PS116 - Wochenbericht Nr. 1 | 11. - 18. November 2018

Die Antarktissaison beginnt

[22. November 2018] 

Polarstern hat am 11.11. den Heimathafen Bremerhaven mit dem Mittagshochwasser verlassen. Aufgrund umfangreicher Werftarbeiten hatte sich die Abfahrt um einen Tag verzögert, was allen Mitfahrenden einen ersten ruhigen Tag an Bord bescherte, der ein schaukelfreies Eingewöhnen und Orientieren auf dem Schiff ermöglichte.

Auf den Weg gemacht haben sich neben 43 Mann Besatzung 45 Wissenschaftler und Logistiker sowie zwei Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes. Nach den üblichen Einführungen in die Schiffsroutine sowie die Sicherheitsbestimmungen an Bord begannen die Gruppen, ihre Arbeitscontainer und Labore zu beziehen. Auf den Außendecks sind zwei Messcontainer in Betrieb, die zum einen luftphysikalische Parameter in der Atmosphäre messen (TROPOS Leipzig) und zum anderen luftchemische Proben nehmen (Universitäten Göttingen und Hannover). Mit einem Myonendetektor misst eine junge Wissenschaftlerin vom DESY Teilchen, die beim Eintreten kosmischer Strahlung in die Atmosphäre entstehen. Zwei Biologen (AWI und Universität Oviedo) sammeln Planktonproben, um sie auf ihre DNA-Zusammensetzung zu untersuchen. Auf alle diese Vorhaben wird in den kommenden Wochenberichten noch detaillierter eingegangen werden. Zudem ist eine Gruppe des AWI Rechenzentrums eifrig dabei, die bordeigenen Serversysteme fit für kommende Anforderungen zu machen und nicht zuletzt auf das im Herbst 2019 beginnende Driftexperiment MOSAiC vorzubereiten. Dafür werden Daten- und Analysedienste zur Verfügung gestellt. Ein Filmteam dokumentiert unsere Fahrt mit 360° 3D-Aufnahmen, welche ab Frühjahr 2019 im Rahmen einer Ausstellung im Deutschen Schifffahrtsmuseum zu sehen sein werden.

Die größte Gruppe auf diesem Abschnitt bis zu den Kanaren stellt das „Echosounding Training“, welches von der Graduiertenschule POLMAR organisiert worden war: Insgesamt 22 junge Nachwuchswissenschaftler/innen (Studenten und Doktoranden) des Fachbereichs Geo der Universität Bremen und des AWI werden eine Woche lang im regulären Schiffsbetrieb von fünf Wissenschaftlern des AWI an den Echoloten Hydrosweep und Parasound ausgebildet (Abb. 1). Diese Lote, die rund um die Uhr in Betrieb sind, erfordern stets einen Wachgänger, der das ordnungsgemäße Funktionieren sowie die Datensicherung überwacht. Nach einer umfänglichen Einführung in die Arbeitsweise und Benutzung der Geräte durch Frank Niessen übernahmen die Kursteilnehmer eigenständig die Wachen.

Nun kann so ein Echolot deutlich mehr Informationen liefern als die schiere Wassertiefe. Mit dem Hydrosweep-System wird die Struktur des Meeresbodens kleinskalig aufgezeichnet und zeichnet das Bild einer uns ansonsten verborgenen Welt. Überdimensionale Wellenrippel am Meeresboden des Englischen Kanals, tiefe Canyons vor der Küste Portugals, Hangrutschungen gigantischen Ausmaßes an den Vulkanhängen der Kanarischen Inseln - all das lässt sich mit dem geübten Blick am Meeresboden finden. Das Sediment-Echolot (genannt Parasound) erlaubt dann zusätzlich einen tieferen Blick in die Ablagerungen am Meeresboden. Hier zeigen sich etwa wunderschöne Muster aus waagrechten Streifen, die abrupt abbrechen, wo eine Hangrutschung die vorhandene Struktur zerstört hat. Das geschulte Auge des Geologen kann daraus Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Wer würde etwa denken, dass sich einst ein mächtiger Wasserfall vom flachen Nordseeschelf in die Tiefe vor England gestürzt hat, genau dort, wo heute der Englische Kanal verläuft? Der Blick unter Wasser und in die Vergangenheit lässt diese Zeit mit ein wenig Phantasie wieder lebendig werden. Ein Beispiel dazu zeigt Abb. 2: Multibeam Echosounding Daten von Unterwasserdünen in der Straße von Dover im Englischen Kanal. Die Daten wurden aufgezeichnet und visualisiert von den Teilnehmern des Echosounding Trainingkurses. Das Bild zeigt den Meeresboden von der englischen Küste aus in Richtung Frankreich. Die hochaufgelösten Bathymetrie-Daten der Dünen zeigen die typische asymetrische Struktur von Dünen in Strömungen. Während die Dünen im vorderen Bereich noch auf eine mittlere Strömung in Richtung SW deuten, änderte sich diese während der Aufnahme ca. 3km weiter in Richtung NO. Wie nautische Daten an Bord zeigten, passt das gefundene Strömungsmuster gut zur einströmenden Tiden-Flutwelle in den Kanal.

Und so waren alle Teilnehmer zwischen ihren Wachen fleißig damit beschäftigt, die aufgezeichneten Daten mit Bekanntem aus der Literatur zu vergleichen und in einen größeren geowissenschaftlichen Zusammenhang zu setzen.

Auf insgesamt vier kleinen Stationen wurden zwischen Bremerhaven und Las Palmas Planktonproben mit dem Handnetz gezogen (Abb. 3) sowie Temperatur- und Salzprofile der Wassersäule aufgezeichnet – letzteres als Voraussetzung für eine ordnungsgemäße Kalibration der Lotsysteme.

Nach einigermaßen ruhiger See, auch in der Biskaya, hat sich der Himmel nun am letzten Tag zugezogen, begleitet von Regen und ansteigendem Wellengang.

Alle Fahrtteilnehmer sind wohlauf und freuen sich wahlweise auf die Rückkehr zu Familien und Freunden beziehungsweise eine erfolgreiche Weiterfahrt Richtung Kapstadt. In Las Palmas werden 36 Teilnehmer von Bord gehen sowie sieben neue Kolleginnen und Kollegen aufsteigen.

 

Herzliche Grüße von allen an Bord,

Claudia Hanfland

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