Die arktische Umwelt im Blick

Die Arktis ist eine Schlüsselregion unseres Planeten. Sie beeinflusst das Wetter auf der Nordhalbkugel stark, ihre Prozesse sind eng an das globale Klima gekoppelt und sie ist ein einzigartiger Lebensraum für Menschen und Tiere. 

Dementsprechend schwer wiegen die ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels auf diese Region, die stärker auf den Klimawandel reagiert als die meisten Regionen der Erde. Die Arktis durchläuft einen beispiellosen Wandel: die Temperaturen steigen fast viermal schneller als im globalen Durchschnitt. Dramatische Veränderungen, wie etwa der Rückgang des Eises an Land und auf dem Meer, häufigere und stärkere Waldbrände, tauender Permafrost und Küstenerosion sowie die damit verbundenen großen Risiken für die Lebensgrundlagen der lokalen Gemeinden und der Indigenen Völker, erfordern einen koordinierten, anpassungsfähigen und integrativen Ansatz für die Umweltbeobachtung. 

Dieser muss von fragmentierten und isolierten Bemühungen einzelner Nationen oder Forschungsgruppen wegführen und ein stärker vernetztes System schaffen. Ein solches Netzwerk muss wissenschaftliche Erkenntnisse, Indigenes Wissen und lokales Wissen einbeziehen und Entscheidungsträgern, Unternehmen, Forschern und der lokalen Bevölkerung gleichermaßen praxisrelevante Informationen liefern.

Arctic PASSION: Ein koordiniertes, integriertes Beobachtungssystem für die Arktis

Trotz großer Anstrengungen vieler Nationen und großer Unterstützung durch die EU sind die einzelnen Messaktivitäten, der Datenaustausch und die Organisationsstruktur der Umweltbeobachtungen in der Arktis noch immer zu sehr fragmentiert. Die Daten sind zum Teil schwer zugänglich und oft nicht auf die Bedürfnisse der Nutzer:innen oder Interessengruppen zugeschnitten. 

Um diese Schwächen zu überwinden, schlossen sich mehr als 40 Partner aus 17 Ländern im von der EU und Kanada finanzierten Projekt Arctic PASSION unter AWI-Leitung zusammen, um gemeinsam zu einer Verbesserung des Umweltbeobachtungssystems, des Arctic Observing System of Systems (AOSS) beizutragen. Mit diesem Ansatz hat Arctic PASSION die Fähigkeit verbessert, den Wandel in der Arktis wissenschaftlich fundiert und gesellschaftlich relevant zu beobachten, zu interpretieren und darauf zu reagieren.

Gemeinsam für die Arktis

Der Ansatz von Arctic PASSION zur Stärkung des AOSS begegnet im Kern einer grundlegenden Herausforderung. Keine einzelne Organisation oder Technologie kann die riesige und komplexe arktische Umwelt umfassend überwachen. Das System verknüpft stattdessen verschiedene Beobachtungsansätze – von Satellitennetzwerken bis hin zu gemeinschaftsbasiertem Monitoring – zu einem Netzwerk, das zuverlässige und leicht zugängliche Informationen für Klimaanpassung, nachhaltiges Ressourcenmanagement und Katastrophenschutz bereitstellt. So hat Arctic PASSION dazu beigetragen inklusive Governance-Strukturen zu fördern, die Indigene Völker und die Bewohner der Arktis als gleichberechtigte Partner in die Planung und Durchführung von Beobachtungen einbinden. 

Ein Beispiel für die Arbeit in Arctic PASSION ist die Entwicklung einer Datenbank durch unsere Partner aus acht arktischen Indigenen Gemeinschaften. Sie bewahrt und präsentiert unveröffentlichtes indigenes Wissen und ermöglicht gleichzeitig Einblicke in den Umweltwandel in der Arktis aus lokaler Perspektive, teils weiter zurück in der Zeit, als es dort wissenschaftliche Beobachtungen gab. 

