polarstern and Akademik Fedorov during cargo operations, MOSAiC leg 1.
Polarstern und Akademik Fedorov bei LAdungsarbeiten auf MOSAiC Fahrtabschnitt 1. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Jan Rohde)
Images produced by the MultiSpectral Instrument (MSI) on board the Sentinel 2 satellite, part of the European Union’s Copernicus programme, on 21 June (when Polarstern arrived back at the floe - indicated by the red star) and 30 June. The first meltwater pools have now formed on the MOSAiC floe and are rapidly growing. Modified Copernicus Sentinel data [2020]; scihub.copernicus.eu
Aufnahmen des Satelliten Sentinel 2 aus dem Europäischen Copernicus Programm am 21. und 30. Juni. Auf der MOSAiC-Scholle (Pfeil) bilden sich erste Schmelztümpel, die rasch wachsen. Modified Copernicus Sentinel data [2020] (scihub.copernicus.eu)
Aufnahmen des Satelliten Sentinel 2 aus dem Europäischen Copernicus Programm am 21. und 30. Juni. Auf der MOSAiC-Scholle (roter Stern) bilden sich erste Schmelztümpel, die rasch wachsen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Bennet Juhls; Modified Copernicus Sentinel data [2020]; scihub.copernicus.eu)
Ice Rafted Debris IRD in Sea ice found on the MOSAiC Floe Fortress during Leg 4. Brownish patterns on ice show the abundance of the gravels. Taken from the GoPro camera attached at the Polarstern helicopter.
Sedimente und Steinchen erscheinen auf der Luftaufnahme der Scholle als "dreckige" Flecken auf dem Eis. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / AWI Helicopter)
Pebbles from old ice appear at the ice surface during the melting period.
Die sommerliche Eisschmelze gibt Sedimente und Steinchen frei, die die Scholle neben der Polarstern dreckig aussehen lassen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Markus Rex)
The ice encountered on site prior the start of MOSAiC was severely weathered. Observations indicated that a large fraction was melted completely during summer months. Residual ice that survived was exceptionally thin and characterised by frozen-over melt ponds.
Zu Beginn der Expedition im Herbst 2019 war das Eis stark verwittert. Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil während der Sommermonate komplett geschmolzen war. Das Übriggebliebene war sehr dünn und zeuichnete sich durch überfrorene Schmelztümpel aus. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann)
Frozen sediments in a lifted piece of old sea ice. 
Eingefrorene Sedimente in einem hochgeschobenen Stück alten Meereises.
Eingefrorene Sedimente in einem hochgeschobenen Stück alten Meereises. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Markus Rex)
The ice encountered on site prior the start of MOSAiC was severely weathered. Observations indicated that a large fraction was melted completely during summer months. Residual ice that survived was exceptionally thin and characterised by frozen-over melt ponds.
Zu Beginn der Expedition im Herbst 2019 war das Eis stark verwittert. Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil während der Sommermonate komplett geschmolzen war. Das Übriggebliebene war sehr dünn und zeuichnete sich durch überfrorene Schmelztümpel aus. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann)
Scientists preparing the EM-Bird, an instrument towed by helicopters to measure thickness of sea ice.
Wissenschaftler bereiten den EM-Bird für eine Messung der Eisdicke vor. Das Gerät wird beim folgenden Messflug vom Helikopter über das Meereis geschleppt. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann)
With the support of the Russian research vessel Akademik Fedorov and Russian helicopters, a Distributed Network of autonomous buoys was installed in a 40-km radius around the MOSAiC floe on 55 additional residual ice floes of similar age.
Mit Hilfe des russischen Forschungseisbrechers Akademik Fedorov wird das "Distributed Network" bestehend aus autonomen Bojen und weiteren Messstationen auf 55 Eisschollen in einem 40 Kilometer Radius rund um die Polarstern als Zentrales Obervatorium herum aufgebaut. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann)
With the support of the Russian research vessel Akademik Fedorov and Russian helicopters, a Distributed Network of autonomous buoys was installed in a 40-km radius around the CO on 55 additional residual ice floes of similar age.
Mit Hilfe der Bordhelikopter des russischen Forschungseisbrechers Akademik Fedorov wird das "Distributed Network", bestehend aus autonomen Bojen und weiteren Messstationen auf 55 Eisschollen in einem 40 Kilometer Radius rund um die Polarstern als Zentrales Obervatorium ... (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann)
The floe seems dirty because of the sediments appearing at the surface during summer melt.
Die sommerliche Eisschmelze gibt Sedimente und Steinchen frei, die die Scholle neben der Polarstern dreckig aussehen lassen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Team ICE)
Ice Rafted Debris IRD in Sea ice found on the MOSAiC Floe Fortress during Leg 4.
Die Forschenden sammeln die Steinchen von der Scholle ein, um die Größe zu vermessen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Melinda Webster)
Ice Rafted Debris IRD in Sea ice found on the MOSAiC Floe Fortress
Die sommerliche Eisschmelze gibt Sedimente und Steinchen frei, die die Scholle neben der Polarstern dreckig aussehen lassen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Lisa Grosfeld)
Ice Rafted Debris IRD in Sea ice found on the MOSAiC Floe Fortress during Leg 4. Brownish patterns on ice show the abundance of the gravels.
Die sommerliche Eisschmelze gibt Sedimente und Steinchen frei, die die Scholle neben der Polarstern dreckig aussehen lassen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Lisa Grosfeld)
Ice Rafted Debris IRD in Sea ice found on the MOSAiC Floe Fortress during Leg 4. Brownish patterns on ice show the abundance of the gravels.
Die sommerliche Eisschmelze gibt Sedimente und Steinchen frei, die die Scholle neben der Polarstern dreckig aussehen lassen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Lisa Grosfeld)
Ice Rafted Debris IRD in Sea ice found on the MOSAiC Floe Fortress during Leg 4. Brownish patterns on ice show the abundance of the gravels.
Die sommerliche Eisschmelze gibt Sedimente und Steinchen frei, die die Scholle neben der Polarstern dreckig aussehen lassen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Lisa Grosfeld)
Overview of our sediment loaded ice floe: Met City, Balloon Town and Remote Sensing site are situated along the ridge to the right, ROV City in fromt of Polarstern's bow (left)
Überblick über unsere sedimentbeladene Heimat. Met City, Balloon Town und Remote Sensing liegen entlang des Rückens im rechten Bildbereich, ROV City liegt ganz links.
Overview of our sediment loaded ice floe: Met City, Balloon Town and Remote Sensing site are situated along the ridge to the right, ROV City in fromt of Polarstern's bow (left) Überblick über unsere sedimentbeladene Heimat. Met City, Balloon Town und Remote Sensing lieg... (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Markus Rex)