Projektdurchführung:
Dr. Christian Hamm
Kontakt:
+49 471 4831-1832
E-Mail
Die Grundidee
In der Fassade eines historischen Hauses in der Eupenerstraße 30 im Bremerhavener Goethequartier wurde ein besonderes Fenster eingebaut: eine aus Glas gefertigte, naturgetreue Nachbildung der Kieselalge (Diatomee) Navicula. Damit verbindet das Projekt Meeresforschung, Kunst und Architektur auf ungewöhnliche Weise.
Die historische Verbindung
Das Gebäude wurde 1913 von Senator Eduard Wicht erbaut, als Erweiterung eines älteren Hauses von 1908. Interessanterweise besitzt es bereits im Originalzustand ein auffällig geformtes Fenster, dessen Form stark an eine Navicula erinnert. Das ist kein Zufall: Um 1900 erlebten Kieselalgen einen regelrechten Hype. Wissenschaftliche Werke wie Ernst Haeckels berühmtes Bildband "Kunstformen der Natur" (1899–1904) machten ihre filigranen, ästhetischen Formen einem breiten Publikum bekannt und beeinflussten nachweislich die Formensprache von Gründerzeit- und Jugendstilbauten dieser Epoche. Es liegt daher nahe, dass auch die Architektur dieses Hauses davon inspiriert war.
Die wissenschaftliche Bedeutung von Kieselalgen
Kieselalgen sind winzige, einzellige Organismen mit gläsernen, oft wunderschön geformten Schalen. Trotz ihrer Größe (oft nur wenige Mikrometer) sind sie ökologisch enorm wichtig – sie tragen etwa 25 % zur weltweiten Photosyntheseleistung bei. Ihre Formen sind zugleich extrem leicht und mechanisch stabil, weshalb sie seit den 1980er Jahren auch für die Leichtbau-Forschung interessant sind. Am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven wird dieses Prinzip seit Jahren erforscht, unter anderem in Zusammenarbeit mit der TU München, dem Architekten Frei Otto und ausgegründeten Firmen wie Synera (vormals ELISE GmbH).
Wie das Projekt entstand
Die Idee, für den vorhandenen Fensterausschnitt eine originalgetreue gläserne Kieselalge zu entwickeln, erforderte mehrere aufeinanderfolgende Schritte:
Die Fertigung war technisch anspruchsvoll: Die Glasskulptur ist mit etwa einem Meter recht groß, enthält aber gleichzeitig feine Details wie Dellen und Kerben, was beim Schmelzen zu Spannungen führen kann. Tatsächlich scheiterte ein erster Versuch, weil sich eine große Blase bildete und ein Loch entstand – erst eine zweite, überarbeitete Version gelang. Hergestellt wurde das Glasstück schließlich in einer Glaswerkstatt in Skalice (Tschechien).
Ausblick: Weitere Projektideen
Die Formen mariner Organismen eignen sich aufgrund von Qualität, Ästhetik, kultureller Bedeutung und Verbindung zu Geschichte und Forschungslandschaft in Bremerhaven als Aushängeschild für die Stadt. Folgende Ansätze stehen exemplarisch für eine Vielzahl nachhhaltiger, ästhetischer Entwicklungen in „Ocean Style“:
Das NAVICULA-Fenster wird damit als Vorbild und Ausgangspunkt für eine ganze Reihe ästhetisch wie funktional durchdachter, natur-inspirierter Gestaltungsprojekte in der Stadt präsentiert.
Beteiligte Personen und Institutionen
STÄWOG – die städtische Wohnungsgesellschaft Bremerhavens, Eigentümerin des Hauses, mit Fokus auf Stadtentwicklung statt Rendite
Rolf Thörner – ein auf die Sanierung von Altbauten spezialisierter Investor, der auch den passenden Rahmen anfertigen ließ
Christian Hamm – Wissenschaftler am AWI, der die bionische und technische Seite des Projekts betreute
Saskia Heinzel – die Künstlerin, die das Fenster tatsächlich gestaltet und umgesetzt hat; sie leitet das interdisziplinäre Studio Inui und arbeitet seit 2021 mit dem AWI zusammen
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Dr. Christian Hamm
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Ausführliche Informationen über das NAVICULA-Fenster gibt es hier
Gebäude an der Ecke Goethe/ Eupenerstraße. Rechts oben befindet sich ein Fenster mit ungewöhnlicher Form, die der der Kieselalge Navicula (lateinisch für „Schiffchen“) entspricht.
Fenster in Der Eupenerstraße, links, innen mit altem, einfach verglastem Fenster im unrenovierten Zustand (Foto:CH); rechts, außen mit renovierter Fassade (Foto, CH); unten, Kieselalge Navicula (Rasterelektronenmikroskopie, Foto: Hamm)