40 Jahre AWI

40 Jahre Alfred-Wegener-Institut: Das bedeutet auch 40 Jahre Forschung in Arktis, Antarktis und an den Küstengebieten: Am 15. Juli 2020 feiert das Alfred-Wegener-Institut sein 40-jähriges Bestehen. Mit seiner innovativen Wissenschaft und exzellenten Forschungsinfrastruktur hat sich das AWI zu einem der weltweit führenden und international anerkannten Zentren für Klimaforschung in beiden Polarregionen und den Meeren entwickelt.

Um das Jubiläum gebührend zu feiern, gibt es auf dieser Seite verschiedene Angebote, um 40 Jahre Institutsgeschichte Revue passieren zu lassen.

„Polarforschung ist oft eine Sisyphos-Arbeit“

 Es war ein Aufbruch zu neuen Horizonten. Am 15. Juli 1980 bekam die deutsche Polarforschung zum ersten Mal ein eigenes Institut. Was hat damals den Stein ins Rollen gebracht? Was hat sich seither getan? Und wo steht das AWI heute? Ein Blick zurück auf 40 Jahre Institutsgeschichte mit Dr. Christian Salewski, Historiker und Leiter des Archivs für Deutsche Polarforschung. 

Warum ist man vor 40 Jahren auf die Idee gekommen, das AWI zu gründen?

Das hängt mit dem Antarktis-Vertrag zusammen, dem die Bundesrepublik 1979 beigetreten ist. Dabei spielte auch die Überlegung eine Rolle, sich den Zugang zu den lebenden und mineralischen Ressourcen des weißen Kontinents zu sichern. Man dachte da zum Beispiel an Fisch, aber auch an Öl, Gas, Kohle und seltene Metalle. Also versuchte die damalige Regierung unter Helmut Schmidt, in der Antarktis einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Und dazu brauchte man ein Forschungsinstitut?

Ja. Denn wenn es darum geht, Einfluss auf die friedliche politische Entwicklung und ökonomische Nutzung der Antarktis zu gewinnen, sind nur die sogenannten Konsultativstaaten stimmberechtigt. Und in diesen Kreis wurde ein Land seinerzeit nur aufgenommen, wenn es regelmäßige wissenschaftliche Arbeit in der Antarktis nachweisen konnte. Also brauchte man eine Forschungsstation vor Ort und einen Eisbrecher, um diese zu versorgen. Das AWI sollte beides betreiben. Und es sollte die Arbeit der Universitäten und Hochschulen koordinieren, die weiterhin in den Polarregionen forschen würden. 

Was war historisch gesehen das Besondere an diesem neuen Institut?

Bis dahin waren es einzelne Wissenschaftler der verschiedensten Universitäten und Hochschulen gewesen, die in den Polargebieten gearbeitet und Expeditionen durchgeführt hatten. Nun aber fand die Polarforschung zum ersten Mal eine institutionelle Heimat. Und das wurde nicht von oben angeordnet, wie es im kaiserlichen oder nationalsozialistischen Deutschland oder in der DDR üblich gewesen war. Die Einrichtung des AWI war eine demokratische Angelegenheit. Sie beruhte auf dem Beschluss des Bundestages, dem Antarktis-Vertrag beizutreten. Und auf einem von der Bremer Bürgerschaft verabschiedeten Gesetz, nach dem das AWI als eine Stiftung Öffentlichen Rechts errichtet werden sollte. Der Grund für die Stiftungslösung war, dass die Bundesrepublik nur mit einer solchen juristischen Person ihre völkerrechtliche Schutzfunktion für Station und Schiff und die damit verbundenen hoheitlichen Aufgaben ausüben konnte.  

Welche Folgen hatte die Gründung für die Stadt Bremerhaven?

In den 1970er Jahren war Bremerhaven eine Stadt, die stark von den Werften und der Fischerei abhing – beides Wirtschaftszweige, die eine große Krise durchgemacht haben. Dazu kam dann noch der Abzug der US-amerikanischen Truppen im Jahr 1994. Das AWI hat dazu beigetragen, diesen Strukturwandel zu bewältigen. Es wurden Gebäude errichtet und Dienstleistungen abgerufen, Mitarbeiter zogen in die Stadt. Heute ist Bremerhaven ein bekannter Forschungsstandort, in dem sich auch ein Fraunhofer- und zwei Thünen-Institute angesiedelt haben. 

Außer in Bremerhaven hat das AWI inzwischen Standorte in den entlegensten Regionen des Planeten. Wie ist es dazu gekommen?

