Das NAVICULA-Fenster im Bremerhavener Goethequartier

Die Grundidee

In der Fassade eines historischen Hauses in der Eupenerstraße 30 im Bremerhavener Goethequartier wurde ein besonderes Fenster eingebaut: eine aus Glas gefertigte, naturgetreue Nachbildung der Kieselalge (Diatomee) Navicula. Damit verbindet das Projekt Meeresforschung, Kunst und Architektur auf ungewöhnliche Weise.

Die historische Verbindung

Das Gebäude wurde 1913 von Senator Eduard Wicht erbaut, als Erweiterung eines älteren Hauses von 1908. Interessanterweise besitzt es bereits im Originalzustand ein auffällig geformtes Fenster, dessen Form stark an eine Navicula erinnert. Das ist kein Zufall: Um 1900 erlebten Kieselalgen einen regelrechten Hype. Wissenschaftliche Werke wie Ernst Haeckels berühmtes Bildband "Kunstformen der Natur" (1899–1904) machten ihre filigranen, ästhetischen Formen einem breiten Publikum bekannt und beeinflussten nachweislich die Formensprache von Gründerzeit- und Jugendstilbauten dieser Epoche. Es liegt daher nahe, dass auch die Architektur dieses Hauses davon inspiriert war.

Die wissenschaftliche Bedeutung von Kieselalgen

Kieselalgen sind winzige, einzellige Organismen mit gläsernen, oft wunderschön geformten Schalen. Trotz ihrer Größe (oft nur wenige Mikrometer) sind sie ökologisch enorm wichtig – sie tragen etwa 25 % zur weltweiten Photosyntheseleistung bei. Ihre Formen sind zugleich extrem leicht und mechanisch stabil, weshalb sie seit den 1980er Jahren auch für die Leichtbau-Forschung interessant sind. Am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven wird dieses Prinzip seit Jahren erforscht, unter anderem in Zusammenarbeit mit der TU München, dem Architekten Frei Otto und ausgegründeten Firmen wie Synera (vormals ELISE GmbH).

Wie das Projekt entstand

Die Idee, für den vorhandenen Fensterausschnitt eine originalgetreue gläserne Kieselalge zu entwickeln, erforderte mehrere aufeinanderfolgende Schritte:

  • Einwerbung von Fördermitteln (über das Projekt BEA)
  • Zustimmung der Hauseigentümerin, der städtischen Wohnungsgesellschaft STÄWOG
  • Abstimmung von Material, Farbe und Form
  • Klärung bauphysikalischer Fragen (Glasdicke, Stabilität, Dämmung)
  • Anfertigung eines passenden, modernen Holzrahmens
  • Suche nach einer geeigneten Glaswerkstatt

Die Fertigung war technisch anspruchsvoll: Die Glasskulptur ist mit etwa einem Meter recht groß, enthält aber gleichzeitig feine Details wie Dellen und Kerben, was beim Schmelzen zu Spannungen führen kann. Tatsächlich scheiterte ein erster Versuch, weil sich eine große Blase bildete und ein Loch entstand – erst eine zweite, überarbeitete Version gelang. Hergestellt wurde das Glasstück schließlich in einer Glaswerkstatt in Skalice (Tschechien).

Ausblick: Weitere Projektideen

Die Formen mariner Organismen eignen sich aufgrund von Qualität, Ästhetik, kultureller Bedeutung und Verbindung zu Geschichte und Forschungslandschaft in Bremerhaven als Aushängeschild für die Stadt. Folgende Ansätze stehen exemplarisch für eine Vielzahl nachhhaltiger, ästhetischer Entwicklungen in „Ocean Style“: 

  1. Lampen ("Meeresleuchten") in Anlehnung an die Transparenz und Formenvielfalt von Radiolarien
  2. Strandkörbe in leichter, eleganter Bauweise, inspiriert von marinen Formen
  3. Schatten-/Wetterschutzstrukturen auf Basis der Kieselalge Asterolampra, entwickelt von Stephanie Bachir
  4. Größere Wind- und Wetterschutzkonstruktionen, ebenfalls auf Basis von Asterolampra, realisiert mit der Software Rhino/Grasshopper

Das NAVICULA-Fenster wird damit als Vorbild und Ausgangspunkt für eine ganze Reihe ästhetisch wie funktional durchdachter, natur-inspirierter Gestaltungsprojekte in der Stadt präsentiert.

Beteiligte Personen und Institutionen

STÄWOG – die städtische Wohnungsgesellschaft Bremerhavens, Eigentümerin des Hauses, mit Fokus auf Stadtentwicklung statt Rendite

Rolf Thörner – ein auf die Sanierung von Altbauten spezialisierter Investor, der auch den passenden Rahmen anfertigen ließ

Christian Hamm – Wissenschaftler am AWI, der die bionische und technische Seite des Projekts betreute

Saskia Heinzel – die Künstlerin, die das Fenster tatsächlich gestaltet und umgesetzt hat; sie leitet das interdisziplinäre Studio Inui und arbeitet seit 2021 mit dem AWI zusammen

Projektdurchführung:
Dr. Christian Hamm

Kontakt:
+49 471 4831-1832   
E-Mail 

Ausführliche Informationen über das NAVICULA-Fenster gibt es hier

Gebäude an der Ecke Goethe/ Eupenerstraße. Rechts oben befindet sich ein Fenster mit ungewöhnlicher Form, die der der Kieselalge Navicula (lateinisch für „Schiffchen“) entspricht.

Fenster in Der Eupenerstraße, links, innen mit altem, einfach verglastem Fenster im unrenovierten Zustand (Foto:CH); rechts, außen mit renovierter Fassade (Foto, CH); unten, Kieselalge Navicula (Rasterelektronenmikroskopie, Foto: Hamm)