PS110 - Wochenbericht Nr. 2 | 3. - 11. Januar 2018

Vom Äquator bis ins Kap-Becken

[12. Januar 2018] 

Die Fortsetzung unserer Fahrt steht auch im zweiten Teil ganz unter der Prämisse, das Ziel unbedingt pünktlich zu erreichen, um die ohnehin knappe Zeit der nachfolgenden Antarktis-Expeditionen nicht weiter zu verkürzen. Und so lässt der Ablauf einer der kürzesten Überführungen von Bremerhaven nach Kapstadt nur sehr wenig Zeit für Stationsarbeiten.

Aber zunächst schleicht sich Polarstern am Morgen des 4. Januar 2018 bei ruhiger See und ohne Aufsehen über den Äquator – fast so, als sollte Neptun es besser nicht bemerken.

Nach zwei vorangegangenen Tests auf kurzen Stationen am 2. und 4.1.2018 war es dann am 6.1. endlich soweit, dass eine unserer Missionen erfolgreich abgeschlossen werden konnte: Das kleine kabelgebundene Unterwasser-Fahrzeug (ROV: BlueROV2) wurde von einem Schlauchboot der Polarstern aus eingesetzt, gefahren und seine Position mit Hilfe eines am Boot befestigten Unterwasserpositionierungssystems verfolgt. Getestet wurde die Fähigkeit des kleinen ROVs sich gegen die teils starke Strömung zu halten und zu positionieren.

Mit den Tests sollte abgeschätzt werden, wie gut sich dieses kleine oder mehrere ROVs koordiniert relativ zu einem driftenden und sich bewegendem Schiff zielsicher positionieren könnten. Die genaue Positionierung einer kleinen, im letzten Wochenbericht erwähnten Kalibrierungskugel mitten unter dem Schiff durch koordiniert arbeitende Mini ROVs könnte u.a. die durch die Größe von Polarstern bedingte, schwierige und arbeitsaufwändige Kalibrierung der im Rumpf eingebauten wissenschaftlichen Echolote stark vereinfachen.

Das kleine ROV hat sich bei den Tests sehr gut geschlagen. Mit herzlichem Dank an die engagierten Bord-Elektroniker wurde es „Seebiber“ getauft.

Ein letztes wissenschaftliches Etappenziel vor Kapstadt ist eine Position etwa 6 Meilen nordwestlich von St. Helena, eine zum britischen Überseeterritorium gehörende Insel mitten im Südatlantik, die wir im Morgengrauen des 8. Januars erreichen. Hier wurde bei kontinuierlichen Messungen des erneuerten Magnetometersystems der Polarstern mit dem Schiff ein Doppel-Drehkreis von jeweils 2 Seemeilen Durchmesser in Form einer „Acht“ gefahren. Die gut zweistündige Aktion dient dazu, die induzierende Wirkung des Erdmagnetfeldes auf das eisenreiche Schiff in allen Fahrtrichtungen zu erfassen, damit diese aus zukünftigen geomagnetischen Messungen des Schiffes herausgerechnet werden kann. Eine geomagnetische Landstation, die auf St. Helena vom Geoforschungszentrum Potsdam betrieben wird, dient dabei als Referenz für das Erdmagnetfeld während der Kalibration, so dass Polarstern als mobiles erdmagnetisches Observatorium bei zukünftigen Expeditionen die Magnetisierung der Erdkruste wieder fehlerfrei kartieren kann.

So mancher an Bord hätte sich gewünscht, die an diesem Morgen wolkenverhangene Verbannungsinsel von Kaiser Napoleon auch nur für wenige Stunden besuchen zu können. Bei allem Reiz und der gegebenen Nähe ist das aber bei unserem straffen Programm leider nicht zu verwirklichen gewesen.

Am 11.1.18 überqueren wir auf der Höhe von Namibia den Walvis-Rücken, der an einigen Stellen bis auf 38 m unter dem Meeresspiegel aufragt, und fahren dann bis Kapstadt durch einen Teil des südlich angrenzende Kap-Beckens mit etwa 5000 m Wassertiefe. Entlang dieser Strecke werden die im Schiff eingebauten wissenschaftlichen Lote noch einmal verschiedenen Tests unterzogen.

Polarstern verfügt über ein modernes, wissenschaftliches Echolotsystem, das für die Untersuchung der Verteilung von Fischen und Zooplankton mit akustischen Signalen über ein weites Frequenzband arbeiten kann. Zusätzlich zu dem fest im Schiff eingebauten Echolot (Simrad EK80), ist während der PS110 ein mobiles Echolot (EK80 WBT tube) an Bord und wurde bereits während des ersten Teils der Reise eingesetzt und im letzten Wochenbericht erwähnt.

Die Rückstreuung der akustischen Signale durch die verschiedenen Fische und Zooplanktonarten ist sehr frequenzabhängig. Beide Systeme bieten somit im Vergleich zu älteren Systemen, die mit engen Frequenzbändern arbeiten, eine potentiell stark verbesserte Möglichkeit, Arten zu erkennen und deren Bestand und Verhalten spezifisch zu untersuchen. Der Einsatz beider Systeme auf Station und Transitfahrt dient während dieser Expedition dazu, neue Eigenschaften und die Leistungsfähigkeit nach einer Systemweiterentwicklung zu testen.

Auch an dem Sedimentechographen Teledyne PARASOUND P70 ist die technische Weiterentwicklung nicht spurlos vorbeigegangen. Hier wurde vor PS110 ebenfalls eine Erweiterung installiert, die es ermöglicht, durch eine größere Frequenzbreite der gesendeten Schallwellen, die Schichten unter dem Meeresboden besser zu erfassen. Die etwas längeren Anteile der Wellen können tiefer in den Untergrund eindringen und die höheren den Aufbau der Schichten besser abbilden. Es wird jetzt getestet, für welche Ablagerungen das mit verschiedenen Einstellungen am besten gelingt.

Sedimente sind das Gedächtnis der Meere. Veränderungen in der Umwelt beeinflussen die Ablagerungen am Meeresboden, sei es durch Meeresströmungen, Einträgen aus Flüssen, Staub aus der Atmosphäre oder Organismen in der Wassersäule. Die Geowissenschaften beschäftigen sich mit dem Abrufen dieser Informationen aus dem Sediment, um die natürlichen Veränderungen in der Erdgeschichte zu rekonstruieren und zu verstehen. Die Untersuchung mit Schallwellen stellt dabei nur eine von vielen Methoden dar.

Das Wetter hat sich mit dem Verlassen der innertropischen Konvergenz am 4.1.18 und dem Erreichen der südöstlichen Passatwindzone mit Windstärken um 4 Bft und bis zu 2 m Seegang im normalen Rahmen verhalten. Der Sommer in der südlichen Hemisphäre beschert uns zunehmend mehr Tageslicht. In 48 Stunden wird Polarstern pünktlich in Kapstadt einlaufen.

Alle an Bord sind wohlauf und bei guter Stimmung.

Mit herzlichen Grüßen an alle Daheimgebliebenen,

Frank Niessen (mit einem Beitrag zum ROV und EK-80 von Sören Krägefsky)

 

(Polarstern, 28° 04' S, 9° 35' E, 12.1.2018)

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