IPCC-Bericht

Jetzt zu handeln sichert unsere Zukunft

Zweiter Teil des Weltklimaberichts: Der Klimawandel ist eine Bedrohung für menschliches Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten
[28. Februar 2022] 

Heute ist der zweite Teil des aktuellen Weltklimaberichts erschienen, der Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit adressiert. Der Bericht benennt die gegenseitige Abhängigkeit von Klima, Ökosystemen und Biodiversität sowie menschlichen Gesellschaften und integriert das Wissen aus den Natur-, Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften stärker als frühere IPCC-Berichte. Einer der beiden Koordinatoren des Berichts ist Prof. Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut, die beiden AWI-Biologen Prof. Dieter Piepenburg und Prof. Björn Rost waren als Leitautoren beteiligt.

„Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig: Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das menschliche Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten. Jede weitere Verzögerung bei konzertierten globalen Maßnahmen wird ein kurzes und sich schnell schließendes Zeitfenster zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft verpassen“, sagt Hans-Otto Pörtner in der Pressemitteilung des IPCC. Er hebt hervor, dass Klimaschutz und Biodiversitätsschutz gemeinsam gedacht werden müssen: „Gesunde Ökosysteme sind widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel und bieten lebenswichtige Dienstleistungen wie Lebensmittel und sauberes Wasser“, erläutert der Ko-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe II. „Wenn wir degradierte Ökosysteme wiederherstellen und 30 bis 50 Prozent der Landflächen, Süßwasser- und Meereslebensräume der Erde wirksam und gerecht erhalten, kann die Gesellschaft von der Fähigkeit der Natur profitieren, Kohlenstoff zu absorbieren und zu speichern. So können wir die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung beschleunigen. Eine angemessene Finanzierung und politische Unterstützung sind dabei jedoch unerlässlich“, hebt der AWI-Biologe hervor.

„Wie dringend es ist, schneller aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen, zeigen uns die Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur schon heute: Krankheiten, Verlust von Leben und Lebensraum sowie Vertreibung durch Hitzewellen, Überflutungen, Meeresspiegelanstieg oder Umweltzerstörung sind hier Beispiele“, sagt Prof. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „Die Wissenschaft drängt seit Jahrzehnten auf den notwendigen Pfadwechsel zu regenerativen Energien und nachhaltigem Handeln. Auch wenn wir schon viel weiter hätten sein können, haben wir das Steuerrad immer noch selbst in der Hand“, sagt Antje Boetius weiter. „Der neue Bericht spricht da noch deutlicher an, dass die unglaublich hohen Kosten des Klimawandels zu vermeiden sind.“

„Der neue Sachstandsbericht hat eine Reihe von Reaktionen auf Organismen und Ökosystemen auf den Klimawandel dokumentiert, natürlich auch im Kapitel über ‚Ozean und Küstenökosysteme‘, an dem ich beteiligt war“, berichtet Prof. Björn Rost. „Der Ozean spielt im Klimageschehen eine entscheidende Rolle, da er den Großteil der anthropogenen Erwärmung, aber auch direkt das Treibhausgas CO2 aufnimmt“, sagt der Meeresbiologe. „Dieser ‚Service‘ für uns und unseren Planeten hat jedoch seinen Preis, da sich der Ozean durch die Aufnahme immer mehr erwärmt, versauert und Sauerstoff verliert, und zwar stärker und schneller als dies seit Millionen von Jahren der Fall war. Schon heute, bei einer globalen Erwärmung von 1,1 °C, sind viele Arten polwärts gewandert und haben sich Wachstums- und Fortpflanzungszyklen zeitlich verschoben, mit weitreichenden Auswirkungen auf die Nahrungsnetze bis hin zu den Fischbeständen. Außerdem sind marine Hitzewellen immer häufiger und intensiver geworden und haben in einigen Regionen zu einer starken Abnahme der Biodiversität und dem Zusammenbruch regionaler Fischereien geführt“, erklärt Björn Rost die beobachteten Auswirkungen des Klimawandels auf das Leben in den Ozeanen. „Bei einer weiteren globalen Erwärmung von mehr als 1,5°C werden empfindliche Ökosystem wie Korallenriffe, Seetangwälder, aber auch der Lebensraum Meereis unumkehrbar geschädigt. Der schon für die nächsten Jahrzehnte vorhergesagte Verlust von mehrjährigem Meereis sowie ein im Sommer eisfreier Arktischer Ozean kann zum Verschwinden mehrerer arktischer Fischarten, Krabben, Vögel und Säugetiere führen.“ Björn Rost betont, dass der neue Bericht stärker als zuvor neben den direkten Klimaauswirkungen auch deren Wechselbeziehungen mit anderen menschengemachten Gefährdungen wie Lebensraumzerstörung, Überdüngung oder Überfischung berücksichtigt. Außerdem legt er einen besonderen Schwerpunkt auf mögliche Lösungen für Anpassungen unterschiedlicher Art und berücksichtigt dabei neben dem Klimawandel selbst, dessen enge Verzahnung mit Natur und Mensch.  

