PS96 Wochenbericht Nr. 1 | 6. bis 13. Dezember 2015

Eine Expedition beginnt

[14. Dezember 2015] 

Allgegenwärtige Adventsdeko bei 25 Grad im Schatten ist nichts für einen Nordeuropäer - bloß weg hier vom Tafelberg und ab Richtung Süden - denn: „Am Südpol denkt man ist es heiß - ganz falsch gedacht - nur Schnee und Eis“ (Elke Heidenreich) - und gefrorenes Wasser passt nun mal besser zu unserer Vorstellung von Weihnachtszeit.

Ein Abschiedsgetränk an der Waterfront und die Immigration legt Wert darauf, uns alle persönlich zu verabschieden.

Abb. 1: Keine Schlittenhunde! Eine südafrikanische Cocker Spaniel-Variante, spezialisiert auf Passagiere ohne Fahrkarte mit beliebigem Ziel. Sie hatten keinen Erfolg. © AWI (Foto: Alfred Wegener Institut)

Fast alle der 45 Container sind an Bord, zwei Cocker Spaniel haben das Schiff als frei von „stowaways“ erschnüffelt (Blinde Passagiere), der Lotse übernimmt, das Typhon wird gedrückt und nach nicht mal einer Stunde verliert sich Kapstadt im Nebel. Die Luft im Schiff bewegt sich in leichter Dünung und vibriert vor Erwartung.

Aber erstmal gilt es Container voller Kisten, Netze über Rohren, schwimmende Bojen und tauchende Boote, oder kurz die ganze irritierende Gerätevielfalt einer modernen messenden und beobachtenden Polarforschung, an ihre Einsatzorte zu bewegen, anzuschließen, einzunorden, nass zu machen. Gute Information ist alles und so briefen Fahrtleiter und sein Stellvertreter allmorgendlich die wissenschaftlichen Disziplinen - auch mit dem Ziel, sie alle unter einen Expeditions-Hut zu bringen. Dafür ist dieses Schiff berühmt, dass es den unterschiedlichsten Anforderungen von 50 Wissenschafts-Begeisterten gleichzeitig gerecht werden kann.

Abb. 3: Die Referenzwelle aus den Roaring Forties lässt ihre Kolleginnen im Südpolarmeer schön grüßen. Foto: Julia Fruntke/DWD (Foto: Alfred Wegener Institut)

In einem ersten Treffen nach dem ersten Frühstück stellen sich diese erstmal alle kurz vor. Das Briefing um 9:30 Uhr wird klassischerweise eröffnet durch die tägliche Wettervorhersage - denn Wetter und Eis trugen schon immer maßgeblich zum Gelingen einer Polarexpedition bei - und daran wird sich auch bei dieser Fahrt nichts ändern. Weniger klassisch ist das Team aus der Bordwetterwarte - die ehemaligen graumelierten Wetterfrösche der Vorzeit wurden ersetzt durch ein junges nett-dynamisches Frauenduett. DIE Wettervorhersage ist halt weiblich.

Als der Fahrtleiter die aktuellen Eiskarten unseres Arbeitsgebietes zeigt, gefriert die locker-fröhliche Stimmung im Vortragsraum allerdings kurzzeitig. Aber zum einen haben wir noch etwas (Anreise-)Zeit, zum anderen ist dieses Schiff (unter anderem) ein Eisbrecher. Den ersten Kontakt mit Eis hatten wir übrigens schon - Nachtisch in Kugelform, Geschmacksrichtung Schoko/Vanille - mit Sahnetopping.

Auf dem Helideck wird ein Netz befestigt, damit die Hubschrauber trotz Glatteis standfest auf demselben verbleiben. Der Platz des Sicherungsnetzes ist zurzeit noch verliehen zwecks Vorbereitung eines Schleppnetzes für die avisierte große Fischerei, hervorgequollen aus zwei Open-Top-Containern nebenan. Die wenigen Männer, die in Deutschland noch etwas von diesem komplizierten Geraffel verstehen, sind wohl alle auf Polarstern. Und jetzt auf dem Helideck. An das riesige Grundschleppnetz wurde eine Blechkiste angenäht - so eine Art Bünn - damit die Fische den Fang überleben und später im Aquariencontainer für Beobachtung und Experimente eine gute Figur machen.

Das Wasser ist tief, das Wasser ist tiefblau, der Himmel war auch mal blau. Die Hochdruckbrücke ist überfahren und es geht bergab durch die „Roaring Forties“.

Und da zeigt Neptun uns andeutungsweise, wo sein Dreizack hängt. Hier, wo sich die Isobaren eng aneinander kuscheln, kann das Wasser nie stille halten. Ein sich entleerendes Tiefdruckgebiet hinter uns, ein sich füllendes vor uns. Der Kapitän taktiert mit Kurs und Geschwindigkeit um die Belastung für Schiff, Mobiliar, Forschungsgerät wie auch lebende Last zu minimieren. Und mit jeder durchfahrenen ozeanografischen Front wird es frischer - nach einer Woche ist das subtropische Feeling einem Windchill von -12°C gewichen. Umwelt und Fauna stimmen sich auf polare Verhältnisse ein - die ersten Sturmvögel und Albatrosse nutzen unsere achterlichen Turbulenzen um in der Luft nichts zu tun. Wir haben gut zu tun - aber auch noch Muße für ein Kennenlernen im Zillertal, um Karten vorzuwärmen für die eisigste Doppelkopfrunde der Welt oder eine Führung vom Chief persönlich durch seinen stählernen Stall mit 20.000 Pferden.

Währenddessen sehen, messen und erfassen die Sensoren des Schiffes ihre Umwelt laufend und vollständig. Wind hoch überm Schiff, Salz im Wasser, Strömung querab und die Echolote rufen zweifelsfrei in die Wassertiefe, lauschen auf das Echo, kartieren den Meeresboden und zeigen den Geologen, wo der Boden ihrer Begierde liegt.

 

Es grüßen herzlich

Kapitän, Fahrtleiter und alle gesunden Fahrtteilnehmer - Insel Bouvet querab.

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