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Löcher im Meereis stärkten in der Vergangenheit den antarktischen Eisschild

AWI-Forschende können zum ersten Mal Temperatur und Salzgehalt unter der Oberfläche des Südlichen Ozeans vor der Ostantarktis während der letzten Eiszeit rekonstruieren und zeigen, dass heutige Prozesse die Bildung von Polynjas verhindern könnte
Eine neue Studie zeigt, dass es während der letzten Eiszeit immer wieder Polynjas gab, die sehr wahrscheinlich flächenmäßig größer als Deutschland waren und den Antarktischen Eisschild massiv beeinflusst haben
Pine Island Bucht (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Thomas Ronge)

Polynjas sind wie ein Fenster, durch das der Ozean und die Atmosphäre miteinander agieren können. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass heutige Veränderungen in der Antarktis verhindern könnte, dass diese entstehen. 

Löcher im Meereis stärkten in der Vergangenheit den antarktischen Eisschild

AWI-Forschende können zum ersten Mal Temperatur und Salzgehalt unter der Oberfläche des Südlichen Ozeans vor der Ostantarktis während der letzten Eiszeit rekonstruieren und zeigen, dass heutige Prozesse die Bildung von Polynjas verhindern könnte

Der Südliche Ozean, der den antarktischen Kontinent umgibt, schützt das Meereis vor der Wärme aus den anderen Weltmeeren, indem er sie in seinen Tiefen einschließt. Unter bestimmten Bedingungen kann diese Wärme jedoch an die Oberfläche gelangen, wo sie große Löcher mitten in der Meereisdecke aufbricht. Diese Polynjas sind wie ein Fenster, durch das der Ozean und die Atmosphäre miteinander agieren können. Außerdem sind sie wahre Hotspots für Einzeller wie Phyto- oder Zooplankton. Forschende des Alfred-Wegener-Instituts konnten nun zum ersten Mal anhand von marinen Sedimentkernen die Temperatur und den Salzgehalt des Südlichen Ozeans während der letzten Eiszeit mit hoher zeitlicher Auflösung zu rekonstruieren. Ihre Ergebnisse zeigen, dass es während dieser Zeit immer wieder Polynjas gab, die sehr wahrscheinlich flächenmäßig größer als Deutschland waren und den Antarktischen Eisschild massiv beeinflusst haben. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Nature Communications.

Der Südliche Ozean ist wie Sandwich geschichtet: Oben fließt kälteres, weniger salziges Wasser aus geschmolzenen Eismassen, weiter unten, ab 200 Metern, strömt warmes, salziges Tiefenwasser aus den Weltmeeren ein und in der Tiefe ab 1.500 Metern ist das Wasser kalt und salzig. Die Unterschiede in Temperatur und im Salzgehalt machen die Wassermassen unterschiedlich schwer, so dass sie stabil geschichtet bleiben. Nur Einflüsse wie starke Winde oder Veränderungen in der Dichtestruktur können eine Durchmischung der Schichten erzwingen – vor allem wenn das Wasser an der Oberfläche kälter und salziger wird, während das Wasser in der Tiefe wärmer wird. Folglich bestimmen Variationen in der Schichtung des oberen Ozeans den Grad der Vermischung zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser. Schafft es das warme Wasser aus der mittleren Schicht nach oben, schmilzt es das Meereis von unten und es entsteht ein Loch mitten in der Meereisdecke – sogenannte Polynjas. Diese können riesige Ausmaße annehmen: In den 1970ern klaffte mit der Großen Weddell-Polynja am Maud Rise ein Loch im antarktischen Eis, das so groß wie Deutschland war. 

„Polynjas verändern die Art, wie Ozean und Atmosphäre miteinander interagieren“, sagt Tainã Pinho, Erstautor vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „An diesen Stellen kann Wärme aus dem Meer entweichen, sie geben Feuchtigkeit an die Luft ab und beeinflussen das Meereis, die Ozeanzirkulation und den Schneefall in der Antarktis.“ In seiner Studie hat der Paleoklimaforscher Sedimentkerne aus der Ostantarktis untersucht und Anzeichen gefunden, dass sich während der letzten Eiszeit (zwischen 75.000 und 19.000 Jahren vor heute) immer wieder Polynjas gebildet haben, die sogar noch größer waren als jene aus den 1970ern. „Obwohl sie Löcher im Meereis verursachen, könnten Polynjas in der Vergangenheit durch ihre Wirkung auf das Klima dazu beigetragen haben, dass sich der Rand des ostantarktischen Eisschildes verdicken konnte.“ 

Denn ein so enormes, wiederkehrendes Freiwassergebiet im südlichen Ozean, der ansonsten mit Eis bedeckt war, gibt große Mengen Wärme und Feuchtigkeit an die Atmosphäre ab. Gepaart mit kühlen Temperaturen in der Antarktis zu dieser Zeit, fiel mehr Schnee, der sich am Rand des Kontentalschelf sammelte und so den vorrückenden Eisschild verdickte. „Was uns überrascht hat war, dass sich das tiefe Wasser des Südlichen Ozeans über Jahrtausende hinweg immer wieder erwärmt hat, während sich die Atmosphäre über der Antarktis abkühlte“, so Tainã Pinho. „Einen möglichen Grund für dieses gegenphasige Muster konnten wir in unseren Sedimentkernen finden.“ Denn mit diesen konnten die Forschenden die Temperatur und den Salzgehalt des Südlichen Ozeans, nur wenige Kilometer vom Dronning Maud Land (Ostantarktis) entfernt, während der letzten Eiszeit zum ersten Mal zu rekonstruieren. „Unser Datensatz ist die sowohl höchste zeitliche Auflösung als auch die südlichste bisher veröffentlichte Nachbildung der Ozeantemperatur unter der Erdoberfläche.“ 

