Verschiedene Systeme auf unserem Planeten nehmen große Mengen Kohlenstoff aus der Atmosphäre auf, wie zum Beispiel Wälder, Böden und Ozeane. Der von marinen Ökosystemen gespeicherte Kohlenstoff wird als „blauer Kohlenstoff“ bezeichnet. Die Arktis und die Antarktis machen etwa 20% der weltweiten Ozeanfläche aus und sind raschen Umweltveränderungen ausgesetzt. Mit dem Rückgang des Meereises und der Verlagerung von Lebensräumen verändern sich auch die Prozesse, durch die polare Ökosysteme Kohlenstoff binden, transportieren und speichern. Jedoch finden polare Systeme bislang kaum Beachtung in Ansätzen rund um blauen Kohlenstoff, die sich traditionell auf tropische und gemäßigte Küstenökosysteme wie Mangroven, Salzwiesen und Seegraswiesen konzentrieren.
Ein internationales Team von Polarforschenden, in dem auch das Alfred-Wegener-Institut (AWI) beteiligt ist, hat im Rahmen des „Horizon Europe“-Projekts POMP (Polar Ocean Mitigation Potential) untersucht, ob und wie die Ozeane der Arktis und der Antarktis besser in Regelwerke zur Bekämpfung des Klimawandels und zum Schutz der Biodiversität einbezogen werden könnten. In ihrer Studie geben die Forschenden einen Überblick darüber, welche polaren Lebensräume wegen ihrer Fähigkeit, Kohlenstoff zu speichern, bewirtschaftet werden könnten, was aktuell ihre Einbindung in politische Rahmenbedingungen einschränkt und was erforderlich ist, um die wichtigsten wissenschaftlichen und governance-bezogenen Lücken zu schließen.
Derzeit stehen etwa 10 % der Weltmeere unter Schutz, wobei die Polarregionen nach wie vor zu den am wenigsten geschützten Gebieten überhaupt zählen. Vor diesem Hintergrund argumentieren die Autor:innen, dass es sowohl für das Klima als auch die Artenvielfalt vorteilhaft wäre, relativ intakte, kohlenstoffreiche und artenreiche Lebensräume zu schützen, bevor zunehmender menschlicher Einfluss deren Erhaltung erschwert. Die Forschenden benennen auch vier konkrete, aufeinander abgestimmte Maßnahmen: stärkere Investitionen in die Forschung zum polaren blauen Kohlenstoff; den vorsorglichen Schutz bekannter kohlenstoffreicher und gefährdeter Lebensräume; Managementansätze, die neben der biologischen Vielfalt auch die Kohlenstoffspeicherung berücksichtigen; sowie klarere Wege zur Anerkennung bedeutender natürlicher Kohlenstoffspeicher innerhalb politischer Rahmenbedingungen.
Die Studie betont auch, dass polarer blauer Kohlenstoff jedoch nicht als herkömmlicher Mechanismus zum CO₂-Ausgleich behandelt werden kann: Es bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich der Messung, der Additionalität und der Dauerhaftigkeit. Vielmehr sollten bestehende kohlenstoffreiche Ökosysteme geschützt und die wissenschaftlichen sowie politischen Grundlagen gestärkt werden, die für ihre künftige Anerkennung erforderlich sind. In diesem Jahr wurden die Auswirkungen des Klimawandels in allen gemäßigten Regionen dramatisch deutlich. Die Polregionen stehen dabei an vorderster Front. „Unsere Regierungen müssen Maßnahmen ergreifen, um den Klimawandel einzudämmen und gleichzeitig natürliche Systeme zu schützen, die zur Eindämmung des Klimawandels beitragen könnten“, sagt Prof. Judith Hauck, Biogeowissenschaftlerin am AWI. „Neben der unvermeidlichen drastischen Reduktion der Treibhausgasemissionen, wäre der Schutz gefährdeter polarer Systeme und ihrer immensen biologischen Kohlenstoffspeicher im Rahmen internationaler Bemühungen ein guter Anfang.“
Über POMP
POMP (Polar Ocean Mitigation Potential) ist ein „Horizont Europa“-Projekt, das untersucht, wie sich der Klimawandel auf die Biodiversität sowie die Kohlenstoffbindung und -speicherung in marinen Ökosystemen der Arktis und Antarktis auswirkt. Unter der Koordination der Universität Aarhus vereint POMP 15 Partnerinstitutionen aus Dänemark, Norwegen, Deutschland, Grönland, Frankreich, Portugal, Kanada und dem Vereinigten Königreich und kombiniert Felddaten, Ökosystemmodelle und Fernerkundung, um die Gestaltung von Meeresschutzgebieten und die Klimapolitik zu unterstützen. POMP wird von der Europäischen Union und – für die in Großbritannien ansässigen Partner – von UK Research and Innovation (UKRI) finanziert.
www.pomp-project.eu
Originalpublikation
Zwerschke, N., Krause-Jensen, D., Barnes, D. K. A., Renaud, P. E., Austin, W. E. N., Ardyna, M., Attard, K., Bluhm, B. A., Comeau, S., Gattuso, J.-P., Hauck, J., Leu, E., Maar, M., Oziel, L., Poste, A. E., Schourup-Kristensen, V., Svensen, C., Thyrring, J., & Sejr, M. (2026). Status of Polar Blue Carbon: Toward Recognition and Integration in Marine Policy. Global Change Biology, 32(9), e71098. https://doi.org/10.1111/gcb.71098