Eismassenbilanz: Die Eisschilde schrumpfen, der Meeresspiegel steigt

Eisschilde schrumpfen, wenn sie mehr Eis durch Oberflächenschmelze oder aber durch das Kalben von Eisbergen verlieren, als sich durch Schneefall neu bildet. Wir beobachten derzeit große Massenverluste der Eisschilde in Grönland und der Antarktis sowie einen Rückzug der Gletscher weltweit. Die Massenverluste in Grönland übersteigen den Eiszuwachs durch Schneefall um etwa 40 Prozent; in der Antarktis sind es rund 10 Prozent. Hinzukommt, dass sich die Massenabnahme des antarktischen Eisschilds beschleunigt. Das Schmelzwasser der Eisschilde und Gletscher der Erde trug im Zeitraum von 2005 bis 2017 nahezu 2 Millimeter zum globalen Meeresspiegelanstieg von etwa 3 Millimeter pro Jahr bei. Der restliche Anstieg wurde durch die Ausdehnung des Wassers im Zuge der globalen Erwärmung verursacht. 

Die Eisverluste des grönländischen Eisschildes werden durch eine Erwärmung der Luft- und Ozeantemperaturen hervorgerufen. Ein warmer Sommer, wie wir ihn in diesem Jahr auf Grönland erlebt haben, schlägt sich direkt in der Eismassenbilanz nieder. Hinzukommen sogenannte Rückkopplungen im Klimasystem: Schmilzt zum Beispiel der im Winter gefallene Neuschnee auf der Eisoberfläche früher im Jahr, absorbiert das dunklere Gletschereis darunter über einen längeren Zeitraum Sonnenstrahlung und schmilzt in einem größeren Ausmaß, als würde die Schneedecke länger liegen bleiben. 

Vorhersagen aus der Klimamodellierung lassen darauf schließen, dass die Massenverluste des grönländischen Eisschildes voraussichtlich weiter zunehmen werden, sollte die Temperatur weiter steigen. Wie prognostiziert erwärmt sich die Arktis derzeit mehr als doppelt so schnell wie die restliche Welt im globalen Mittel. Zwar wird es auch zu mehr Niederschlägen kommen. Diese werden aber vermehrt als Regen fallen und nicht als Schnee und so weniger zum Anwachsen des grönländischen Eisschildes beitragen. In der Antarktis kommt der Entwicklung der großen Schelfeisgebiete eine entscheidende Bedeutung zu. Diese stützen das Inlandeis, werden aber in Zukunft voraussichtlich kleiner werden und an Rückhaltekraft verlieren. Allerdings ist für die Antarktis auch mehr Schneefall zu erwarten. 

Dr. Ingo Sasgen, 

Geowissenschaftler und Experte für Eismassenbilanzen am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung