PS96 Wochenbericht Nr. 4 | 1. bis 9. Januar 2016

Das Neujahrs-Profil und die Wahrheit im Lot

[13. Januar 2016] 

Das Neue Jahr begann direkt mit umfassenden Stationsarbeiten. Allerdings konnte man stellenweise den Eindruck gewinnen, dass Neptun mit Neujahrsarbeiten in seinem persönlichen Hausgarten nicht so recht einverstanden ist.

Dem Gerät zur Beprobung der Meeresbodenoberfläche wurde das Sediment verweigert, das kleine U-Boot (ROV) schickte er nach schwierigen Arbeiten unter Volllast zurück an die Oberfläche und nach dem Einsatz der Fischfalle wurde diskutiert, warum die eigentlich Fischfalle heißt ...

Und dann hat das junge Jahr schon sein erstes Wochenende. Den Samstag merkt man nur an der Speisekarte - es gibt leckeren Eintopf mit frisch gebackenem Brot. (Vermutlich haben wir innerhalb von Tausenden von Quadratkilometern den besten Bäcker an Bord.) Mit guter Verpflegung im Magen lässt sich ausdauernd und systematisch arbeiten. Wir komplettieren ein Profil entlang des 75sten Breitengrades, queren dabei den ozeanographisch spannenden Filchnergraben und enden auf dem Schelf nördlich von A23A. Aus neun Zehntel Eisbedeckung resultiert eine Abarbeitungszeit von 6 Tagen für das 200 km (Luftlinie!) lange 75Grad-Profil, inklusive eisbedingter Abweichungen vom Kurs. Dabei kann 1-2 m dickes Eis mit bis zu einem halben Meter Schneeauflage das Schiff durchaus eine Weile so richtig festhalten und die Kraft von 20000PS-Propellern just ignorieren. Intering wird's schaukeln, in schwierigen Fällen unterstützt vom Kran (sorry - das verstehen jetzt nur Insider - aber eine detaillierte Beschreibung wäre technisch länglich).

Abb. 1: Unser Neujahrs-Oktopus heißt Megaleledom setebos. (Foto: Felix Mark)

Wo lässt sich besser beim Frühstück diskutieren, ob das aktuelle El Niño Ereignis Auswirkungen auf die Meereisverbreitung hat, als wenn man sein Müsli eingeklemmt zwischen zwei riesigen Eisschollen einnimmt? Die dicke Schneeauflage lässt uns allerdings nur zögerlich vorankommen. Die Verwendung aller vier Maschinen mit resultierendem Strudel im Tank - und entsprechendem Treibstoffverbrauch - verträgt sich wiederum nicht gut mit dem, was wir vorhaben: Das Ronne Depot ist noch weit voraus. Kurz hinter A23A werden wir uns entscheiden müssen. (A23A? s. nächster Bericht. Soviel sei vorerst verraten: Es ist keine Autobahn).

Nicht das Sie denken, wir schätzen die Eisbedeckung fürs Südpolarmeer nur grob ab: Fragen sie unsere diensthabende Eisphysikerin mit angegliedertem Eisbeobachtungsteam (sie erinnern die Latte an Steuerbord?), dann gibt‘s die volle Breitseite:

Die "exakten" mittleren Eis- und Schneedicken für den Weg von Halley bis Profilende:

Einjähriges Eis, mittlere Eisdicke = 81 cm, mittlere Schneedicke = 28 cm; mehrjähriges Eis: mittlere Eisdicke = 153 cm, mittlere Schneedicke = 66 cm; über alles inklusive „brash ice“ (hat sich selbst zerkleinert) gemittelt: Eis = 95 cm, Schnee = 44 cm.

Genau genug soweit? Ein paar „exakte“ wissenschaftliche Daten können auch mal über die Wochenberichte publiziert werden.

Polarforschung ist auch heute noch täglich eine neue Herausforderung - der wir uns erfolgreich stellen: Die komplexen Abläufe auf einer ausgelasteten Polarstern lassen sich kaum mehr in einem Bericht vermitteln. Das Deck steht voller Geräte, die wechselweise mal über die beiden Schiebebalken, mal über den achterlichen A-Rahmen gefahren werden. Auf dem Arbeitsdeck beproben Geologen ihren Greifer, in direkter Nachbarschaft machen die Ozeanographen einen Drifter driftbereit. Achtern fahren die Biologen eine fünffache Multicorersequenz, darüber startet der Heli um das Eis genauer und auch von oben zu betrachten. Wetterwarte und Echolotzentrale sind eh im Dauereinsatz und über allem strahlt der Turbulenzlaser. Was für ein Schiff - und das ohne Einschränkungen trotz 33 Jahren Dienst-Eis-Zeit.

Auf besagtem Profil lassen 14 CTDs keine Zweifel offen, dass das Wasser hier nicht nur recht kühl ist, sondern versorgen auch alle hydrophilen Disziplinen mit reichlich flüssigem Probenmaterial. Die Netze sättigen alle biologischen Teildisziplinen und wasserdichte Kameras (OFOS) erstellen ein Fotomosaik mit Film vom Meeresboden. Das Lot wird von Neptun umgeworfen aber etliche Greifer liefern Ausschnitte des Meeresbodens an Deck - und seien Sie sicher, dass vom Viertel Kubikmeter Schmöttke (plattdeutsch für das was Geologen als „Sediment“ bezeichnen) nur noch Reste über die Kante gehen. Allerdings lässt uns die zähklebrige Pampe hinterher das Deck schrubben wie die Matrosen auf den „Flying P-Linern“. (Wenn man so will, setzt dieses Schiff ja die historische Reihe der Reederei Laeisz fort: Padua, Passat, Pamir ... Polarstern - nur mit dem „fliegen“ hapert es im Moment etwas).

Abb. 2: Die Arbeit mit Netzen endet in 2015 und beginnt mit 2016 (Foto: AWI). (Foto: Alfred Wegener Institut)
Abb. 3: Der Geologe erklärt der Biologin warum das Schwerelot nur Wasser enthält und das ein wichtiges Ergebnis ist. Während der Eiszeiten wurde das Sediment vor den Filchner/Ronne Schelfeisen stark verfestigt - welches das 1,5 t schwere Rohr durch Ver (Foto: hannes.grobe @awi.de)

 

Wir haben auch Personen an Bord, die das Schiff dann und wann per Heli verlassen müssen/dürfen um genau diese uns ausbremsende wundersame weiße Wüste für ihre Wissenschaft zu nutzen - die Meereisgruppe. Ihre Arbeiten werden vortrefflich beschrieben aus der Sicht eines Augenzeugen da Bojenverpflanzers. Ergänzend zu diesem Bericht empfehlen wir daher unseren Polarstern-Blog zu lesen. Dort erfahren Sie etwas über Bojen-bestückte Seelen und das Driftverhalten von Meereisflößen - sehr zu empfehlen. (Auch Wochenberichte haben heutzutage halt einen Werbe-Blog(ck).)

Wir lesen: Deutschlands Autofahrer leiden unter in Minuten auftretendem Blitzeis - das älteste antarktische Eis ist so um die 1 Million Jahre alt.

Oder: In Bremerhaven sollen 3 mm Schnee liegen - hier gleich um die Ecke liegen 3 km Schnee.

Wie wundervoll abwechslungsreich die Erde doch sein kann!

 

Viele Grüße aus dem hohen Süden dieser Erde senden Wissenschaft und Besatzung

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