PS103 - Wochenbericht Nr. 3 | 4. Januar – 8. Januar 2017

An der Neumayer-Station

[09. Januar 2017] 

 

4. Januar 2017, 2 Wochen und 5 Tage auf See.

Der Morgen findet Polarstern an der Schelfeiskante - genauer gesagt an dem sogenannten Nord-Ost-Anleger der Atka Bucht. 

Abb. 1 (5. Jan. 17, 12:19): Übergabe eines neuen Pistenbully für die Neumayer Station. (Foto: Steffen Spielke)

Das Ekström-Schelfeis ragt hier mit Mächtigkeiten um die 150 m in den Ozean hinein - ca. 15 m frei aufschwimmend über der Wasserlinie.  Am Nordost-Anleger ist die Schelfeishöhe (über Wasserlinie) etwa 12 m, ideale Bedingungen für die Versorgung der Neumayer-Station mit Proviant und Brennstoff, da der Umschlagbereich gut von der Brücke einzusehen ist und die geringe Höhe die Übergabe von Treibstoff und Containern erleichtert.  Schon kurz nach unserer Ankunft beginnt die von langer Hand minutiös vorbereitete Ladesequenz, in diesem Fall die Abgabe von 24 Containern mit Proviant und Material, einem Pistenbully (Abb. 1),  320.000 Liter Treibsoff sowie die Rücknahme von 32 t Rückfracht.

Abb. 2 (5. Jan. 17, 15:50): Polarstern an der Schelfeiskante des Nordost-Anlegers. (Foto: Hendrik Hampe)
Abb. 3 (5 Jan 17, 18:21): Die neue BK-117 im Abflug von Polarstern. (Foto: Ioana Ivanciu)
Abb. 4 (5 Jan 17, 14:39): Eine Messstation der Meereisgruppe wurde auf dem Festeis der Atka Bucht errichtet. (Foto: Hendrik Hampe)

5. Januar 2017, 2 Wochen und 6 Tage auf See

Die Pistenbullys der Neumayer-Station ziehen weiterhin unermüdlich Schlitten an das Schiff, um sie dann, mit Containern beladen, aus dem unmittelbaren Umschlagbereich hinaus etwas weiter entfernt für den späteren Transport zur Neumayer-Station bereitzustellen (Abb. 2).  Heute herrscht, wie erhofft, Kaiserwetter, welches erstmals auch den wissenschaftlichen Einsatz „unseres“ neuen Helikopters, einer BK-117 (Abb. 3), erlaubt.  Mit ihm werden zunächst Personal und Material zum Aufbau einer Messstation auf dem Meereis der Atka-Bucht transportiert (Abb. 4), um den Zuwachs und das Abschmelzen des Meereises in den nächsten Monaten zu untersuchen.  Wir hoffen, dass das Eis, auf dem wir die Station installieren, die sommerliche Schmelze übersteht und mit dem Antarktischen Küstenstrom Richtung südlichem Weddellmeer befördert wird.  Aber auch eine alte Bekannte, die nahegelegene PALAOA Station (Perennial Acoustic Observatory in the Antarctic Ocean), wird per Helikopter aufgesucht.  Das Observatorium nimmt die Unterwasserschallkulisse im Bereich des Nordanlegers, der (zeitweise) nördlichsten Spitze des Ekström-Schelfeises, auf.  Ein Gewirr von Wal- und Robbenrufen, aber auch das Rauschen der Wellen und explosionsartige Geräusche beim Kalben des Schelfeises werden hier seit jetzt über 10 Jahren aufgezeichnet. Die Wartungsarbeiten dienen dazu, die Kalibration der Lautstärkemessungen zu überprüfen (wird der Ozean wirklich lauter, wie häufig behauptet wird?), die Batterien zu tauschen und verbesserte Hardware zu installieren.  In einer etwa einem Meter unter der Eisoberfläche verborgenen Kiste wird nun der Ozean mit Studioqualität belauscht. Die Aufnahmerate beträgt 96.000 Hz, damit auch die weit über dem menschlichen Hörbereich klickenden Schnabelwale erfasst werden können.  In etwa 3 Monaten wird das Personal der Neumayer-Station diesen abgelegenen Ort wieder aufsuchen, um Batterien und Speichermedien für die Fortführung der Aufnahmen zu tauschen.

