PS110 - Wochenbericht Nr. 1 | 20. Dezember 2017 - 3. Januar 2018

Vom Advent ins Neue Jahr

[05. Januar 2018] 

Die „Polarstern“ hat Bremerhaven am 20.12.2017 gemäß langfristiger Planung pünktlich mit dem Nachmittagshochwasser bei dichtem Nebel und ruhiger See verlassen. An Bord sind 44 Mitglieder der Besatzung und 9 Wissenschaftler. Mit dabei sind 4 Ingenieure und Techniker von Firmen, die Restarbeiten der Werftzeit zu erledigen haben und 2 Inspektoren der Reederei Laeisz.

Die relativ geringe Anzahl an Wissenschaftlern auf PS110 ist der langen Werftzeit im Herbst und dem ungewöhnlich späten Beginn der Überfahrt nach Kapstadt zuzuschreiben. Diese gibt einen sehr engen Zeitplan vor, der - von wenigen Stunden für wichtige Gerätetest abgesehen - keine Stationszeit für wissenschaftliche Forschungen zulässt. Neben der Erfassung einiger Routineparameter in Luft und Wasser entlang der Fahrtroute besteht die wissenschaftliche Hauptaufgabe von PS110 darin, neue oder erneuerte Geräte zu testen und für die nachfolgenden Expeditionen einsatzfähig zu machen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Le Havre zur Übernahme wichtiger Gerätschaften verlassen wir am 24.12. den Englischen Kanal bei nasskaltem aber noch immer relativ ruhigem Wetter. Am Heiligen Abend sind wir westlich der Bretagne in der Biskaya und feiern mit geschmücktem Baum und Glühwein, so dass auch auf See eine weihnachtliche Stimmung aufkommt. Das tröstet ein wenig beim gemeinsamen Vermissen unserer Familien zuhause. Am 1. Weihnachtsfeiertag endet eine mehrtägige Periode sehr ruhiger Wetterbedingen in der Biskaya mit einem ersten Frontdurchgang, der uns eine Windstärke 7 bis 8 beschert. Der damit verbundene Seegang bis 3 m macht der Polarstern aber wenig aus, so dass wir die Weihnachtsgans in der liebevoll von den Stewardessen und Stewards geschmückten Messe genießen können. Dank der guten Vorhersage unserer Meteorologen von der Bordwetterwarte entkommen wir dem im Winter berüchtigten Seegebiet der Biskaya gerade noch rechtzeitig, denn ein bis zwei Tage später erreichten die Wellen dort schon wieder stolze Höhen von 6 bis 8 m. Zu diesem Zeitpunkt nähert sich die Polarstern am 25./26.12 schon dem Azorenhoch, an Deck wird es spürbar wärmer und der Wind flaut ab.

Die wissenschaftlichen Arbeiten auf dem ersten Teil der Reise konzentrieren sich auf zwei Bereiche. Zum einen betrifft es die komplette Erneuerung des Radiosondensystems der Bordwetterwarte, um das sich die Kollegen der Atmosphärenphysik des AWI mit der Bordwettertechnikerin vom DWD kümmern. Auf Polarstern wird zur Erfassung von Temperatur, Feuchte und Wind in der Atmosphäre täglich ein Sondenaufstieg mit einem Ballon bis in 30 km Höhe durchgeführt. Die Daten werden in ein weltweites Netz von Messstationen eingespeist und tragen zur Verbesserung der Wettervorhersagen bei. Zum anderen wird das wissenschaftliche Echolot PARASOUND nach erfolgter Reparatur und Erweiterung einem Dauertest unterzogen. Das Gerät wird auf vielen nachfolgenden Expeditionen gebraucht, um die obersten 100 bis 200 Meter Sediment des Meeresbodens mit Hilfe von Schallwellen zu untersuchen. Die gewonnenen Daten dienen dann dazu, Ablagerungsbedingungen im Ozean und deren Änderungen in Raum und Zeit zu erkennen und gezielt Proben zu entnehmen.

