Pressemitteilung

Klimaflüchtling Kabeljau

Hohe Wahrscheinlichkeit für Verlust von Laichgebieten bei mehr als 1,5 Grad Erwärmung
Polar cod in ice
Polardorsch im Eis (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Jasmine Nahrgang, UIT The Arctic University of Norway)

Aktuelle Untersuchungen von AWI-Forschern zeigen, dass sich die Überlebenschancen für den Nachwuchs wichtiger Fischarten im Nordatlantik dramatisch verschlechtern, falls das 1,5°C Ziel des Pariser Klimaabkommens nicht erreicht wird. Bei unverminderter Erwärmung und Versauerung der Meere wären der Kabeljau und sein arktischer Verwandter –  der Polardorsch – gezwungen sich neue Lebensräume im Hohen Norden zu suchen. Ihre Bestände könnten schrumpfen. Betroffen wären nicht nur die Kabeljaufischer in Norwegen, Island oder Russland, sondern auch arktische Robben, Seevögel und Wale, für die der Polardorsch eine essentielle Nahrungsquelle darstellt. Die Ergebnisse der Studie im Fachmagazin Science Advances zeigen allerdings auch, dass eine stringente Klimapolitik die schlimmsten Folgen für Tier und Mensch verhindern könnte.

Es gibt Fische, die es ausgesprochen kühl lieben – und die sich nur in kaltem Wasser vermehren können. Der Kabeljau gehört dazu, ein bekannter und beliebter Speisefisch. Noch stärker an die Kälte angepasst ist der Polardorsch, der in der Arktis in großen Schwärmen unter dem Meereis überwintert. Der Polardorsch laicht bei Wassertemperaturen zwischen 0 und 1,5 Grad Celsius, weil sich die befruchteten Eier beziehungsweise Embryonen bei dieser Temperatur am besten entwickeln können. Der Kabeljau wiederum laicht bei 3 bis 7 Grad. Das ist aus menschlicher Perspektive ausgesprochen kalt. Die AWI-Forscher Flemming Dahlke und Dr. Daniela Storch sind davon überzeugt, dass diese Abhängigkeit von kaltem Wasser beiden Fischarten zum Verhängnis werden könnte. Denn mit dem Klimawandel werden sich vor allem die nordatlantischen und arktischen Meeresgebiete stark erwärmen, wenn es der Menschheit nicht gelingt, den Ausstoß vom Treibhausgas Kohlendioxid massiv einzuschränken. Hinzu kommt das Problem der Ozeanversauerung, denn je mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt, desto mehr Kohlendioxid löst sich im Meer. Kohlendioxid verbindet sich mit Wasser zur Kohlensäure, die bei ihrem Zerfall dann das Meer versauert. „Damit werden Kabeljau und Polardorsch künftig doppelt gestresst: Ihr Lebensraum wird wärmer und saurer zugleich“, sagt der Meeresökologe Flemming Dahlke.

Als erste Forscher weltweit haben er und Projektleiterin Dr. Daniela Storch jetzt in aufwendigen Experimenten untersucht, wie sich eine gleichzeitige Versauerung und Erwärmung auf die Eier der beiden Arten auswirken wird. Die beiden AWI-Forscher konzentrierten sich besonders auf die Entwicklung der Embryonen bis zum Schlüpfen der nur wenige Millimeter großen Larven. In dieser Entwicklungsphase ist der Nachwuchs besonders empfindlich gegenüber Umweltbedingungen, wie sie sich mit dem Klimawandel einstellen könnten. Entsprechend ernüchternd sind die Ergebnisse: Bei beiden Fischarten führt bereits eine geringe Erhöhung der Temperatur zum Absterben der Eier. „Wie sich zeigt, reagieren die Embryonen vor allem in einer frühen Phase ihrer Entwicklung empfindlich“, sagt Flemming Dahlke. Wie die Experimente verdeutlichen, verschlimmert sich die Situation noch, wenn das Wasser versauert: Die Zahl der sterbenden Embryonen steigt um weitere 20 bis 30 Prozent bei pH 7,7, selbst bei optimalen Temperaturen.