„Die deshalb notwendige intensive Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften fand ich als Naturwissenschaftler besonders spannend“, sagt Prof. Dieter Piepenburg, Meeresbiologe und einer der Leitautoren der Regionalkapitel über Europa und die Polarregionen. „Ein Kernergebnis des Berichts ist, dass in allen Sektoren und Regionen die am meisten gefährdeten Menschen und Systeme auch unverhältnismäßig stark betroffen sind. Dabei wird im Bericht insbesondere die unterschiedliche Empfindlichkeit von Entwicklungsländern im Vergleich beispielsweise zu Europa betont. Aber auch in Europa, wo die weitere Erwärmung stärker sein wird als im globalen Mittel, sind gefährdete Bevölkerungsgruppen, wie ältere und arme Menschen, besonders stark von Hitzewellen betroffen, da sich diese auch bei uns schon auf die Gesundheit auswirken können“, sagt Dieter Piepenburg. „Neu am aktuellen Bericht ist außerdem ein starker regionaler Fokus, der die globalen Aussagen vertieft. Er liefert damit reale Handlungsoptionen für Entscheider vor Ort, auch auf regionaler und sogar kommunaler Ebene, die auf Machbarkeit und Wirksamkeit überprüft worden sind. So kann zum Beispiel die Fähigkeit von Städten, ländlichen Gebieten und Ökosystemen erhöht werden, sich gezielt an den Klimawandel anzupassen - zum Wohle aller“, berichtet Dieter Piepenburg über die Optionen für eine nachhaltige klima-resiliente Entwicklung. Allerdings werden die Handlungsmöglichkeiten bei einer Erwärmung von mehr als 1,5 °C oder gar 2 °C immer eingeschränkter, und es würden zunehmend tiefgreifendere (und teurere) Anpassungen notwendig.

Hintergrundinformationen:

Der Bericht Klimawandel 2022: Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit. Beitrag der Arbeitsgruppe II zum Sechsten Sachstandsbericht der Zwischenstaatlichen Sachverständigengruppe für Klimaänderungen (IPCC) steht hier zur Verfügung.

AR6-Arbeitsgruppe II in Zahlen

  • 270 Autoren und Autorinnen aus 67 Ländern
  • 47 - koordinierende Autorinnen und Autoren
  • 184 - leitende Autoren und Autorinnen
  • 39 - Review-Editorinnen und Editoren

plus

  • 675 - mitwirkende Autorinnen und Autoren

Über 34.000 zugrundeliegende zitierte Fachpublikationen

Insgesamt 62.418 Kommentare von Fachleuten und Behörden (erster Entwurf 16.348; zweiter Entwurf 40.293; Version zur Verteilung an die Regierungen: 5.777)

Der Bericht der Arbeitsgruppe II untersucht die Auswirkungen des Klimawandels auf Natur und Menschen rund um den Globus. Er untersucht die zukünftigen Auswirkungen bei unterschiedlichen Erwärmungsgraden und die daraus resultierenden Risiken und bietet Optionen zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Natur und Gesellschaft gegenüber dem fortschreitenden Klimawandel, zur Bekämpfung von Hunger, Armut und Ungleichheit zu bekämpfen und die Erde zu einem lebenswerten Ort zu machen - sowohl für die heutigen als auch für künftige Generationen.

Die Arbeitsgruppe II führt in ihrem jüngsten Bericht mehrere neue Komponenten ein: Einer ist ein spezieller Abschnitt über Auswirkungen des Klimawandels, Risiken und Handlungsoptionen für Städte und Siedlungen am Meer, tropische Wälder, Gebirge, Biodiversitäts-Hotspots, Trockengebiete und Wüsten, den Mittelmeerraum sowie die Polarregionen. Ein weiteres Projekt ist ein Atlas, der Daten und Erkenntnisse über beobachtete und prognostizierte Auswirkungen und Risiken des Klimawandels auf globaler und regionaler Ebene präsentiert und damit noch mehr Erkenntnisse für Entscheidungsträger bietet. Die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger des Beitrags der Arbeitsgruppe II zum Sechsten Sachstandsbericht (AR6) sowie zusätzliche Materialien und Informationen sind verfügbar unter www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/

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