Mehr als 40 Organisationen aus 15 Ländern in Europa, Nordamerika und Asien bündeln ihre Kräfte im Projekt „Beyond Arctic PASSION“, um Umweltbeobachtungen in der Arktis zu verbessern – als Grundlage für ein tieferes Verständnis der komplexen Prozesse in der Region sowie informierte Entscheidungen in Politik und Gesellschaft. Die Arktis befindet sich in einem raschen ökologischen und gesellschaftlichen Wandel, vor allem bedingt durch menschengemachte Klimaveränderungen, die hier besonders stark und schnell vonstattengehen. Es braucht vertrauenswürdige, aktuelle Daten, um Mensch und Natur dabei zu unterstützen, angemessen auf diese Veränderungen zu reagieren. Der British Antarctic Survey und das Alfred-Wegener-Institut leiten das Projekt, das Ende Oktober in Cambridge den Auftakt feiert.
„Der Bedarf an verbesserten Beobachtungen in der Arktis war noch nie so groß wie heute“, sagt Dr. Michael Karcher, Co-Leiter von „Beyond Arctic PASSION“ vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „Da sich die Arktis fast viermal schneller erwärmt als der Rest der Welt, sind zuverlässige und vertrauenswürdige Informationen unerlässlich, um die Folgen zu verstehen und sicherzustellen, dass Gemeinden, politische Entscheidungsträger, Forschung und Industrie über das notwendige Wissen verfügen, um darauf zu reagieren.“ Denn Veränderungen, wie etwa der Rückgang des Eises, häufigere und stärkere Waldbrände oder tauender Permafrost bedrohen die Lebensgrundlagen der lokalen Gemeinden und der indigenen Völker.
Diese Herausforderungen kann kein einzelnes Land oder keine Technologie alleine bewältigen, wie Dr. Jeremy Wilkinson, Co-Leiter des Projekts beim British Antarctic Survey (BAS) betont: „‚Beyond Arctic PASSION‘ wird dazu beitragen, ein besser koordiniertes, vertrauenswürdiges, zugängliches und gerechteres Beobachtungssystem zu schaffen, das die Entscheidungsfindung, die Anpassung und eine nachhaltige Entwicklung unterstützt. Hierfür bündeln wir wissenschaftliche Expertise, Indigenes und lokales Wissen aus der gesamten Arktis und anderen Regionen.“
Ein übergeordnetes Beobachtungssystem für die Arktis
„Beyond Arctic PASSION“ geht diese Herausforderung an, indem das Projekt Daten von Satelliten, Forschungsschiffen und automatisierten Überwachungssystemen mit Beobachtungsprogrammen von arktischen Gemeinden und Indigenen Gemeinschaften verknüpft, die ebenfalls Projektpartner sind. Dieses gemeinsam gewonnene Wissen zu schaffen und einen Zugang zu Daten und Informationen zu ermöglichen, die besser auf die Bedürfnisse der Menschen und Organisationen vor Ort abgestimmt sind, ist eines der gemeinsamen Ziele. Das Projekt adressiert deshalb konkrete Themen wie zum Beispiel Küstenerosion, verbesserte Meereisvorhersagen, Sicherheit von Transport im und auf dem Meereis, verbesserte Daten für Küstenfischerei und Rentierhaltung.
Geographisch deckt „Beyond Arctic PASSION“ die arktischen Regionen Nordamerikas über Grönland bis nach Skandinavien ab und umfasst küstennahe Land- und Seegebiete ebenso wie den tiefen Arktischen Ozean. Das AWI wird neben der Co-Leitung in den Bereichen Arktisches Datensystem, tauender Permafrost und Meereisbeobachtungen tätig sein, und am wissenschaftlichen Programm für das Arktische Fischereiabkommen und das damit verbundene Moratorium im zentralen Arktischen Ozean. Wichtige Grundlagen hierfür wurden bereits in früheren großen Initiativen zur Arktisbeobachtung geschaffen, wie Arctic PASSION und INTAROS.
In „Beyond Arctic PASSION“ wollen die Partner die geschaffenen Strukturen und Informationsdienste nun weiter ausbauen. Der Aufbau eines wirklich effektiven Beobachtungssystems erfordert mehr als nur technische Lösungen, Instrumente und Dienstleistungen. Es ist ein funktionierendes Netzwerk aus Forschenden, Indigenen Gemeinschaften und Entscheidungsträger:innen, die das System erst wirklich wirksam machen. „Beyond Arctic PASSION“ wird auf dem Netzwerk der Vorgängerprojekte aufbauen und Menschen, ihre vielfältige Perspektiven und unterschiedlichen Ansätze für ein arktisches Forschungs- und Beobachtungssystem verknüpfen, das über die Summe seiner Teile hinausgeht. Das Projektteam kommt vom 27. bis 29. Oktober im englischen Cambridge zusammen für ein erstes persönliches Treffen aller Projektpartner:innen. „'Beyond Arctic PASSION' verknüpft moderne Spitzenforschung mit Indigenem und lokalem Wissen und einer transparenten Steuerung. Ziel ist es, arktische Messprogramme in Informationen und Wissen zum Nutzen der breiteren Gesellschaft umzusetzen. Nur durch kooperative, nachhaltige Ansätze können wir dem rapiden Wandel arktischer Umweltsysteme effektiv begegnen“, sagt AWI-Direktor Hajo Eicken.
Die Europäische Union unterstützt das Vorhaben in der Förderline EU Horizon Europe mit 8,5 Millionen Euro über die nächsten vier Jahre.