Online-Meldung

Atlantikwasser und menschengemachte Unterwassergeräusche im größten Fjordsystem der Welt

Aufnahme von Eisbergen im Uummannaq fjord, Westgrönland.
Aufnahme von Eisbergen im Uummannaq fjord, Westgrönland. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Coen Hofstede)

Ein Forschungsteam des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) untersucht derzeit an Bord der Forschungs- und Outreach-Segelyacht „Malizia Explorer“, wie sich das einströmende Atlantikwasser im Kangertittivaq-Fjordsystem an der Ostküste Grönlands ausbreitet und wie sich Schiffsgeräusche auf das Unterwasserleben im Fjord auswirken.

Grönlands Gletscher schmelzen – unter anderem auch, weil warmes Wasser unter der Meeresoberfläche in die Fjorde dringt und die Eismassen zum Schmelzen bringt. In Ostgrönland stammt das warme Untergrundwasser aus dem Nordatlantikstrom (und letztlich aus dem Golfstrom), das in der Framstraße zirkuliert und sich über den grönländischen Schelf in Richtung der Gletscherfjorde ausbreitet. Wie stark sich dieses Atlantikwasser auswirkt, variiert jedoch stark: „Unsere Forschung hat gezeigt, dass die Erwärmung des Atlantikwassers nicht schrittweise erfolgt; vielmehr überlagern starke Erwärmungs- und Abkühlungszyklen die langfristigen Trends“, sagt Martina Zapponini vom AWI. Die Klimamodelliererin co-leitet die Expedition an Bord der „Malizia Explorer“ in das Kangertittivaq-System – dem größten Fjordsystem der Welt. „Jüngste Beobachtungen zeigen, dass sich das Atlantikwasser hier nach 2018 deutlich abgekühlt hat und sich seitdem in einer kalten Phase befindet, wobei möglicherweise im Jahr 2024 ein Wendepunkt hin zu wärmeren Bedingungen erreicht wird.“

In den nächsten Wochen wird das Team Daten sammeln, um zu kariteren, wie sich das Atlantikwasser in Kangertittivaq ausbreitet und entwickelt, ob sich seine jüngste Kältephase verändert und wie frisches Gletscherschmelzwasser aus dem Fjordsystem auf das Schelf abfließt. Ergebnisse aus numerischen Modellsimulationen und Fernerkundung deuten darauf hin, dass semi-permanente “Eddies” an der Fjordmündung für den Austausch von Meerwasser zwischen dem Schelf und dem Fjord verantwortlich sind. Eddies sind kreisförmig strömende Wassermassen, deren Größe von nur wenigen Metern bis zu mehreren Kilometern reicht. Sie können sich von der Oberfläche bis zum Meeresboden erstrecken, die Wasserschichten vermischen und dadurch das lokale Ökosystem beeinflussen. Das Team wird daher das Zirkulationsverhalten an der Fjordmündung untersuchen, um die Existenz und Geometrie der Eddies zu erforschen.

In einem zweiten Projekt wird sich das AWI-Team auf die Unterwasser-Klanglandschaft konzentrieren: „Wir werden Daten aus der passiven akustischen Überwachung sammeln, um die Umgebungsgeräuschbedingungen unter Wasser zu charakterisieren, insbesondere die Schiffsaktivitäten im Fjord“, sagt Dr. Svenja Wöhle von der Gruppe für Ozeanakustik am AWI und Co-Leiterin der Expedition. „Vom Menschen verursachter Unterwasserlärm wird zunehmend als bedeutende Umweltbelastung für marine Ökosysteme anerkannt, insbesondere für akustisch empfindliche Tiere wie Meeressäugetiere und Fische.“ In arktischen Fjordsystemen wie Kangertittivaq können zusätzliche anthropogene Lärmbelastungen durch den Schiffsverkehr Auswirkungen auf Tiere haben, die an ruhige Bedingungen angepasst sind. 

„Der Polarkreuzfahrttourismus hat in den letzten Jahren rasant zugenommen, wodurch die Präsenz von Schiffen in diesen abgelegenen Gebieten gestiegen ist“, sagt Svenja Wöhle. „Vor diesem Hintergrund wollen wir akustische Daten sammeln, einmal in Abwesenheit von Kreuzfahrtschiffen und einmal bei Begegnungen mit verschiedenen Arten von Kreuzfahrtschiffen.“ In Kombination mit verfügbaren Daten des Automatischen Identifikationssystems (AIS) wollen die Forschenden die beobachteten Geräuschpegel mit Daten über die Anwesenheit von Schiffen, Schiffstypen, Entfernungen und Betriebsweise abgleichen, um zu beurteilen, wie der tourismusbedingte Schiffsverkehr zur räumlichen und zeitlichen Veränderung der Unterwasser-Klanglandschaft des Fjordsystems beiträgt.

Über die Malizia Explorer

Die wissenschaftlichen Forschungen werden an Bord der Malizia Explorer durchgeführt, einer robusten 26 Meter langen Segelyacht, die speziell für emissionsarme Hochseeexpeditionen über große Entfernungen entwickelt wurde – auch in flache Gewässer und Polarregionen. Team Malizia, ein internationales Offshore-Rennteam, das sich seit 2018 für ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen einsetzt, arbeitet seit vielen Jahren eng mit dem AWI zusammen. Im Rahmen dieser Partnerschaft hat das Team mithilfe eines autonomen Labors an Bord seiner Rennyacht wertvolle Meeresdaten aus abgelegenen Regionen gesammelt. Aufbauend auf diesem langjährigen Engagement für die Meeresforschung hat das Team Malizia seine Forschungsaktivitäten im Jahr 2025 mit dem Stapellauf der „Malizia Explorer“ erweitert – einem zweiten Segelschiff, das der Meeresforschung, Bildung und Öffentlichkeitsarbeit gewidmet ist. Das Schiff bietet wissenschaftlichen Einrichtungen und Forschungsgruppen die Möglichkeit, auf See zu forschen. Es ist mit wissenschaftlicher Ausrüstung ausgestattet und bietet Platz für bis zu acht Forschenden sowie deren Material.

Kontakt

Wissenschaft

Martina Zapponini
+49(471)4831-1877

Wissenschaft

Svenja Wöhle
+49(471)4831-2212

Pressestelle

Sarah Werner
+49 471 4831 2008

Downloads

Aufnahme von Eisbergen im Uummannaq fjord, Westgrönland.
Aufnahme von Eisbergen im Uummannaq fjord, Westgrönland. Das Eis ist vom Store-Gletscher abgebrochen. Photo of icebergs in the Uummannaq fjord, West-Greenland. The ice has calved from the Store glacier. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Coen Hofstede)
Spitzbergen
Frühlingseinzug und Schnee- bzw. Gletscherschmelze am Kongsfjord (Küste südlich Feiringfjellet) Spitzbergen. Aufnahme des Stationsingenieurs René Bürgi aus dem AWIPEV-Überwinterungsteam 2015-16 English: Spring has finally arrived in Ny-Ålesund, Spitsbergen. With th... (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Rene Bürgi)
Ein schmelzender Eisberg im Kongsfjord, Spitzbergen
Ein schmelzender Eisberg treibt im Kongsfjord, Spitzbergen. A melting iceberg is floating in the Kongsfjord, Spitsbergen. (Foto: Alfred-Wegener-Institut / René Bürgi)