Unser nächstes Etappenziel heißt Las Palmas auf Gran Canaria. Nach einem Abschiedsgrillen, dankenswerterweise von der Kombüse auf dem Arbeitsdeck am Abend des 27.12. ermöglicht, verlassen uns 3 Kollegen der Atmosphärenphysik, sowie 7 Ingenieure, Techniker und Inspektoren am 28.12. nach erfolgreicher Arbeit. Ein Kollege aus der Logistik des AWI kommt an Bord. Außerdem wird der Aufenthalt genutzt, um das Schiff erneut voll zu betanken. Standesgemäß verlassen wir („Polarstern 1“) zeitgleich mit der „Queen Elizabeth 3“ pünktlich um 18 Uhr den Hafen von Las Palmas bei wolkigem und eher kühlem Wetter und setzten unsere Reise Richtung Süden fort.

Mit der See und dem Wind in der nördlichen Passatwindzone im Rücken kommt die Polarstern in den „Tagen zwischen den Jahren“ gut voran. Zu Silvester haben wir bereits das Seegebiet östlich der Kapverdischen Inseln erreicht. Bei Lufttemperaturen um die +20° C bietet es sich geradezu an, das Jahr mit einem Grillabend an Deck ausklingen zu lassen. Um Mitternacht gibt es kein Feuerwerk (Leuchtraketen werden nur im Seenotfall abgeschossen), sondern es ertönt das Schiffstyphon, während die „Nichtwachgänger“ auf der Brücke und im Maschinenraum mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr anstoßen. Am Mittwoch, dem 3.1.2018 befindet sich Polarstern bereits am südlichen Ende des Sierra Leone Beckens und ist nur noch etwa 350 km vom Äquator entfernt. Entsprechend heiß ist es am Oberdeck geworden. Bei tropischen Temperaturen um die 30°C und schwachen Winden prasselt der eine oder andere Gewitterschauer auf das Schiff. Wir haben den Bereich der Passatwinde verlassen und durchqueren die innertropische Konvergenzzone. Am Abend des 2.1.2018 wurden neben den fliegenden Fischen, die beinahe ständig neben dem Schiff aus dem Wasser schießen, auch Schildkröten gesichtet. Mehrere Delphine haben sich dem Schiffsrumpf bis auf wenige Meter genähert und nehmen offensichtlich genüsslich in der Bugwelle ein Schaumbad, bevor sie vor dem Schiff abtauchen. Zum Schutz der Tiere wurde die PARASOUND-Anlage während der Delphin-Vorführung abgeschaltet.

Auf dem Abschnitt zwischen Las Palmas und Kapstadt konzentriert sich das wissenschaftliche Programm auf zwei Bereiche. Zum einen werden umfangreiche Testläufe des PARASOUND-Systems durchgeführt. Insbesondere in den Tiefseeebenen zwischen den Kanarischen Inseln und dem Südende des Sierra Leone Beckens südlich der Kapverden sind bei Wassertiefen zwischen 3000 und 5000 m die Untergrundverhältnisse bestens geeignet, um neue Möglichkeiten des Gerätes zur tieferen Eindringung des Schalls in den Untergrund und die verbesserte Auflösung von Ablagerungsstrukturen auszuloten und zu dokumentieren. Zum anderen stehen Tests von Geräten an, die zu einem weiteren Echolotsystem gehören (EK-80), das von den Biowissenschaften zur Erfassung von Beständen an Fischen, Krill und anderen Organismen in der Wassersäule verwendet wird. Auch hier wurden vor der Reise technische Erweiterungen vorgenommen, die eine Kalibrierung auf See erforderlich machen. Zu diesem Zweck stoppt die Polarstern am 2.1.2018 für gut 2 Stunden bei spiegelglatter See auf. Die mobile Einheit des EK-80, die man im Einsatz hinter dem Schiff schleppt, wird am Seil des Schiebebalken neben dem Schiff einige Meter ins Wasser ausgebracht und beschallt eine darunter hängende Stahlkugel bekannter Größe, die zur Kalibrierung dient. Daneben wird die Stationszeit genutzt, um einen neuen Mini-ROV von einem Schlauchboot der Polarstern in einiger Entfernung vom Schiff zu testen. Es handelt sich um einen kleinen Unterwasser-Roboter, der unter anderem als Hilfsmittel zur Kalibrierung des im Schiffsrumpf eingebauten EK-80-Echoltes verwendet wird.

 

Alle an Bord sind wohlauf und bei guter Stimmung.

Mit herzlichen Grüßen an alle Daheimgebliebenen,

 

Frank Niessen

 

(Polarstern, 3° 20' N, 16° 21' W, 3.1.2018)

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