Darüber hinaus hat Arctic PASSION die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung arktischer Daten für Endnutzer:innen deutlich verbessert. Durch innovative Dienste wie den Arctic Landscape EXplorer (ALEX) zur Permafrostüberwachung, entwickelt am AWI, den Integrated Fire Risk Management (INFRA)-Dienst für Waldbrandinformationen und viele weitere hat Arctic PASSION gezeigt, wie Beobachtungen in praktische Instrumente für die Resilienz von Gemeinschaften und für die Unterstützung von Entscheidungen umgewandelt werden können. Diese Dienste, die teilweise in Zusammenarbeit mit Indigenen Gemeinschaften und lokalen Behörden entwickelt wurden, verdeutlichen das Engagement des Projekts, Daten nicht nur verfügbar, sondern auch wirklich nutzbar zu machen. 

Im Bereich der Verstärkung der wissenschaftlichen Messungen in der Arktis wurden sowohl Land- und Meereisbeobachtungen als auch der Messprogramme für den Ozean, die Atmosphäre und die arktischen Landgebiete ausgeweitet, vereinheitlicht und bessere Koordinationsmöglichkeiten für künftige Messprogramme initiiert. Ein Beispiel für letzteres ist das Atlantic-Arctic Distributed Biological Observatory A-DBO welches auch mit starker Beteiligung des AWI in der Region zwischen Grönland und Spitzbergen gebildet wurde. 

Die verbessterte Vereinheitlichung von Datenströmen und Datenverfügbarkeit für die Arktis hat zudem dazu beigetragen, dass Arktisinformationen problemloser zwischen wissenschaftlichen Datenbanken und den der Ebene von Entscheidungsträger:innen fließen können und langfristig gesichert sind (Pangaea). Hierbei werden die Prinzipien FAIR, CARE und TRUST eingehalten, um ethische Standards und kulturelle Relevanz zu gewährleisten:

  • FAIR (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable): Die erhobenen Daten funktionieren und können leicht geteilt werden. Das bedeutet, es gibt einen gemeinsamen Speicherort, die Daten sind so beschrieben sind, dass sie direkt auffindbar sind und sie sind so formatiert, dass sie kombiniert und in mehreren Systemen nutzbar sind. Zudem wird sichergestellt, dass die Informationen frei und leicht zugänglich sind.
  • CARE (Collective benefit, Authority to control, Responsibility, Ethics): Die gesammelten Daten dienen vorrangig dem Wohl und Nutzen der Indigenen Gemeinschaften. Ihre Rechte und Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt des AOSS; sie bestimmen mit, welche Daten erhoben werden und haben Kontrolle über ihre eigenen Daten. Forschende zeigen ganz transparent, welche Daten sie erheben und wie sie mit den Daten umgehen.
  • TRUST (Transparency, Responsibility, User focus, Sustainability, Technology): Das AOSS als Datenarchiv stellt sicher, dass Daten frei zugänglich und trotzdem geschützt sind und erhalten bleiben. Hierfür ist es wichtig, dass es nachhaltig geplant, gesteuert und finanziert ist.

Ein weiterer wichtiger Teil von Arctic PASSION war der Dialog mit politischen Entscheidungsträger:innen auf lokaler, nationaler und international Ebene, um dafür zu sorgen, dass bei der Weiterentwicklung des Beobachtungsnetzwerkes deren Bedürfnisse in Bezug auf verlässliche Informationen Rechnung getragen wird, und umgekehrt die Ergebnisse des Projektes ihnen zur Verfügung stehen. Das Deutsche Arktisbüro am AWI hat zusammen mit dem Arctic Monitoring and Assessment Programme diese Arbeiten koordiniert. 

Das Arctic PASSION-Team war darüber hinaus sehr aktiv im Austausch mit den Menschen, die in der Arktis leben und arbeiten. Dazu gehörten auch eine Reihe von Webinaren, und die Organisation eines Sharing Circle, der junge Menschen mit verschiedensten Hintergründen, aber gemeinsamem Wunsch non einander zu lernen und sich auszutauschen, im Heimatland der Sámi zusammenbrachte.