In den ersten zehn Jahren war der Aufbau der Infrastruktur ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit. Schon 1981 wurde die Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis eröffnet. Ein Jahr später nahm dann der Forschungseisbrecher Polarstern den Dienst auf, und kurz danach wurden auch die ersten Polarflugzeuge angeschafft. Seither ist die Infrastruktur immer weiter ausgebaut worden. In der Antarktis wurde die ursprüngliche Station nun schon zweimal durch modernere Versionen ersetzt, Neumayer III ist seit 2009 in Betrieb. Außerdem sind im Laufe der Jahre auch etliche kleinere Stationen dazugekommen. Zum Beispiel die 2001 errichtete Kohnen-Station auf dem antarktischen Inland-Eis. Oder die 1991 eingeweihte Koldewey-Station auf Spitzbergen, die inzwischen mit einer französischen Station zu einer gemeinsamen Forschungsbasis namens AWIPEV verschmolzen ist. 

Wie hat sich parallel zu diesen Fortschritten die wissenschaftliche Arbeit entwickelt?

Nach seiner Gründung 1980 beteiligte sich das AWI an dem seit etwa 1978 laufenden großen internationalen BIOMASS-Projekt, bei dem es darum ging, das Ökosystem des Südpolarmeeres insgesamt besser zu verstehen. Daneben forschte das Institut auch in der Ozeanografie, Geologie und Meteorologie. Und als 1986 das Institut für Meeresforschung in Bremerhaven zum AWI kam, interessierte man sich auch verstärkt für das Leben im Ozean in all seinen Facetten, vom Plankton bis zu den Robben. 

Welche großen Forschungsthemen sind später noch dazu gekommen? 

Im Rahmen von Projekten wie EPICA hat man zum Beispiel tief in den Eispanzer der Antarktis gebohrt, um das Klima der Vergangenheit zu rekonstruieren. Und man begann auch, sich mit weiteren Ökosystemen zu beschäftigen. So konnte 1992 mit vielen erfolgreichen ostdeutschen Wissenschaftlern die Forschungsstelle Potsdam gegründet werden, die sich unter anderem mit den Permafrost-Regionen in Sibirien und Nordamerika beschäftigt. 1998 kam dann auch noch die traditionsreiche Biologische Anstalt Helgoland zum AWI, so dass seitdem auch die Küstenforschung in der Nordsee zu den Schwerpunkten des Instituts gehört.  

Der Blickwinkel ist im Laufe der Jahre also immer weiter geworden?

Genau. Seit den 1990er Jahren ist zunehmend das „Erdsystem“ in den Fokus gerückt. Man wollte wissen, wie Land und Meer, Eis und Lebewesen zusammenwirken und wie sich das alles unter dem Einfluss des Menschen verändert. Klimafragen spielten dabei eine immer wichtigere Rolle: Was passiert mit den Polargebieten und der Nordsee, wenn der Klimawandel die Temperaturen in die Höhe treibt? Was machen die Milliarden von Menschen in den Küstenregionen der Erde, wenn der Meeresspiegel steigt? Das sind drängende Fragen, auf die wir nach Antworten suchen. 

Wo steht das AWI heute?

Es ist eine der wenigen Einrichtungen auf der Welt, die langfristige Polar- und Meeresforschung auf dem Niveau einer Großforschungseinrichtung betreiben können. Dadurch hat es auch dazu beigetragen, dass die Polar- und Meeresforschung in Deutschland insgesamt einen Schub bekommen hat. So hat Gotthilf Hempel, der erste Direktor des AWI, nicht nur das spätere Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen, sondern auch das Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde gegründet. Zudem wurden am AWI viele Fachleute ausgebildet, die später in anderen meereskundlichen Einrichtungen Leitungsfunktionen übernommen haben. Und auch über Deutschland hinaus hat sich das Institut einen exzellenten Ruf erarbeitet. Deshalb sind seine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch federführend bei vielen internationalen Projekten. 

Eines der spektakulärsten davon ist MOSAiC, die größte Arktis-Expedition aller Zeiten. Von Herbst 2019 bis Herbst 2020 driftet die Polarstern durch die Arktis. 

So ein Vorhaben wäre ohne die logistische Erfahrung und die erfolgreichen Vorgängerprojekte der letzten Jahrzehnte nicht möglich gewesen. Partner und Geldgeber hatten das Vertrauen, dass das AWI eine solche Herausforderung stemmen kann – allen Widrigkeiten zum Trotz. Durch all die Probleme wegen der Corona-Krise zeigt sich ja, wie wichtig diese Hartnäckigkeit ist. Polarforschung ist oft eine mühsame und langwierige Sisyphos-Arbeit – wie man in der kürzlich erschienen AWI-Chronik nachlesen kann. 

Die Polarstern im Wandel der Zeit

Vom Rohbau

Zu ersten Forschungseinsätzen

Bis hin zur großen MOSAiC-Expedition