ARK XXIII/2, Wochenbericht Nr. 3
20. Juli - 26. Juli 2008
Je weiter wir auf unserem 78°50’ N-Schnitt nach Westen kamen, desto dichter und dicker wurde die Eisbedeckung. Die dunklen Flecken auf den Eisschollen sind Sedimenteinschlüsse und zeigen, dass das Eis von der sibirischen Küste stammt. Die Schollen sind zwar schon stark abgetaut aber immer noch so massiv, dass sie der Polarstern die volle Kraft abfordern. Unter diesen Bedingungen wurden die letzten beiden Verankerungen aufgenommen. Dazu mussten erst einmal die Eisschollen zerkleinert werden, um eine kleine eisfreie Wasserfläche zu schaffen. Alles lief hervorragend und mit etwas Glück und Können aller Beteiligten konnte die letzte Verankerung abends am 21. Juli aufgenommen und eine weitere gleich wieder ausgelegt werden. Damit sind alle Verankerungsarbeiten trotz der schwierigen Eisbedingungen erfolgreich abgeschlossen und die Messungen für ein weiteres Jahr gesichert. Einige der Verankerungen haben nun schon zwei Jahre lang gemessen, da sie das Jahr zuvor nicht aufgenommen werden konnten. Insgesamt wurden 12 Verankerungen ausgewechselt und 2 neue installiert. Die Daten von 74 Messgeräten, die insbesondere Temperatur, Salzgehalt, Strömungen und Druck gemessen haben, konnten gesichert werden. Im nächsten Schritt werden sie ausgewertet, um Veränderungen der Wassermassen in der Framstraße feststellen zu können. In der Framstraße fließt wärmeres und salzhaltigeres atlantisches Wasser nach Norden, während kaltes, salzärmeres Wasser aus der Arktis nach Süden fließt. Die CTD-Messungen, die parallel zu den Verankerungsarbeiten durchgeführt werden, geben dann genauen Aufschluss über Veränderungen. Eine erste Auswertung hat aber schon gezeigt, dass das atlantische Wasser im letzten Jahr im Mittel kälter und salzärmer als in den vorherigen Jahren war. Zusätzlich wurde ein so genannter „Seaglider“ ausgesetzt, der jetzt 2 Monate lang selbständig von der Wasseroberfläche bis in 1000 Meter Tiefe taucht und Messungen durchführt. Immer wenn das Gerät an die Oberfläche kommt, sendet es die Daten nach Bremerhaven und kann dann auch neue Befehle für den nächsten Tauchgang erhalten. Der Seaglider arbeitet einwandfrei und hat schon die ersten Daten nach Bremerhaven gesendet.
In der Nacht zum 22. Juli ging es dann sofort weiter Richtung Nordost-Wasser-Polynja. Zunächst war das Eis so dicht und kompakt, dass die Polarstern all ihre Pferdestärken aufbieten musste, um sich den Weg nach Nordwesten zu bahnen. Danach kamen wir vor der grönländischen Küste in die offene Wasserfläche, die uns die Eiskarten schon angekündigt hatten. Die See ist hier spiegelglatt, und der Nebel verzieht sich immer mehr. Das waren dann genau die Verhältnisse, die wir für die Hubschrauberflüge brauchten, um die GPS-Sensoren der geodätischen Arbeitsgruppe aus Dresden auf Grönland aufbauen zu können. Um die Geräte möglichst weit auf dem grönländischen Festland (bis zu 180 km von der Küste entfernt) aufbauen zu können, waren wir in eine Rinne zwischen dem festen Eis und einem sich ablösenden großen Eisfeld gefahren. Der Aufbau der ersten Stationen hat die ganze Nacht gedauert, und alles konnte planmäßig erledigt werden.
Am 24. Juli haben wir mit den Stationsarbeiten in der Polynja begonnen. Das Wetter ist weiterhin ausgezeichnet, und die ersten Arbeiten wurden in Nord-Süd-Richtung durchgeführt. Parallel wurden weitere geodätische Stationen mit Hilfe der Helikopter auf Grönland aufgebaut. Die Helikopter fliegen so, dass wir unsere Arbeiten in der Zwischenzeit fortsetzen können. Innerhalb von 2 Tagen konnten dann alle Stationen wie geplant auf Grönland errichtet werden.
Eine Polynja ist ein Gebiet, das sehr früh im Jahr eisfrei ist, während die Umgebung noch unter einer geschlossenen Eisdecke liegt. In diesem Jahr ist die Situation jedoch völlig anders. Nur ein kleiner Teil der Polynja ist eisfrei, während sich nach Osten ein breiter eisfreier Bereich gebildet hat, der nach Süden dann in die Grönlandsee übergeht. Auf dem restlichen Teil der Polynja liegt noch ein großes, geschlossenes Eisfeld. Obwohl sich in den letzten Tagen zwei große Stücke der Eisbedeckung gelöst haben und langsam nach Osten driften, ist unser Hauptarbeitsgebiet immer noch mit Eis bedeckt. Die Untersuchungen in der Polynja werden uns die restliche Zeit der Expedition beschäftigen.
Von der grönländischen Küste mit dem schönen, wenn auch kalten Wetter grüßen alle sehr herzlich,
Gerhard Kattner

Der Seaglider vor seinem ersten Tauchgang. (Foto: Agnieszka Beszczynska-Möller, Alfred-Wegener-Institut)

Die Rosette mit den 24 Wasserschoepfern und der CTD-Sonde geht zu Wasser. (Foto: Kai-Uwe Ludwichowski, Alfred-Wegener-Institut)

Der Seaglider mit der Antenne aus dem Wasser (Foto: Agnieszka Beszczynska-Möller, Alfred-Wegener-Institut)


