PS96 Wochenbericht Nr. 2 | 14. bis 20. Dezember 2015

Unten Wasser, oben Wind, dazwischen Eis - im Südpolarmeer von Bouvet nach Neumayer ist Polarstern in ihren Elementen

[21. Dezember 2015] 

Passend zum Aufstieg des ersten Wochenberichts zum Satelliten auf dem langen Weg in die Heimat tauchten draußen im Ozean die ersten Eiskrümel auf. Bereits ein Tag später klopfen „richtige“ Schollen an die Bordwand - auf das der Polarmeer-Unbedarfte aus der Koje hochschrecken möge. (Gegen Ende der Reise wird uns das Geräusch fehlen.)

Jetzt ist Frühling in der Antarktis und bis sich eine 18 Millionen Quadratkilometer große Eisfläche zu einem Rest von 3 Millionen Quadratkilometern auflöst, braucht‘s eine Weile. Wir wünschen uns, das große Frühlingstauen möge nicht allzu lange dauern....

Die Gerätevorbereitungen nehmen derweil ihren Lauf. Das komplexe Grundschleppnetz wird am zukünftigen Einsatzort unter dem A-Rahmen achtern komplettiert und schon mal befeuchtet. Der CTD werden neue Sensoren vorgestellt, die begleitenden Wasserschöpfer müssen überredet werden nicht zu lecken. Ein Außenborder muss wieder laufen lernen, das ROV erhält eine gläserne Nabelschnur. Damit kann man sich später Live-Videos vom Meeresboden in der Kammer anschauen.

Auf Steuerbordseite wurde das unkomplizierteste und damit auch zuverlässigste Messgerät der Polarforschung angebracht: Ein Brett - das auf gelbem Tape als „Eislatte“ markiert ist - 2,5 Meter lang, rot/weiß gestreift und dient dem Meereisteam auf der Brücke als maßstäblicher Anhalt in dieser sonst bezugslosen Eis-Wasser-Wüste. Bedeckung und Größe der Schollen werden auf der Brücke akribisch und lückenlos registriert. Kamera und Radar ergänzen bildlich. Und wieder einen Tag voraus werden die Schollen erwartungsgemäß dichter und - jetzt könnte man bald zu Fuß weiterkommen. Dann und wann nutzt die Schiffsleitung einen Heli um 25 Meilen voraus und aus 1000 Fuß Höhe die Lage zu peilen: Welches ist der Weg des geringsten Widerstandes? Vorteil: Die Schollen schützen hervorragend vor Neptuns launischen Wind/Wellenausbrüchen.

Abb. 3: - Auf dem Achterschiff blicken zwei Bojen (Iridium Snow Height Ice Beacon) ihrer zukünftigen Aufgabe entgegen. Foto: AWI (Foto: Hannes Grobe/AWI)

Auch seine Haustiere sollen Beachtung finden. Im PC kann man Wale wählen: Art, Anzahl, Position zum Schiff? Fluke zum Gruß? Kameras mit großen Brennweiten liegen bereit um auch briefmarkengroße Wale am Horizont zu fotografieren. Jede Annäherung wird mit der Echolotzentrale kommuniziert - die Lote müssen während der Besuchszeiten still sein, um nicht die Tiere zu stören. Südlich 60° S gelten die Regeln des Antarktisvertrages und eines konsequenten umfassenden Umweltschutzes. Plötzlich stehen/liegen auch schon die ersten lebenden Maßstäbe auf den Schollen: Pinguine und Robben lassen mit erstaunlicher Gelassenheit das berühmte Forschungsschiff an sich vorbeirauschen.

Geräte haben in der Forschung oft gut klingenden Namen. In der Luke wird eine „Iridium Snow Height Ice Beacon“ ausgepackt (Boje zur langfristigen Registrierung der Schneehöhe). Ganz in schneeweiß sind es schon wegen der weißen Farbe Einweg-Bojen - man braucht, will und kann sie auch gar nicht wiederfinden. Nachdem sie reichlich Schneeflocken gezählt und die Daten  via Satellit übermittelt haben, werden sie, nördlich von 60 Grad ihres Schollenfloßes beraubt und am Meeresboden sessilen Organismen (sesshafte Kleinstlebewesen) als willkommenen  Untergrund (stabiles Fundament) dienen.

Gut geklungen haben diese Woche auch ein Dutzend abendlicher Übersichts-Präsentationen zum Hintergrund und zu den Zielen der vielfältigen wissenschaftlichen Arbeitsgruppen. Um hier überhaupt einen roten Faden verlegen zu können, fangen wir in der Luft an und bleiben im Boden stecken. Folgend ein abstrakter „Abstract“ zur „Orientierung“:

Ein Laser möchte die turbulenten Winde durchleuchten, die den Schnee vom Kontinent aufs Meer fegen. In den Schelfeisen sind edle Gase gefangen, die das große Schmelzen fassbar machen. Reichlich Unwissenheit über noch reichlicheres Meereis - eine illustre Bojenvielfalt mag darüber hinweghelfen. Im Süden des Weddellmeeres gibt es einen Graben - in Gräben fließt wann, warum und wieviel Wasser? Klimarelevanz! Im Wasser schwimmen Fische – sind diese bekannt? Üben Sie schon mal die Aussprache:„Notothenioidei“. Weiter unten gibt es eine eigene Welt kurz über dem Meeresboden – kleine umströmte Organismen warten gespannt auf unsere Geräte. Und was dort alles lebt!? Wer frisst wen (Nahrungskette), wie und was kommt wo vom Gefressenen wieder raus (Stoffumsatz), woher stammt das Baumaterial - und wie heißen die alle überhaupt (Taxonomie) - aber bitte mit Genetik. Wie macht man aus gelöstem Silizium einen Nadelfilz? Die Entwicklung eines vom Eisberg planierten Geländes zurück zum polaren Garten Eden. Das Leben ist zäh - und hier besonders. Wenn es dann doch endet, sedimentiert es. Wer frisst denn sowas? Und alle müssen mal tief durchatmen - Sauerstoff im Focus der Ökologen. Wer wohnt hier noch so? Welche Topographie hat diese bewohnte Welt weit unterhalb unseres Schiffes? Und wenn dann noch Reste an Information übrig bleiben, werden sie in den Sedimentkernen steckenbleiben.

Alles klar? Wir hoffen, Sie werden durch die folgenden Wochenberichte noch besser verstehen können, warum wir eigentlich hier sind. Dieser Wochenbericht verlässt Polarstern in ihrer ausschließlichen Funktion als Eisbrecher vor Neumayers Schelfeiskante. Es sind nur noch 3 Kilometer - aber die haben es in sich!

In der Weihnachtswoche ruht der polare Berichtsdienst - der nächste Wochenbericht folgt am 4. Januar 2016.

 

Kapitän & Besatzung, Fahrtleiter & Wissenschaft wünschen allen Angehörigen daheim wundervolle Festtage und einen Guten Rutsch. (Wir haben hier jedenfalls garantiert weiße Weihnacht und ausreichend Eis zum Rutschen).

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