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Was die Arktis mit Europas Zukunft zu tun hat

Das AWI bringt seine wissenschaftliche Expertise in die Aktualisierung der EU-Arktisstrategie ein
Kongsfjorden aus der Vogelperspektive
Kongsfjorden aus der Vogelperspektive (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath)

Der Rückgang des Meereises, tauender Permafrost und neue Schifffahrtsrouten: Die Arktis verändert sich rasant. Die Folgen reichen weit über die Polarregion hinaus und betreffen auch Europa. Zugleich stellt die veränderte geopolitische Lage die Europäische Union vor neue sicherheitspolitische Herausforderungen. Wie die EU auf diese Entwicklungen reagieren kann, soll eine Aktualisierung ihrer Arktisstrategie aus dem Jahr 2021 zeigen. Forschende des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) haben ihre wissenschaftliche Expertise in den Prozess mit eingebracht.

Die Arktis erwärmt sich deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Der rasche Rückgang des Meereises, das beschleunigte Auftauen von Permafrostböden und die Veränderungen der Ozeanzirkulation können weitreichende Folgen für das Klima und die Lebensbedingungen in Europa haben. Gleichzeitig gewinnt die Region geopolitisch und wirtschaftlich an Bedeutung. Die drei EU-Mitgliedstaaten Finnland, Schweden und das Königreich Dänemark gehören zu den arktischen Anrainerstaaten. Welche Bedeutung die Region für Europa hat, wurde auch just beim EU-Arktis-Gipfel am 13. und 14. September 2026 im finnischen Rovaniemi deutlich, an dem unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz teilnahm. Vor diesem Hintergrund überarbeitet die Europäische Kommission ihre Arktisstrategie. Im Rahmen einer öffentlichen Online-Konsultation und eines sogenannten Call for Evidence, einem Aufruf zur Einreichung fachlicher Stellungnahmen, konnten Anfang des Jahres Empfehlungen für die Aktualisierung abgegeben werden.

Das AWI war an beiden Verfahren beteiligt. Eine Gruppe von etwa zehn AWI-Wissenschaftler:innen erarbeitete Stellungnahmen mit konkreten Empfehlungen für die europäische Arktispolitik. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse dazu beitragen können, Umweltrisiken frühzeitig zu erkennen, politische Entscheidungen auf eine verlässliche Wissensgrundlage zu stellen und die Zukunft der Arktis gemeinsam mit den dort lebenden Menschen zu gestalten. „Mit unseren Empfehlungen möchten wir dazu beitragen, dass die aktualisierte EU-Arktisstrategie die Bedeutung der Forschung stärker berücksichtigt. Dabei geht es uns auch darum, konkret aufzuzeigen, welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen”, erklärt Volker Rachold, der Leiter des Deutschen Arktisbüros am AWI. „Die EU-Arktisstrategie gibt auch die Richtung für zukünftige Forschungsprogramme vor. Deshalb war es uns besonders wichtig, dass die Themen Klima- und Umweltschutz und Forschung auch weiterhin einen festen Platz darin haben und nicht von geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen in den Hintergrund gedrängt werden.“

Um geeignete Handlungsmaßnahmen für die Arktis entwickeln zu können, ist ein umfassendes Verständnis der Veränderungen im arktischen Klimasystem erforderlich. Das AWI empfiehlt deshalb, die Grundlagenforschung zu stärken und langfristige Umweltbeobachtungen dauerhaft zu gewährleisten.

Das von der EU finanzierte POLARIN-Projekt ist ein Beispiel dafür, wie ein koordinierter europäischer und internationaler Zugang zu polaren Forschungsinfrastrukturen die Effizienz, Interoperabilität und wissenschaftliche Wirkung steigern kann. In diesem Zusammenhang wäre außerdem der Aufbau einer europäischen Eisbrecherflotte eine strategische Investition in das langfristige Vorgehen Europas in der Arktis. Das würde die Fähigkeit der EU stärken, unabhängige, ganzjährige Forschung in den Polarregionen zu betreiben und eine gemeinsame Plattform für die internationale Zusammenarbeit bieten.

Die AWI-Wissenschaftler:innen empfehlen weiterhin, den arktischen Bereich des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus auszubauen. Durch die Verknüpfung von Satellitendaten mit Messungen vor Ort und die Bereitstellung über gemeinsame Datenplattformen lassen sich Umweltveränderungen genauer erfassen und Vorhersagen verbessern. Dabei sollen auch neue Technologien eine größere Rolle spielen. Durch autonome Beobachtungssysteme und Biosensoren sind zusätzliche Messungen in schwer zugänglichen Gebieten möglich. Mithilfe von künstlicher Intelligenz können große Datenmengen effizienter ausgewertet werden. Gleichzeitig plädiert das AWI dafür, die Zusammenarbeit zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften zu stärken. So können neben den physikalischen und ökologischen Veränderungen auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen besser berücksichtigt werden.

Eine weitere zentrale Empfehlung betrifft die Beteiligung Indigener Bevölkerungsgruppen und lokaler Gemeinschaften. Sie erleben die Auswirkungen des Klimawandels direkt und haben umfangreiches Wissen über ihren Lebensraum. Dieses ist für wissenschaftliche Beobachtungen gleichermaßen wichtig und kann helfen, regionale Veränderungen und ihre Folgen besser einzuordnen. Aus Sicht des AWI sollten Indigene Bevölkerungsgruppen und lokale Gemeinschaften deshalb frühzeitig und gleichberechtigt in Forschungsprojekte und politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Nur wenn Fragestellungen gemeinsam entwickelt werden, können Forschungsergebnisse gezielter dazu beitragen, Lösungen für lokale Herausforderungen zu finden.

Um die Veränderungen in der Arktis besser zu verstehen, ist die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg besonders wichtig. Internationale Forschungsnetzwerke und die Arbeitsgruppen des Arktischen Rates, an deren Arbeit die EU als Beobachter mitwirkt, leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Eine besondere Gelegenheit zur Zusammenarbeit bietet dabei das fünfte Internationale Polarjahr 2032/2033, bei dem wissenschaftliche Aktivitäten koordiniert und der Austausch zwischen Forschenden, Indigenen Wissensträger:innen und weiteren Interessengruppen gefördert werden soll.

Mit seinen Stellungnahmen zur Aktualisierung der EU-Arktisstrategie macht das AWI deutlich, wie wichtig langfristig gesicherte Forschung ist. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse sind eine wesentliche Voraussetzung, um die Folgen des arktischen Wandels einschätzen zu können und wirksame politische Maßnahmen zu entwickeln.

Kontakt

Wissenschaft

Volker Rachold
+49(331)581745801

Pressestelle

Heide Matz
+49(471)4831-2138

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Kongsfjorden aus der Vogelperspektive
Kongsfjorden mit Vogelschutzgebiet-Insel in Spitzbergen, Norwegen (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath)
Permafrostlandschaften auf Spitzbergen
Permafrostlandschaften auf Spitzbergen (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Jaroslav Obu)
Permafrostlandschaften auf Spitzbergen
Permafrostlandschaften auf Spitzbergen (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Jaroslav Obu)