Nahrungsquelle und Schatzkammer

Weltweit fangen Fischer immer weniger Fische im Meer. Woher aber kommt dann der Fisch, den wir Menschen essen?  Immer häufiger aus Zuchtanlagen. Heute stammen bereits 50 Prozent der Fische und Meeresfrüchte sowie 96 Prozent der Algen aus Aquakultur-Haltung. Es wird erwartet, dass diese Zahlen steigen. Einher geht damit jedoch, dass mehr Anlagen und somit auch mehr Fläche für Aquakulturhaltung benötigt werden.

In Deutschland ist küstennahe Aquakultur in der Nordsee aus zwei Gründen nicht möglich: Zum einen ist das Wattenmeer ein Nationalpark und damit ein Schutzgebiet. Zum anderen ist das Wasser an vielen Orten  zu trüb und enthält zu viele Partikel, um Meeresorganismen zu kultivieren. Eine Alternative ist die gemeinsame Nutzung der Offshore-Windparkflächen für Energiegewinnung und Aquakultur. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts forschen daran, wie eine derartige Nutzung nachhaltig gestaltet werden kann.

„Wer Fische in Aquakultur halten möchte, muss nicht nur den Flächenverbrauch bedenken. Es gibt auch viele Umweltaspekte zu berücksichtigen“, erklärt AWI-Wissenschaftlerin Dr. Britta Grote. Tatsache ist, dass Aquakultur einen relativ schlechten Ruf hat – hervorgerufen durch die industriellen Fischfarmen vor Südamerika oder Südostasien, wo die intensive Zucht von Fischen und Garnelen oft zu einer Schädigung der umliegenden Natur geführt hat.

„Gefütterte Arten wie Fische oder Krebse entlassen Nährstoffe ins Wasser, was zu einer Überdüngung des umgebenden Ökosystems beitragen kann. Dieses Problem ließe sich durch die Zucht von Algen- und Muschelarten lösen, welche Nährstoffe konsumieren“, sagt Britta Grote. „Sie nehmen überschüssige Nährstoffe der gefütterten Arten auf und halten die Nährstoffbilanz somit im Gleichgewicht.“

Eine solche kombinierte Haltung von gefütterten Arten und nährstoffzehrenden Arten nennt man integrierte multi-trophische Aquakultur (IMTA). „Wir nutzen hier also einen natürlichen Filter – die Algen – um die Fischzucht umweltfreundlich zu gestalten. Gleichzeitig stellen die Algen eine zusätzliche Einnahmequelle dar.“ Kurz gesagt: IMTA ist biologisches Recycling mit großem wirtschaftlichen Nutzen.

Nachhaltig, umweltfreundlich, wirtschaftlich

In ihrer Forschungsarbeit untersucht Britta Grote deshalb, wie eine Mehrfachnutzung der Offshore-Gebiete um Windparks gestaltet werden muss, um Offshore-Aquakulturen nach dem IMTA-Konzept nachhaltig, umweltfreundlich und wirtschaftlich betreiben zu können. Vereinfacht dargestellt erforscht sie, welche Algen, Muscheln und Fische sich eignen und wie viel Zuchtfläche sie für welche Arten braucht, um diese im Offshore-Bereich der Nordsee zusammen in Zuchtanlagen nach dem IMTA-Konzept umweltfreundlich und wirtschaftlich zu kultivieren.

„Unsere bisherigen Forschungen haben gezeigt, dass die Algen und Muscheln an Offshore-Standorten meist gut wachsen – größtenteils sogar von besserer Qualität sind als die küstennäher gezüchteten“, sagt Britta Grote. Die gezüchteten Algen haben je nach Algenart ein großes Verwertungspotential: Sie finden Anwendung in der Kosmetikindustrie, Pharmaindustrie oder können auch als gesundes Lebensmittel auf unseren Speiseplan kommen.

Algen als natürlicher Filter, um die Fischzucht umweltfreundlich zu gestalten: Dr. Britta Grote forscht mit der Rotalge Palmaria palmata
Algen als natürlicher Filter, um die Fischzucht umweltfreundlich zu gestalten: Dr. Britta Grote forscht mit der Rotalge Palmaria palmata (Foto: Sina Löschke)
Bisherige AWI-Forschungen haben gezeigt, dass Algen an Offshore-Standorten meist gut wachsen
Bisherige AWI-Forschungen haben gezeigt, dass Algen an Offshore-Standorten meist gut wachsen (Foto: Sina Löschke)