6. Januar 2017, 3 Wochen auf See

Unser letzter Tag bei Neumayer.  Das Umpumpen des Treibstoffs beginnt - wie zuvor - um 8 Uhr morgens und zieht sich noch bis in den frühen Abend, wie auch das Umstauen der an Bord verbliebenen Container und das Laden der Rückfracht von Neumayer.  Gegen sieben Uhr abends ist es soweit. Alle Arbeiten sind abgeschlossen, alles ist seeklar gestaut, und nach einem kurzen Abschiedsumtrunk auf der Schelfeiskante verabschieden wir uns vom Neumayer-Team.  Diesmal ein ganz besonderer Abschied, denn unser langjähriger Kollege, Eberhard Kohlberg, steht heuer das letzte Mal als verantwortlicher Koordinator der Neumayer Sommeraktivitäten (und damit auch der gerade abgeschlossenen Ladeaktivitäten) an der Schelfeiskante.  Eine Ära geht zu Ende. 

Doch das Schiff (oder ist es das Eis) ist unserem Abschied nicht wohlwollend gesonnen. Das Ablegen mag erst einmal nicht gelingen - selbst langes Winken hilft da nicht weiter.  Dicke Schollen, mehr als 6 Meter tief und mit deutlich über 2 m Schneeauflage, halten uns bis auf weiteres am Liegeplatz fest. Bläst Wind über große Wasser- oder Eisflächen, so schieben sich diese um 45° (entgegen des Uhrzeigersinns auf der Südhalbkugel) zur Windrichtung gedreht voran, ein als Ekman-Spirale bekannter Effekt. In diesem Fall zu unserem Nachteil, denn der seit letzter Nacht aufbrisende Ostwind schiebt die Schollen mehr und mehr gegen die Schelfeiskante.  Jetzt können nur die Gezeiten und eine Änderung der Windverhältnisse helfen, die notwendige Auflockerung des Packeises herbeizuführen.

Abb. 5 (6. Jan. 17): Eine Gruppe adoleszenter Kaiserpinguine hält seit Tagen am Schiff Wache. (Foto: Torben Rusch)
Abb. 6 (7. Jan. 17): Dicke Eisschollen direkt neben Polarstern. (Foto: AWI (by Fiona, unserem neuen ROV))

 

7. Januar 2017, 3 Wochen und 1 Tag auf See

Das morgendliche Panorama ähnelt dem von gestern Abend doch (bedauerlicherweise) sehr: Steuerbord die Schelfeiskante, darauf eine Gruppe von Kaiserpinguinen voraus (Abb.5), eine zweite achteraus.  Das Meereis hat uns fest im Griff, und an Ablegen ist auch weiterhin nicht zu denken.  Doch die Zeit können wir nutzen.  Da wir unser neues ROV (Remotely Operated Vehicle) „Fiona“ zur Aufnahme von Verankerungen noch nie im Einsatz hatten, ist dies eine gute Gelegenheit, erste Erfahrungen damit zu sammeln.  Die ersten Bilder - kurz nach dem Abtauchen (Abb. 6) zeigen beeindruckend die Dicke der Eisschollen, die uns umgeben.

8. Januar 2017, 3 Wochen und 2 Tage auf See

Auch heute ist ein Vorankommen bis auf weiteres nicht wahrscheinlich.  Doch die biologischen Experimente und die Arbeiten im Labor beeinflusst dies nicht. Pünktlich zum neuen Jahr, am 1. Januar, startete die Arbeitsgruppe MicroPath das zweite von insgesamt drei 11-tägigen Experimenten zur Produktion von Bromoform durch Mikroalgen. Bromoform ist ein halogeniertes, klima-aktives Gas (wie z.B. auch FCKW) und am Ozonabbau in der Atmosphäre beteiligt. In den Ozeanen, insbesondere in den Polargebieten, entstehen große Mengen bromierter Gase, wie genau ist jedoch noch weitestgehend unerforscht. Mit unseren Experimenten wollen wir entschlüsseln, welche Rolle Temperatur, Algenwachstum und das vorhandene organische Material im Seewasser dabei spielen.  Bislang scheint es den kleinen Algen in unseren Kühlcontainer gut zu gefallen, denn sie wachsen fleißig in den Flaschen und produzieren ordentlich Sauerstoff.

Wohlgenährt (heute war Wiegeklub) und gesund grüßen alle Expeditionsteilnehmer nach Hause, in der Hoffnung, dass das Meereis uns bald freigibt, damit wir uns auf den zweiten Abschnitt unserer Expedition machen können.

 

Olaf Boebel

Kontakt

Wissenschaft

Olaf Boebel
+49(471)4831-1879
Olaf.Boebel@awi.de

Wissenschaftliche Koordination

Rainer Knust
+49(471)4831-1709
Rainer Knust

Assistenz

Sanne Bochert
+49(471)4831-1859
Sanne Bochert