Die Arbeit der AWI-Forscher ist auch deshalb einzigartig, weil sie die Erkenntnisse aus dem Labor mit etablierten Klimamodellen verknüpft haben. Die Klimamodelle sagen voraus, wie stark sich die Temperaturen in verschiedenen Meeresgebieten künftig mit dem Klimawandel verändern werden und wie sehr diese versauern. Aus ihren Experimenten können die beiden Forscher jetzt genau ableiten, in welchen Gebieten sich Kabeljau und Polardorsch künftig nicht mehr erfolgreich vermehren können. Erkennbar ist auch, dass sich die Bestände der Fische künftig verschieben könnten, weil die Elterntiere neue Laichgebiete aufsuchen müssen, in denen die Eier beziehungsweise Embryonen noch gute Bedingungen für eine erfolgreiche Entwicklung finden. Dabei betrachten Flemming Dahlke und Daniela Storch drei Klimaszenarien: Das Business-as-usual-Szenario, bei dem der Kohlendioxid-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts im Vergleich zu heute nicht wesentlich verringert wird, ein Klimaszenario mit moderater Erwärmung und das sogenannte 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens. Demnach darf sich die Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts um höchstens 1,5 Grad erwärmen, wenn man die ärgsten Folgen des Klimawandels vermeiden will. Gemeinsam mit AWI-Klimamodellierer Martin Butzin haben sie interessante Erkenntnisse gewonnen. „Die zeigen für das Business-as-usual-Szenario, dass sich die Bedingungen für den Kabeljau-Nachwuchs gegen Ende dieses Jahrhunderts im Nordatlantik erheblich verschlechtern“, sagt Meeresökologe Flemming Dahlke. „In den Gewässern vor Island und Norwegen werden bis zu 60 Prozent weniger Dorschlarven aus den Eiern schlüpfen.“ Bei mittlerer Erwärmung könnte sich die Situation für die Eier bereits verbessern. Insgesamt jedoch dürfte sich der Kabeljaubestand des Nordatlantik in Arktische Gewässer verschieben, wo die Laichgründe noch ausreichend gute Bedingungen vorweisen. Vor allem die Fischerei könnte das vor Probleme stellen, denn heute ist der Kabeljaubestand in den Gewässern um Island und Norwegen der größte weltweit. Jährlich werden hier rund 800.000 Tonnen Kabeljau mit einem Wert von zwei Milliarden Euro gefangen. Sollte der Bestand einbrechen, wie die Ergebnisse der beiden AWI-Experten andeuten, wären die Verluste immens.

Für den Polardorsch sieht es finsterer aus. Diese Fischart wird sich mit der Erwärmung des Wassers nicht nur beim Business-as-usual-Szenario weiter nach Norden zurückziehen, sondern auch bei einer mittleren Erwärmung. Da der Polardorsch für die Überwinterung auf das Meereis angewiesen ist, bleibt offen, wie sich die Bestände entwickeln, wenn die Meereisfläche mit dem Klimawandel weiter schrumpft. Auch ist unklar, inwieweit der Kabeljau in das Areal des Polardorsches vordringt. Der Kabeljau ist deutlich größer und aggressiver als der Polardorsch. Es ist denkbar, dass er dem Polardorsch die Nahrung streitig macht. In jedem Fall wäre eine Abnahme des Polardorschbestands katastrophal, weil er für viele Tiere in der Arktis eine wichtige Lebensgrundlage ist – für Robben, Seevögel oder auch Wale.

Die Verbreitungsgrenzen von Fischarten hängen auch davon ab, wo optimale Temperaturen für die Vermehrung herrschen. Die Experimente von Flemming Dahlke und Daniela Storch konnten nun erstmalig belegen, dass die Versauerung die Embryonen nicht nur empfindlicher gegenüber warmen sondern auch gegenüber kalten Temperaturen macht. „Wir sehen, dass der Kabeljaunachwuchs nicht nur auf wärmere Temperaturen empfindlich reagiert, sondern auch auf besonders kalte“, sagt Daniela Storch. „Die Versauerung verstärkt diesen Effekt.“ Im Klartext: Der geeignete Temperaturbereich für die Vermehrung von Kabeljau und Polardorsch verengt sich durch die zusätzliche Versauerung. Flemming Dahlke: „Die Fische werden empfindlicher gegenüber extremen Temperaturen und somit auch gegenüber der zu erwartenden Erwärmung“. Dies hat letztlich zur Folge, dass potentielle Laichgebiete schrumpfen und den Fischen dadurch eventuell auch insgesamt weniger Lebensraum zur Verfügung steht.

