Die letzte Arktis-Strategie der Europäischen Union stammt aus dem Oktober 2021. Seitdem hat sich die Arktis drastisch verändert: der Klimawandel bedroht Natur und Mensch immer stärker, der Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 sowie der NATO-Beitritt von Schweden und Finnland zeichnen eine neue geopolitische Lage und das Interesse an kritischen Rohstoffen rückt die Region zunehmend in einen wirtschaftlichen Fokus. Dabei ist die Arktis direkt mit der gesellschaftlichen Stabilität, der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit und der Sicherheit in Europa verknüpft, denn sie ist auch Teil des Kontinents. Deshalb ist es unerlässlich, dass sich die EU stark und strategisch in der Region engagiert. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Wissenschaft zu, wenn es um wirksame Frühwarnsysteme und Schutzmaßnahmen geht. Dr. Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) ordnet die Stratege ein.
Was waren deine ersten Gedanken, als du die Strategie gelesen hast?
Die Strategie ist das, was ich erwartet habe. Es war klar, dass die EU einen Schwerpunkt auf Sicherheitspolitik legt und dass Grönland eine große Rolle spielen wird. Auch nicht wirklich überraschend war, dass die EU jetzt nicht mehr von einem Verbot für die Erschließung von Öl- und Gasvorkommen spricht. Da gab es einfach zu viel Widerstand und ein Verbot wäre auch einfach nicht realistisch, zum Beispiel sind wir in Deutschland auch vom norwegischen Gas abhängig. Auch wenn kein Verbot mehr gefordert wird, hat die EU ganz klar festgehalten, dass Öl und Gas bevorzugt im arktischen Boden bleiben sollen.
Sehr gut ist, dass die Themen Umwelt und Klima nicht hinten runtergefallen sind, sondern nach wie vor stark in der Strategie verankert sind. Das ist, wo wir in der Forschung ansetzen und was wichtig für uns ist.
Die eigentliche Hauptänderung in der Strategie ist für mich, dass die EU die Menschen in der Arktis stärker in den Fokus rückt. Sie hat jetzt wirklich gemerkt hat, dass die Arktis auch ein Teil von Europa ist. Immerhin leben dort 500.000 EU-Bürger:innen. Früher war das Verständnis immer eher, dass die Region weit weg von der EU ist. Es war zwar allen irgendwie bewusst, dass siegeschützt werden muss, aber die eigentliche Bedeutung für Europa war nie wirklich irgendwo festgehalten. Diese Veränderung zeigt sich auch darin, dass die Rechte der indigenen Bevölkerung klar herausgestellt wurden. Auch die enge Zusammenarbeit mit Indigenen auf Augenhöhe ist ein wichtiges Thema in der Forschung.
Etwas komisch fand ich den Titel „Europe's Northern Neighbourhood“. Denn wie die EU ja selber in ihrer Strategie sagt, ist die Arktis ja nicht wirklich ein Nachbar, sie ist ein Teil der EU. Mit dem Königreich Dänemark, Schweden und Finnland sind drei EU-Mitgliedsstaaten direkte Anrainer. Das ist ein wichtiger Punkt, der vielen nicht wirklich bewusst ist: Wir reden auch über EU-Gebiet, wenn wir über die europäische Arktis reden.
Was sind die zurzeit wichtigsten Probleme für Mensch und Natur in der Arktis?
Das Hauptproblem ist ganz klar der Klimawandel. Und den muss auch die EU natürlich angehen, denn: Der Klimawandel wird nicht in der Arktis „gemacht“ sondern durch CO2-Emissionen von außerhalb, aus Europa und global. Der neue Report des UN-Umweltprogramms UNEP zum Klimawandel sagt, dass wir bei der gegenwärtigen Politik bis 2100 bei einer globalen Erwärmung von 2,8 Grad Celsius liegen. Dazu müssen wir berücksichtigen, dass sich die Arktis fast viermal schneller erwärmt als der Rest der Welt. Da kann man sich ausrechnen, was diese 2,8 Grad für die Arktis bedeuten. Deshalb ist es ganz wichtig, dass die EU in ihrer Arktisstrategie ganz klar gesagt hat, dass die EU-Klimaziele, also Klimaneutralität bis 2050, weiter bestehen. Die Erwärmung schreitet aber natürlich trotzdem voran.
Wenn man nun ganz konkret fragt, was die EU machen kann, kann sie nur schauen, dass sie die Klimafolgen besser versteht und darauf vorbereitet ist. Und hier ist dann die Forschung gefragt, um wirksame Frühwarnsysteme und Schutzmaßnahmen aufzubauen und vorbereiten. Das zeigt sich in der Strategie zum Beispiel beim Tiefseebergbau oder beim Geo-Engineering. Beides lehnt die EU ab, solange die Wissenschaft nicht hinter diesen Technologien steht.
Wie sieht die Umsetzung der Strategie aus? Und wie lässt sich überprüfen, ob die Maßnahmen konsequent umgesetzt werden und wirken?
