Pressemitteilung

Prof. Dr. Karsten Reise: „Sylt braucht Sand“

[07. September 2004] 

Weltweit weichen die Strände zurück. Das ist eine Folge des ansteigenden Meeresspiegels. Der wächst gegenwärtig im Jahr um 2,5 Millimeter an. Mit der globalen Erwärmung könnte diese Anstiegsrate sich in diesem Jahrhundert verdoppeln und beträgt dann rund einen halben Meter. Das ist nicht viel, aber das Meer entwickelt in Ufernähe einen Sandhunger, um durch gleichzeitigen Anstieg des Meeresbodens die Wellenenergie optimal verteilen zu können. Dazu braucht es Sand und den nimmt sich das Meer vom Strand.

Das bekommt besonders die Insel Sylt zu spüren. Um die Sandverluste zu kompensieren, wird jedes Jahr der Strand künstlich mit aufgespültem Sand versorgt. In der Presse wurde die Frage aufgeworfen, wer dafür in Zukunft zahlen soll. In dem Zusammenhang wurde Wissenschaftlern vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung fälschlich unterstellt sie würden fordern, Sylt einfach aufzugeben (Hamburger Abendblatt 30. August 2004). Das ist abwegig, denn es wurde nur eine Hälfte der Überlegungen zum Erhalt der Insel zitiert.

Die vollständige Nachricht lautet, weniger Sand auf die Seeseite und dafür mehr auf die Wattseite der Insel zu spülen, denn dort bleibt der Sand viel länger liegen. So machte es die Natur über viele Jahrhunderte: Das Meer lockerte im Westen den Sand und der Wind trieb ihn als Wanderdünen quer über die Insel nach Osten. Was im Westen verloren ging, kam so im Osten wieder dazu. Da Sand nicht mehr in Dörfern und über Straßen geduldet wird, bleibt heute nur der Einsatz von Spülschiffen, die den Sand zur Ostseite bringen. Auf lange Sicht wäre dies auch billiger, als auf einer Linie im Westen zu beharren und diese koste es was es wolle zu verteidigen. Durch die Klimaerwärmung wird eine Sandküste immer schwerer zu halten sein. Doch selbst wenn keine Sandvorspülungen mehr betrieben würden, ginge die Insel nicht unter. Die Nordsee wird sie so lange umlagern, bis sie mit den dänischen Nachbarinseln auf einer Linie liegt. Das aber geht im Schneckentempo vor sich. Deswegen wäre es möglich, Stadt oder Dorf um 100 bis 200 Meter im Jahrhundert zu verlegen und heute dafür die Pläne zu entwerfen. Das war und ist der Vorschlag der Wissenschaft und es wäre schade, wenn er in der hoch wogenden Debatte um das Geld zu versanden droht.

Prof. Dr. Karsten Reise
Leiter der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung

Bremerhaven, den 07.09.2004

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Das Institut

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in den Polarregionen und Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Als eines von 18 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft koordiniert es Deutschlands Polarforschung und stellt Schiffe wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen für die internationale Wissenschaft zur Verfügung.