PS96 Wochenbericht Nr. 6 | 18. - 24. Janauar 2016

Stationsarbeiten in Vielfalt - Wissenschaft vom Feinsten

[25. Januar 2016] 

An Deck steht seit Tagen eine riesige Holzkiste im Weg. Der entblätterte Inhalt präsentiert sich als Wetterstation, auszubringen auf einer soliden Eisscholle mit Satellitenverbindung in die Heimat. Wie alles, was wir auf Schollen ablegen - ohne Wiederkehr. Aber wie kommt es auf die Scholle?

Das Teil ist schwer wie ein Klavier und hat keine Anfasser. Schwups, liegt es in der Netzbrook, hängt am Hubschrauber und wird ausgeflogen. Jetzt ist unser enger Kooperationspartner BAS Betreiber einer Wetterstation in einer Gegend mit viel Wetter aber ohne Stationen. Und es kommen sogar noch zwei weitere dazu.

Das antarktische Hoch ist wohl noch stabiler als ein Islandtief, und führt zu strahlendem Sonnenschein in Kontinentnähe. 24 Stunden gleißende Helligkeit verdampft jegliches Melatonin. Man will nicht so recht müde werden - da kann man noch so viel arbeiten. Dieser Sachverhalt ist offensichtlich - im Gegensatz zum Wetterverhalten im Südpolarmeer. Die Messdatenlücken in südpolaren Gebieten bereiten den Meteorologen noch Probleme im Verständnis der Wetter- und Klimaprozesse. Mit einem Laser, der auf dem Peildeck klimatisiert rotiert, möchte man Kenntnislücken füllen. Antarktische Luft ist die klarste der Welt - aber irgendwelche Tropfen oder Partikel fliegen immer mit. Die reflektieren den Laserstrahl inkl. einer Geschwindigkeitsinformation - vierdimensional in Zeit und Raum. Diesem Schiff bleibt halt nichts verborgen. Und weil die Bedingungen gerade sonntäglich und ideal sind, reicht das Profil in eine grandiose Höhe von 1500 m.

Abb. 1: Unser kleines Schiffsbiotop vor gigantischem Eisberg - Abschiedsfoto von A23A. Foto: Camila Campos/AWI. (Foto: Alfred Wegener Institut)
Abb. 2: Ein Schwerelot wird nach erfolgreichem Einsatz vom Matrosen Peter eingewunken. Foto: AWI. (Foto: hannes.grobe @awi.de)
Abb. 3: Strömungsmesser vor Tafeleisberg. Dieses Gerät hat als Bestandteil einer Verankerung 2 Jahre lang die Strömung (Richtung und Geschwindigkeit) des Bodenwassers im Filchnergraben gemessen. Foto: Hannes Grobe, AWI

Die Luftpumpe für den Weltozean ist das Südpolarmeer - insbesondere der für die Lebewelt am Boden wichtige Sauerstoffgehalt. Die Entstehung des sogenannten „Antarktischen Bodenwassers (AABW) verantworten die meteorologischen Verhältnisse an den Küsten der Schelfeise. Starke ablandige Winde führen durch Abkühlung und laufende Neueisbildung zur Salzgehaltszunahme. Kaltes, salziges Wasser ist dichter und damit schwerer, rutsch dem Hang runter und verläuft sich weltweit. Der Leser bemerkt sofort die Rolle besagter Winde in diesem Prozess, relevant für Leben und Klima - womit wir wieder beim Laser sind.

Polynya ist die russische Bezeichnung für einen eisfreien Bereich in einem Eismeer - übernommen in den internationalen Sprachgebrauch. Auch A23A hat in Lee eine eigene Polynya, in der wir uns auf einer Tagesstation unbehindert von Schollen tummeln und alle Geräte gebadet werden. Die Ergebnisse sind zufriedenstellend, wenn auch die Ausbeute für alle Disziplinen getrost als „mager“ bezeichnet werden darf. In Wüsten kann man halt kein üppiges Leben erwarten. Einzig die Ozeanographen finden immer und überall ausreichende Wassermengen um ihren Durst zu stillen. Nach Stationsende biegen wir im Norden von A23A rechts um die Ecke und krachend, scheuernd und rüttelnd haben sich Polarstern und das Eis in enger Berührung wieder.

Mit einem messenden Schiff kann man dem Verhalten des Ozeans einige Wochen gut beikommen, in einem Eismeer bevorzugt im Sommer. Und was ist mit dem Rest des Jahres? Für längerfristige Dauermessungen haben die Ozeanographen die Verankerung erfunden - Messgeräte an einem langen Seil, die von Ankersteinen am Boden gehalten und von Auftriebskörpern gestrafft werden. Nach 2-3 Jahren kommt man zurück, erzählt dem über dem Gewicht angebrachten Auslöser per akustischem Signal, er möge bitte loslassen und die Verankerung schwebt an die Wasseroberfläche.

Und wenn auf dem Topf ein Deckel liegt? Schon wieder sagt uns das Eis, was wir machen (oder nicht machen) sollen. Das angestrebte Gebiet der Verankerungen ist stark eisbedeckt und damit eine Aufnahme zurzeit nicht ratsam. Unter Eisschollen aufgestiegene Verankerungen sieht und findet man halt nicht. Wenn wir jetzt warten, bis das Eis weg ist, sind unsere Flugtickets verfallen. Also lassen wir die Sensoren ein weiteres Jahr messen - auf das die Batterien so lange halten mögen. Drei weitere Verankerungen werden trotz Schollen (!) samt wertvollsten Messzeitreihen erfolgreich geborgen - zur großen Freude einer Doktorandin, promovierend über die interessanten Wechselwirkungen zwischen Eis, Wasser und der Landschaft am Meeresboden. Bis zum nächsten Bericht überfahren und kartieren wir diese weiter - unter anderem.

 

Besatzung und Wissenschaft senden eiszeitliche Grüße

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