Mehr Hintergrundinformation zu den Ergebnissen von Arctic PASSION und den entwickelten Informationsdiensten, sowie eine Reihe von Faktenblättern zu verschiedenen Themen, können auf der Webseite https://arcticpassion.eu/ und im Synthesereport gefunden werden.

Beyond Arctic PASSION

Das Netzwerk aus Arctic PASSION hat die Ziele des Projekts in greifbare Ergebnisse umgesetzt und Brücken zwischen Wissenschaft, Indigenem Wissen, Politik und Gesellschaft geschlagen. Das Verknüpfen vielfältiger Perspektiven, Infrastrukturen und Methoden hat ein Modell für arktische Forschungs- und Beobachtungssysteme geschaffen, das über die Summe seiner Teile hinausgeht. 

Aber so sehr die Arbeit von Arctic PASSION auch von Erfolg gekrönt war, bleibt noch immer viel zu tun, um das Arktische Beobachtungsnetzwerk aufzubauen, es nützlicher, gerechter organisiert und integriert zu machen.

Das Nachfolgeprojekt Beyond Arctic PASSION, finanziert von der EU, bietet die Möglichkeit, auf dieser Arbeit aufzubauen und weitere wichtig Aspekte anzugehen. Das Projekt startete im September 2026. In den kommenden vier Jahren wollen die Projektpartner gemeinsam ein Netzwerk weiterentwickeln, um Arktisbeobachtungen in umsetzbare Lösungen für Menschen in der Arktis, die Wissenschaft und die Politik fließen zu lassen.

Mit einem erneut sehr divers und international besetztem Team von mehr als 40 Partnern aus 15 Ländern wird sich Beyond Arctic PASSION der folgenden Herausforderungen annehmen:

  • Governance & Nachhaltigkeit – Eine integrative, langfristige Koordination, die gemeinsam von indigenen Völkern, Wissenschaftlern, der Industrie und politischen Entscheidungsträgern gestaltet wird.
    • Das Ziel: Ein koordiniertes arktisches Beobachtungssystem, das auch über die Projektlaufzeit hinaus resilient, nutzbar und effektiv bleibt.
  • Offene, interoperable Daten – Vernetzte Daten- und Wissenssysteme, die Prognosen, Modellierungen und Risikobewertungen ermöglichen.
    • Das Ziel: Zugängliches Wissen, das fundiertere, evidenzbasierte Entscheidungen ermöglicht.
  • Schließung von Beobachtungslücken – Autonome Sensoren, KI und gemeinsam entwickelte Überwachungskonzepte, kombiniert mit indigenem und lokalem Wissen.
    • Das Ziel: Handlungsrelevante Informationen und Instrumente, die von verschiedenen Nutzer:innen in der Arktis und außerhalb bereits heute genutzt werden können.

Beyond Arctic PASSION wird die Entwicklung eines nachhaltigen, fortschrittlichen und inklusiven Systems von Systemen zur Arktisbeobachtung weiter vorantreiben – durch die Verknüpfung von Spitzenforschung, Indigenem Wissen, lokalem Wissen, modernen Technologien und einer transparenten Governance.

Die Stärke von Beyond Arctic PASSION liegt in der Breite und der langen Erfahrung unserer Partner: Organisationen indigener Völker arbeiten hier gemeinsam mit nationalen Forschungsinstituten und Universitäten, operativen Datendiensten, Vertreter:innen lokaler Behörden sowie Akteuren aus der Industrie – und decken dabei Europa, Nordamerika und Asien ab. Diese Vielfalt an Fachwissen und Perspektiven bildet das Fundament, das ein koordiniertes, vertrauenswürdiges und inklusives Beobachtungssystem ermöglicht.