Arktis

Wie der Klimawandel das Leben im Kongsfjord verändert

Internationales Wissenschaftler-Team präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse in zwei Sonderausgaben der Fachzeitschrift Polar Biology
[09. Dezember 2016] 

Der Kongsfjord auf Spitzbergen ist ein Mekka für Meeresbiologen und Klimaforscher, denn die Folgen globaler Veränderungen zeigen sich hier schnell und deutlich im Kleinen.

Panorama-Aufnahme aus dem Kongsfjord auf Spitzbergen.
Panorama-Aufnahme aus dem Kongsfjord auf Spitzbergen. (Foto: René Bürgi)
Unterwasseraufnahme aus dem Kongsfjord.
Unterwasseraufnahme aus dem Kongsfjord. (Foto: Joe Haschek)

„Der Fjord wird aufgrund seiner offenen Verbindung zur Framstraße von Süden her mit relativ warmen atlantischen Wasser des Westspitzbergenstroms versorgt. Gleichzeitig strömt das kalte Wasser des Sørkappstroms aus der Arktis in den Meeresarm. Das heißt, das Leben im Fjord ist stetig wechselnden Klimasignalen ausgesetzt und das wiederum macht dieses Gewässer für uns zu einem spannenden Laboratorium“, erklärt AWI-Biologin Inka Bartsch.

Sie gehört zu einem internationalen Team aus 60 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, das in den zurückliegenden Monaten alles aktuelle Wissen zu den Folgen des Klimawandels auf das Leben im Kongsfjord zusammengetragen und in zwei Sonderbänden der Fachzeitschrift Polar Biology veröffentlicht hat. „Der Beitrag von AWI-Wissenschaftlern ist beachtlich. 31 Kolleginnen und Kollegen aus den Standorten Bremerhaven, Helgoland und Sylt haben an den zwei Sonderbänden mitgeschrieben“, sagt AWI-Kongsfjord-Experte Christian Wiencke. Er und Haakon Hop vom Norsk Polarinstitutt sind die Herausgeber der beiden Sonderveröffentlichungen, die insgesamt 34 Fachartikel umfassen.

Eine Eisscholle berührt eine im Flachwasserbereich des Kongsfjords wachsende Makroalge.
Eine Eisscholle berührt eine im Flachwasserbereich des Kongsfjords wachsende Makroalge. (Foto: Joe Haschek)
Unterwasseraufnahme aus dem Kongsfjord.
Unterwasseraufnahme aus dem Kongsfjord. (Foto: Joe Haschek)

„Die beiden Sonderbände enthalten so viele beeindruckende Ergebnisse, dass wir sie zweifelsohne als Meilenstein bezeichnen können“, sagt Christian Wiencke. Neu ist zum Beispiel die Erkenntnis, dass am Meeresboden des Fjords große Zooplanktonschwärme vorkommen. „Wenn wir diese Schwärme nicht berücksichtigen, unterschätzen wir den Bestands des pelagischen Zooplanktons“, so der Wissenschaftler. Ebenso beeindruckt zeigt er sich vom Nachweis, dass Braunalgen (Kelp) im Zuge der eisfreien Winter nun auch in jenen Flachwasserbereichen wachsen, in denen sie früher von den Eisschollen abrasiert wurden. Dadurch hat sich die Biomasse der Braunalgen und der assoziierten Tiere vervielfacht, was vermutlich die Nahrungsnetze nachhaltig beeinflusst. Es passiert auch häufig, dass die großen Algenblätter abreißen, vom Wasser davongetragen werden, an einem anderen Küstenabschnitt zu Boden sinken und die Lebensgemeinschaft dort „stören“. „Dass lose liegende Kelp-Thalli die Struktur und Diversität von Weichböden signifikant verändern können, hatte bisher noch niemand nachgewiesen“, so Christian Wiencke.

Die zwei Sonderbände umfassen Beiträge zu fast allen für das Ökosystem wichtigen Prozessen und bedeutenden Organismengruppen– angefangen bei pelagischen heterotrophen Mikroben über Zooplankton bis hin zu benthischen Mikro- und Makroalgen, Makrozoobenthos, Fischen und Seevögeln. Einige Fachartikel fokussieren auf die Effekte globaler Klimaveränderungen auf die biologischen Gemeinschaften; andere vergleichen die Veränderungen im Kongsfjord mit jenen in anderen Fjorden und geben auf diese Weise einen Ausblick auf künftige Entwicklungen. Ein wichtiger Teil umfasst Sedimentationsprozesse und gibt Einblicke in den Schadstoffgehalt von Sedimenten. „Wir hoffen, dass wir mit diesen beiden Veröffentlichungen eine gute Ausgangslage für zukünftige Arbeiten legen konnten“, sagt Herausgeber Christian Wiencke.

Der Kongsfjord ist aufgrund seiner Nähe zum Wissenschaftsdorf Ny-Ålesund das Zielgebiet einer auf Langzeit-Beobachtungen ausgelegten Biodiversitätsforschung. Hier finden seit Jahrzehnten zahlreiche internationale und multidisziplinäre Forschungsprojekte zur Fragen der polaren Meeresbiologie statt. AWI-Wissenschaftler und ihre nationalen und internationalen Partner nutzen vor allem die deutsch-französische Arktis-Forschungsstation AWIPEV als Ausgangspunkt für Messungen und Probennahmen in dem arktischen Meeresarm.

Die zwei Sonderbände der Fachzeitschrift Polar Biology sind unter folgenden Titeln erschienen:

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