Flemming Dahlke betont, dass die Vorhersage über die Bestandsentwicklung trotz der klaren Ergebnisse der Experimente extrem schwierig ist. „Es hängt zum Beispiel auch von den Meeresströmungen und dem Nahrungsangebot ab, ob sich die Embryonen und Larven erfolgreich durchsetzen können.“ So laicht der Kabeljau in der Nähe der Lofoten, einer Inselgruppe nordwestlich von Norwegen. Mit der Strömung driften die im Wasser treibenden Eier und später die Larven gen Norden, wo sie ideale Lebensbedingungen finden. „Verschieben sich die Kabeljaubestände beziehungsweise die Laichgebiete künftig weiter nach Nordosten, werden die Tiere vermutlich in ganz anderen Strömungssystemen ablaichen“, sagt Flemming Dahlke. „Wie sich das auswirkt, können wir noch gar nicht abschätzen.“

Eine gute Nachricht gibt es, sagt Daniela Storch: „Bei Erreichen der Klimaziele von 1,5°C kann das Schlimmste verhindert werden, wichtige Laichgebiete können erhalten bleiben und damit die Risiken für beide Arten minimiert werden.“

Originalpublikation

Flemming T. Dahlke, Martin Butzin, Jasmine Nahrgang, Velmurugu Puvanendran; Atle Mortensen, Hans-Otto Pörtner und Daniela Storch: Northern cod species face spawning habitat losses if global warming exceeds 1.5 °C. Science Advances (28. November 2018) DOI: 10.1126/sciadv.aas8821

Die Arbeiten wurden durchgeführt im Rahmen des BIOACID Projektes.

Kontakt

Wissenschaft

Daniela Storch
+49(471)4831-1934

Pressestelle

Folke Mehrtens
+49(0)471 4831-2007

Downloads

Polar cod in ice
Polardorsch im Eis (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Jasmine Nahrgang, UIT The Arctic University of Norway)
Atlantic Cod in a tank
Kabeljau in einem Versuchsbecken (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Felix Mark)
Egg of Polar Cod ca. 24 h after fertilization. 
Ei des Polar Dorsches ca 24 Std. nach der Fertilisierung. Es findet gerade die erste Zellteilung statt...der Beginn des Lebens! Foto: Flemming Dahlke
Ei des Polardorsches etwa 24 Stunden nach der Fertilisierung. Es findet gerade die erste Zellteilung statt...der Beginn des Lebens! (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Flemming Dahlke)
Polar Cod: Newly hatched larva
Eine frisch geschlüpfte Polardorsch-Larve etwa 50 Tage nach der Befruchtung. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Flemming Dahlke)
Atlantic cod embryos, The eggs have a diametre of ca 1.5 mm.
Kabeljau-Embryonen, die Eier haben einen Durchmesser von etwa 1,5 Milimetern. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Flemming Dahlke)
Distribution patterns of (A) Atlantic cod and (B) Polar cod. These waters are inhabited by different Atlantic cod and Polar cod populations, all of which reproduce during winter and spring (Atlantic cod: March-May, Polar cod: December-March) at species-specific locations (i.e. spawning habitats, blue-shaded areas) with characteristic temperature and sea-ice conditions (Atlantic cod: 3 to 7 °C, open water; Polar cod: -1 to 2 °C, closed sea-ice cover). Green arrows indicate egg and larval dispersal driven by prevailing surface currents. During summer, the feeding grounds (green-shaded areas) of both species partly overlap, for example around Svalbard, which marks the northernmost distribution limit of Atlantic cod. Red symbols denote the origin of animals (spawning adults) used in this study. Distribution maps were redrawn after (4, 13, 33). NEW, Northeast Water Polynya; FJL, Franz-Joseph-Land, NZ, Novaya Zemlya.
Verbreitungsmuster von Kabeljau (A links) und Polardorsch (B rechts). Verschiedene Populationen von Kabeljau und Polardorsch besiedeln den Nordatlantik. Alle reproduzieren im Winter und Frühjahr (Kabeljau: März bis Mai; Polardorsch: Dezember bis März) in artspezifischen... (Grafik: Alfred-Wegener-Institut / AWI / Flemming Dahlke)
Change in thermally suitable spawning habitat of Atlantic cod (left) and Polar cod (right) in the study area under Representative Concentration Pathways (RCPs). A–C, RCP8.5: Unabated ocean warming and acidification. D–F, RCP4.5: Intermediate warming (no acidification considered). G–I, RCP2.6: Less than 2 °C global warming (no acidification considered). Maps show the shift in potential egg survival (PES) between the baseline period (1985–2004, Spawning seasons of Atlantic cod: March–May and Polar cod: December–March, see Fig. 3) and the median of CMIP5 multimodel-based projections (seasonal sea surface temperature, 0-50m, see Methods) for this century’s end (2081–2100). Black shading indicates areas (cells, 1° × 1°) with high uncertainty (that is, the shift in PES within that cell is smaller than the CMIP5 ensemble spread, see Methods). Dotted magenta lines represent the sea-ice edge positions of the respective species-specific spawning season (defined as areas with ice concentrations > 70%). C, F, I, For each map, values (change in PES) of individual cells are summarized by kernel density estimations with the width corresponding to the relative occurrence of values. Box plots show the 25th, 50th and 75th percentile; the ends of the whiskers mark the 95% intervals. NEW, Northeast Water Polynya; FJL, Franz-Joseph-Land, NZ, Novaya Zemlya.
Temperaturveränderungen in den geeigneten Lachgebieten von Kabeljau (links) und Polardorsch (rechts) im Untersuchungsgebiet unter verschiedenen Verlaufsszenarien (Representative Concentration Pathways - RCPs). Abb. A-C, RCP8.5: Unverminderter Temperaturanstieg und Ozean... (Grafik: Alfred-Wegener-Institut / AWI / Flemming Dahlke)
AWI biologist Flemming Dahlke
AWI-Biologe Flemming Dahlke (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Kristina Bär)
AWI marine biologist Dr. Daniela Storch. 
AWI-Biologin Daniela Storch
AWI-Biologin Daniela Storch (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Sina Löschke)
Close-up of a respiration chamber, which is used to measure oxygen consumption (here with the eggs of crabs).


