ARK-XXII/2, 1. Wochenbericht

Eisstation
28. Juli - 5. August 2007
Zwischen Kisten und Containern
Am Samstag, den 28. Juli liefen wir pünktlich um 20 Uhr aus dem sonnigen Tromsö aus. Die Reinraumcontainer unserer holländischen Chemiegruppe standen fertig installiert an Deck, letzte Einkäufe, notwendig durch das Verschwinden eines Koffers, waren erledigt und die Sorge, ob wohl alle nachträglich nach Tromsö gelieferten Expeditionsgüter wirklich angekommen waren, konnte zerstreut werden - natürlich war alles längst an Bord verstaut.
Der Sommer begleitete uns mit blauem Himmel und warmem Wetter noch eine kleine Weile auf unserem Weg in die Barentssee, aber davon haben wir wenig mitbekommen, da zunächst das Auspacken auf Hochtouren lief. Der Beginn jedes Fahrtabschnittes wird typischerweise von einem milden Chaos beherrscht: Labore werden zugeteilt, und dann wieder umgetauscht, der Platz reicht hinten und vorne nicht, die Container werden ausgestaut. Kisten werden nicht gefunden, tauchen dann aber doch dort auf, wo sie eigentlich sein sollten, Geräte funktionieren überhaupt nicht, aber nach etwas Ruhe gehen sie wunderbarer Weise doch. Nach einem Tag legte sich die Hektik deutlich, unterstützt von einem kleinen Tiefausläufer, der die See von spiegelglatt in etwas gewellt wandelte. Am ersten Nachmittag lief bereits eine erste Probestation für unsere beiden CTD-Systeme und wir konnten beruhigt sein, dass alles gut funktionierte. Inzwischen hatte auch jeder seinen/ihren Laborplatz eingerichtet und wir stellten zufrieden fest, dass der Platz - wie immer - für alle ausreichte.
Ab Dienstag früh begannen wir, Wissenschaftler und Techniker aus 9 Ländern, unser Expeditionsprogramm mit einem ersten Schnitt, der uns von dem Schelf der Barentssee durch das Nansenbecken bis zum Nansen-Gakkel-Rücken führen soll. Entlang von diesem Schnitt und denen, die folgen werden, wollen wir ein weit gefächertes Programm an hydrographischen, biogeochemischen, biologischen und geologischen Untersuchungen durchführen und das Meereis auf seine Organismen und seine physikalischen Eigenschaften hin untersuchen. Wir werden die einzelnen Programme in den kommenden Wochenberichten ein bisschen eingehender beleuchten.
Insgesamt ist unsere Expedition ein zentraler Beitrag zum Internationalen Polarjahr 2007/08 (IPY 2007/08), das am 1. März startete. Das Ziel ist, in Kooperation mit den anderen internationalen Expeditionen, die ebenfalls in diesem und dem nächsten Sommer stattfinden, eine synoptische Aufnahme des physikalischen, chemischen und biologischen Zustands des gesamten arktischen Ozeans in einer Phase rasanten Klimawandels durchzuführen. Die Verringerung des Meereises, die Erwärmung von Atmosphäre und Ozean, die Verschiebung des Windsystems und der Ozeanzirkulation und die entsprechenden Auswirkungen auf Organismen in Eis und Wasser und auf die Ausbreitung von Stoffen, die über die Flüsse eingetragen werden, machen eine solche umfassende Gesamtaufnahme als Ausgangspunkt für Langzeitbeobachtungen notwendig. Die einmalige Chance im IPY international koordinierter Aktivitäten erlaubt es räumliche und zeitliche Entwicklungen von einander zu trennen, was bei einzeln durchgeführten Expeditionen kaum möglich ist.
Am Mittwochnachmittag haben wir bei 81 30N die Eisgrenze passiert und innerhalb der nächsten Stunden gleich 4 Eisbären nahe beim Schiff gesehen. Das war ein feiner warnender Hinweis für die erste Eisstation am Donnerstag, bei der Eisbiologen und Eisphysiker fast den ganzen Tag auf einer Scholle verbrachten um die Dickenverteilung zu vermessen und Eiskerne für Laboruntersuchungen zu erbohren. Auf dem Weg nach Norden wurde die Eisbedeckung immer dichter und zahlreiche Presseisrücken bei 83 30N haben in der letzten Nacht unsere mittlere Geschwindigkeit auf 2 Knoten reduziert.
Wir haben eine dringende Bitte an alle, die uns gerne dienstlich oder privat etwas mitteilen möchten: unser Emailverkehr ist hier außerhalb der Reichweite der üblichen Kommunikationssatelliten sehr stark eingeschränkt. Um völlige Verstopfungen zu vermeiden, lassen wir bis auf Weiteres keine Emails über 10 Kb durch. Aber vielleicht ist das ein gutes Training, sich auf das wesentliche zu beschränken?
Das tu ich jetzt auch. Uns geht es gut und ich grüße alle ganz herzlich im Namen von unsere ganzen Truppe!
Ursula Schauer