Eine Maßnahme wären zum Beispiel Überwachungssysteme für den Zustand der Arktis, die auf Fernerkundungs- und Beobachtungssystemen basieren. Kooperationen mit Nationen, die die gleichen Werte vertreten, werden auch immer wichtiger, zum Beispiel um Eisbrecher-Kapazitäten zu teilen. Schon jetzt können sich die nicht EU-Staaten Norwegen, Kanada, Island und Grönland an EU-Projekten beteiligen. Für die EU sind Kanada, Korea und Japan wichtige Partner gerade bei der Infrastruktur. Auch die digitale Konnektivität wird immer mehr ausgebaut werden, um konkret Grönland, später vielleicht auch asiatische Partner mit der EU zu verbinden.
Einen konkreten Kontrollmechanismus gibt es in der EU Strategie nicht wirklich. Allerdings gibt es schon ein paar Möglichkeiten, wie man die Umsetzung der Maßnahmen, die angesprochen wurden, langfristig prüfen kann. Beim Thema Sicherheit kann man zum Beispiel schauen, ob es denn wirklich eine Zusammenarbeit zum Schutz kritischer Infrastrukturen zwischen EU, NATO und Arktis-Anrainerstaaten gibt. Bei Klima und Umwelt geht es um eine langfristige Finanzierung für Forschung oder Beobachtungssysteme und die Frage, ob und wie diese Daten wirklich in politische Entscheidungen eingeflossen sind. Im direkten Dialog mit der indigenen Bevölkerung kann man herausfinden, ob sie angemessen an Forschung, Finanzierung und Entscheidungen eingebunden sind und ob ihre Rechte gewahrt werden. Für eine nachhaltige Entwicklung bei Energie und Rohstoffen könnte man in drei Jahren schauen, worein investiert wurde und ob es dadurch zum Beispiel neue Arbeitsplätze gibt. Und letztendlich brauchen wir natürlich eine Art Evaluierung, ob die Ziele wirklich umgesetzt worden oder ob sie im Endeffekt nur auf dem Papier standen.
Was bedeutet die neue Strategie für Deutschland und die deutsche Politik?
Für die deutsche Politik ist die neue EU-Strategie eigentlich eine Bestätigung. Die Leitlinien für die deutsche Arktispolitik wurden vor zwei Jahren neu aufgelegt, auch als Reaktion auf den Angriff auf die Ukraine. Die Inhalte sind sehr ähnlich zur EU-Strategie: Sicherheit, Klima- und Umweltschutz und Forschung finden in beiden Dokumenten einen Platz. Neu sind Punkte zu kritischen Infrastrukturen. Aber eigentlich ist die EU-Strategie eine Bestätigung, dass wir unsere Arbeiten so wie wir uns das vorgestellt haben weiterführen können.
Was bedeutet die neue Strategie fürs AWI?
Es ist wichtig für uns, dass die Forschung wirklich als Grundlage für die Arktispolitik angesehen wird. Das hat hier scheinbar auch funktioniert: unsere Forschung zu Klimaentwicklung, Kippunkten oder Biodiversität sind alles Punkte, die in der Strategie genannt werden. Es wird auch das vom AWI koordinierte Projekt POLARIN prominent genannt, das den Zugang zu polaren Forschungsinfrastrukturen ermöglicht. Ein weiteres wichtiges in dem Zusammenhang zu nennendes Projekt ist Arctic PASSION, das sich mit dem Aufbau eines pan-arktisches Beobachtungssystem beschäftigt hat. Das European Polar Coordination Office, das aus dem vom AWI koordinierten Projekt EU Polarnet entstanden ist, soll jetzt die Abstimmung zwischen Forschung, Beobachtung und Politik vernetzen und fördern. Auch für das AWI ist wichtig, dass wir unsere Infrastrukturen besser gemeinsam nutzen und vernetzen. Das wird sich in ein paar Jahren zeigen, ob das funktioniert hat.
Auch die gleichberechtigte Zusammenarbeit mit indigenen Partnern und die Einbeziehung von indigenem Wissen sind am AWI ein großes Thema geworden, ebenso wie die Zusammenarbeit mit Grönland, da machen wir sehr viel. Die EU hat in Grönland Investitionen in Höhe von 200 Millionen Euro für 2026/27 vorgesehen, natürlich auch im Hinblick auf kritische Rohstoffe, die es in Grönland gibt oder erneuerbare Energien.
Für die Forschung ist die EU ein ganz wichtiger Geldgeber und EU Projekte haben von vornerein eine transdisziplinäre Struktur, die Akteure aus verschiedenen Bereichen zusammenbringt. Diese Herangehensweise kann auch als Beispiel für Arktisforschung im Allgemeinen dienen. Wenn es dann auch noch weitergeht, und die Ergebnisse in die Politik einfließen, dann kann man sagen, wir sind am Ziel angekommen.