Nahaufnahme einer Respirationskammer, in welcher der Sauerstoffverbrauch gemessen wird. (hier mit Krabbeneiern)
Nahaufnahme einer Respirationskammer, in welcher der Sauerstoffverbrauch gemessen wird (hier mit Krabbeneiern). (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Sina Löschke)
Archived image: Juvenile Atlantic cod in the fish tanks of the aquarium container. Juvenile Kabeljaus in den Aquarien des Aquarienconatiners.
Juvenile Kabeljaus in den Becken des Aquariencontainers. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Kristina Bär)
Polar Cod Boreogadus saida in the Arctic

Der Polardorsch Boreogadus saida in der Arktis.
Der Polardorsch Boreogadus saida in der Arktis. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Hauke Flores)
A group of Polar Cod in a laboratory tank in Tromsø. 

Ein Schwarm Polardorsche im Laborbecken, Tromsø, Norwegen.

Foto von den Forschungsarbeiten des AWI-Wissenschaftlers Flemming Dahlke im Rahmen des BIOACID-Programmes zu den Folgen der Ozeanerwärmung und -versauerung.
Ein Schwarm Polardorsche im Laborbecken, Tromsø, Norwegen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Flemming Dahlke)
Archived image: Scientists and the crew empty the fish lift into the fish tank on deck.
Wissenschaftler und Mannschaft entleeren den Fischlift ins Zwischenhälterungsbecken an Deck.
Wissenschaftler und Mannschaft entleeren den Fischlift ins Zwischenhälterungsbecken an Deck. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Kristina Bär)
Archived image: The fish lift. Der Fischlift.
Der Fischlift. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Lars Grübner)
Archived image: The crew lauches the pelagic net with the fish lift into the sea. Die Mannschaft lässt das pelagische Fischnetz mit den Fischlift zu Wasser.
Die Mannschaft lässt das pelagische Fischnetz mit den Fischlift zu Wasser. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Kristina Bär)
Archived image: RV Heincke leaves the port of Longyearbyen. In the front is the fish lift.
FS Heincke verlässt den Hafen Longyearbyens. Im Vordergrund steht der Fischlift.
FS Heincke verlässt den Hafen Longyearbyens. Im Vordergrund steht der Fischlift. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Lars Grübner)
Archived image: The pelagic net with the fish lift is pulled on board.
Das pelagische Netz mit Fischlift wird eingeholt. Krossfjord, Spitzbergen.
Das pelagische Netz mit Fischlift wird eingeholt. Krossfjord, Spitzbergen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Kristina Bär)