Am 14. Oktober 2026 kehrt der Forschungseisbrecher Polarstern planmäßig von seiner letzten Arktisexpedition dieses Sommers in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die zehnwöchige Expedition PS156 (LAMEX 1) führte rund 40 Forschende aus Deutschland, Norwegen, Italien, Argentinien und den USA von Tromsø über Nordostgrönland und die Framstraße bis zum Nordpol und an den Lomonossow-Rücken. Insgesamt legte das Schiff dabei gute 9000 Seemeilen (rund 16.700 Kilometer) zurück, um Daten aus der geologischen Vergangenheit zu sammeln, die bessere Projektionen für unsere Zukunft erlauben.
Der Lomonossow-Rücken ist ein untermeerisches Gebirge, das sich einmal quer über den gesamten Arktischen Ozean erstreckt. Neben ihm liegt der Meeresboden rund 4.000 Meter tief; der Rücken selbst ist etwa 3.000 Meter hoch und reicht damit bis in 1.000 Meter Wassertiefe hinauf. Über den Abschnitt zwischen dem Nordpol und dem bereits gut untersuchten östlichen Ende des Rückens war bisher nur sehr wenig bekannt. Hier hat das Wissenschaftsteam an Bord der Polarstern etwa 2.200 Kilometer seismische Profile gemessen und damit eine wichtige Lücke in den vorhandenen Daten geschlossen. Mit den nun gewonnenen Daten können sie zeigen, wie sich die Sedimentkörper entlang der Flanken des Lomonossow-Rücken unter dem Einfluss der Meeresströmungen in der Erdgeschichte aufgebaut haben.
„Wir haben jetzt durchgängig seismische Daten etwa vom Nordpol bis fast zum sibirischen Schelf“, sagt Fahrtleiterin Dr. Catalina Gebhardt, Geophysikerin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „Damit sind die Profile an die Tiefbohrung angebunden, die im Jahr 2004 in Nordpolnähe abgeteuft wurde und deren Alter wir kennen. So können wir den seismischen Reflektoren jetzt erstmals Alter zuordnen und diese bis zum sibirischen Schelf verfolgen. Das hilft uns zu verstehen, wann sich in der Vergangenheit Meeresströmungen verändert haben und ob das mit großen tektonischen oder klimatischen Umbrüchen in der Erdgeschichte zusammenfiel.“
Auch die Geologie kehrt mit reicher Ausbeute zurück: Das Team hat ungefähr 108 Meter Sedimentkerne mit dem Schwerelot gezogen, dazu kommen drei Kastenlote. Letzteres ist ein außergewöhnliches Kerngerät, denn es hat einen beeindruckenden Querschnitt von 30 mal 30 Zentimetern und bringt ein sehr großes Sedimentvolumen an Deck. „Somit steht uns umfangreiches Material aus demselben Sedimentkern zur Verfügung, um eine große Bandbreite an Analysen durchzuführen. Dies ermöglicht auch den Einsatz neuer Methoden – von der Analyse kosmogener Nuklide bis hin zur Untersuchung fossiler DNA –, für die das verfügbare Probenmaterial bei anderen Kernen häufig nicht ausreicht“, erklärt Co-Fahrtleiterin Dr. Juliane Müller, Marine Geologin am AWI. Die Kerne reichen über mehrere Glazial-Interglazial-Zyklen zurück und enthalten damit unter anderem die besonders warme letzte Warmzeit. Sie sollen zeigen, wie die Umweltbedingungen und das Ökosystem der Arktis in der Vergangenheit aussahen. Das gibt zugleich Hinweise darauf, wie sich die Arktis bei fortschreitender menschengemachter Erwärmung verändern könnte.
Die Ozeanographie hat mit 106 CTD-Messungen die Ozeanströmungen entlang mehrerer Profile untersucht, meist quer über den Lomonossow-Rücken. Der Rücken ist ein großes geografisches Hindernis im Arktischen Ozean und lenkt damit die Wasserzirkulation. Die Forschenden wollten wissen, wie die heutige Strömung entlang des Rückens und quer zu ihm verläuft – und ob es an Stellen, an denen der Rücken tiefer eingeschnitten ist, einen Austausch der Wassermassen zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil der Arktis gibt.
Bereits zu Beginn der Expedition Mitte August hat das Expeditionsteam in der Framstraße vier Ozeanboden-Seismometer geborgen sowie vor Nordostgrönland Landstationen am 79°N-Gletscher abgebaut und gewartet. Diese messen mit hochpräzisen GPS-Sensoren, wie sich die größte Insel der Welt mit abnehmender Eisbedeckung verhält. Mit dem Verlust riesiger Gletschereismassen lastet weniger Druck auf Grönland, was dazu führt, dass sich die Insel hebt, was die Forschenden mit ihren neuen Daten nachweisen konnten. Einige der Landstationen messen auch Erdbeben – und gleichzeitig horchen sie auf Beben, die durch Eis entstehen, beispielsweise wenn die Gletscher über den rauhen grönländischen Untergrund rutschen. Vor Flade Isblink, einer Eiskappe ganz im Nordosten Grönlands, konnten zwei Verankerungen geborgen werden. Das Meereis im Nordosten Grönlands war im Sommer 2026 ungewöhnlich dicht und verhinderte weitere Arbeiten in der Region.
Auch schiffsseitig war die Fahrt etwas Besonderes: Am 26. August überschritt Polarstern die Marke von zwei Millionen Seemeilen seit ihrer Indienststellung 1982, und am 4. September erreichte sie zum 9. Mal den Nordpol.
Die Proben und Daten werden nun in den Laboren am AWI und bei den Partnerinstituten ausgewertet. Sie sollen zeigen, wie sich Meeresströmungen und Meereis in früheren Warmzeiten verändert haben – und wie schnell. Das ist auch für Europa wichtig: In der Arktis entsteht das kalte, salzige Wasser, das im Nordatlantik absinkt und die Ozeanzirkulation antreibt, der Europa seine milden Winter verdankt. Berichte von der Expedition finden sich in den Wochenberichten und in der Polarstern-App.
Die Polarstern wird mit dem Morgenhochwasser gegen 4:00 Uhr am Mittwoch, den 14. Oktober 2026, in Bremerhaven erwartet. Den kommenden Monat wird sie zu routinemäßigen Wartungs- und Reparaturarbeiten in der Bremerhavener Lloyd Werft verbringen. Mitte November soll planmäßig der Transit Richtung Antarktis beginnen, auf dem Nachwuchsforschende ausgebildet werden. Anschließend wird der Eisbrecher die antarktische Neumayer-Station III versorgen und dann zwei Expeditionen in der Westantarktisch durchführen.