Risikoreiche Altlasten: Munition im Meer

Dr. Matthias Brenner, Meeresbiologe und Forschungstaucher am Alfred-Wegener-Institut.

Altlasten

Munition im Meer

Küstengewässer

Nordsee

Im vergangenen Jahrhundert wurden in den Küstengewässern der Nord- und Ostsee rund 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 250 000 Tonnen chemische Kampfstoffe versenkt. Der größte Teil stammte aus den Waffenkammern der deutschen Armee und wurde nach dem Ende des 2. Weltkrieges unter Aufsicht der Alliierten einfach im Meer entsorgt. Versenkt wurden Bomben, Granaten, Minen, Waffen und Patronen. Dazu kamen Fässer und Container gefüllt mit chemischen Kampfstoffen oder aber Chemikalien, die zur Herstellung der Kampfstoffe benötigt wurden.

Die größten Verklappungsgebiete für chemische Kampfstoffe befinden sich außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer im Skagerrak (Norwegen und Schweden, 200.000 Tonnen) sowie in der Ostsee bei Bornholm (Dänemark) sowie im Gotland-Becken (Schweden). In der Ostsee wurden rund 30.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe versenkt, davon allein circa 10.000 Tonnen im Bornholm-Becken. Darüber hinaus gammeln auch in deutschen Küstengewässern Tausende Tonnen verklappter konventioneller Munition vor sich hin. Ein Anteil von 300.000 Tonnen liegt in der Ostsee, vor allem in der Kieler und Lübecker Bucht, während in der Nordsee noch etwa 1,3 Millionen Tonnen Munition vermutet werden. Betroffen sind hier Gebiete vor den Inseln Spiekeroog und Wangerooge, aber auch in der Nähe von Sylt und Helgoland wurde Munition verklappt.

Der heutige Zustand der alten Munition ist sehr unterschiedlich. Einige Patronen, Granaten und Minen sind noch zündfähig, während bei anderen die Ummantelung fast vollständig zersetzt ist. Beim Zerfall der Munitionshüllen werden giftige Komponenten des Sprengstoffs sowie deren Abbauprodukte freigesetzt. Wir wollen deswegen den Fragen nachgehen, ob und in welchem Umfang die einstigen Inhaltsstoffe der Munition von Meereslebewesen aufgenommen werden und ob die Organismen gesundheitliche Beeinträchtigungen infolge eines Kontaktes mit den Kampf- und Sprengstoffen davontragen. Erste Ergebnisse zeigen, dass überall dort, wo Munition im Wasser liegt, auch Substanzen aus der Munition im Wasser nachweisbar sind. Diese Stoffe wiederum werden sowohl von Muscheln als auch von Fischen aufgenommen. Spuren der Substanzen lassen sich anschließend im Körpergewebe der Tiere nachweisen. In Laborexperimenten mehren sich zudem die Hinweise, dass der Kontakt mit Kampf- und Explosivstoffen für die betroffenen Organismen schädlich ist.

Diese Erkenntnis wiederum bedeutet, dass von der verklappten Weltkriegsmunition in Nord- und Ostsee auch heute noch eine viel größere Gefahr für die Lebensgemeinschaften beider Meere ausgeht, als bislang angenommen wurde. Ein Problem, das dazu nach Einschätzung aller Experten in Zukunft eher größer als kleiner werden wird, da die Korrosion unaufhörlich fortschreitet und damit immer mehr Sprengstoffkomponenten ins Wasser gelangen.