Ermöglicht haben das winzig kleine Einzeller (planktonische Foraminifere) und ihre Kalkschalen: Diese sind geochemische Archive, die Informationen über die Temperatur und den Salzgehalt des Wassers, in dem sie lebten, sowie über die Algenblüte zu dieser Zeit enthalten. „Unsere Untersuchungen legen nahe, dass in der Vergangenheit Schwankungen in der Schichtung zwischen de, kalten Oberflächenwasser und dem wärmeren Tiefenwasser gab“, erklärt Tainã Pinho. Das könnte entweder dazu geführt haben, dass sich die Schichtung zwischen den oberen Wassermassen verstärkt hat oder sich Polynjas gebildet haben. „Dass sich der Ozean unter der Oberfläche erwärmt hat, während der Salz- und Nährstoffgehalt anstieg, deutet darauf hin, dass die Schichtung zusammengebrochen ist, warmes Wasser an die Oberfläche gelangen und eine Polynja verursacht haben könnte.“ 

Bestätigt wird diese Annahme durch die außergewöhnliche Fülle und Erhaltung von planktonischen Foraminiferen an so einem Ort während einer Eiszeit. Denn eigentlich sind derart günstige Bedingungen entlang des antarktischen Kontinentalrandes sehr ungewöhnlich. „Eine erhöhte biologische Produktivität deutet darauf hin, dass an diesen Stellen vermehrt Licht in den Ozean einfallen konnte, weil hier die Eisdecke fehlte.“ 

Der Blick in die Vergangenheit zeigt auch, was in der Antarktis im heutigen Zeitalter passieren könnte: Die Mechanismen, die während der letzten Eiszeit ermöglichten, dass der Südliche Ozean Wärme abgeben konnte und sich der Eisschild verdicken konnte, werden in der heutigen Zeit massiv durch den zunehmenden Eintrag von Süßwasser aus dem schmelzenden antarktischen Eis gestört. Das führt zu einer noch stärkeren Schichtung, die eine Durchmischung in der Tiefe unterdrückt. Infolgedessen wird Wärme im Untergrund zurückgehalten, anstatt an die Oberfläche und in die Atmosphäre zu gelangen. Dieses Wasser kann dann das Schmelzen des Schelfeises verstärken und so zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen. „Es wird projiziert, dass die Weddell-Polynja zukünftig aussterben könnte, was das unterirdische marine Wärmereservoir in der Nähe der Ostantarktis lokal vergößern kann.“

„Wir schließen mit unserer Studie eine entscheidende Lücke in unserem Verständnis der vergangenen Dynamik des Südlichen Ozeans“, sagt Tainã Pinho. „Das ist wichtig um die Rückkopplungen zwischen Eis, Ozean und der Atmosphäre zu verstehen, ebenso wie ihre Auswirkungen über menschliche und geologische Zeitskalen.“ 

Weitere Informationen

Behind the Paper von Tainã Pinho 

Originalpublikation

Pinho, T.M.L., Nürnberg, D., Nele Meckler, A. et al. Millennial-to-orbital-scale subsurface ocean warming and Polynya formation off Dronning Maud Land during the last glacial.Nat Commun 17, 2440 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-70498-w 

Kontakt

Wissenschaft

Tainã Marcos Lima Pinho
+49(471)4831-2207

Pressestelle

Sarah Werner
+49 471 4831 2008

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Eine neue Studie zeigt, dass es während der letzten Eiszeit immer wieder Polynjas gab, die sehr wahrscheinlich flächenmäßig größer als Deutschland waren und den Antarktischen Eisschild massiv beeinflusst haben
Eine neue Studie zeigt, dass es während der letzten Eiszeit immer wieder Polynjas gab, die sehr wahrscheinlich flächenmäßig größer als Deutschland waren und den Antarktischen Eisschild massiv beeinflusst haben (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Thomas Ronge)
Der Südliche Ozean ist wie Sandwich geschichtet: Unterschiede in Temperatur und im Salzgehalt machen die Wassermassen unterschiedlich schwer, so dass sie stabil geschichtet bleiben. Einflüsse wie starke Winde oder Veränderungen in der Dichtestruktur können jedoch eine Durchmischung der Schichten erzwingen. Schafft es das warme Wasser aus der mittleren Schicht nach oben, schmilzt es das Meereis von unten und kreiert Polynjas.
Der Südliche Ozean ist wie Sandwich geschichtet: Unterschiede in Temperatur und im Salzgehalt machen die Wassermassen unterschiedlich schwer, so dass sie stabil geschichtet bleiben. Einflüsse wie starke Winde oder Veränderungen in der Dichtestruktur können jedoch eine D... (Grafik: Alfred-Wegener-Institut / Tainã Pinho)