Wissen gegen den Müll im Meer

Seit mehreren Jahren erforschen AWI-Wissenschaftler und -Wissenschaftlerinnen die Verschmutzung der Meere durch Kunststoffabfälle. Ihre Expertise ist aber nicht nur für die Fachwelt und die Medien von Interesse, sondern wird inzwischen immer öfter auch von Behörden und der Politik nachgefragt. Als Berater und Beraterinnen sind sie in Deutschland und Europa unterwegs – und zwischendurch versuchen sie mit Vorträgen an Schulen, die junge Generation für das globale Abfallproblem zu sensibilisieren.

Das Ausmaß der Vermüllung der Meere ist alarmierend, nicht zuletzt, weil heute nur unzureichend bekannt ist, wie sich der Abfall auf die Organismen und Meereslebensräume auswirken wird. Erfreulicherweise aber nehmen Behörden und die Politik in Europa das Problem bereits sehr ernst. In vielen Gremien werden die Gefahren diskutiert und mögliche Lösungen ausgearbeitet. Dabei sind die aktuellen Forschungsergebnisse der AWI-Experten und -Expertinnen zum Müll im Meer sehr gefragt.

Dr. Gunnar Gerdts, Mikrobiologe am AWI-Standort Helgoland, ist heute beispielsweise als Experte für Mikroplastik für das Bundesforschungsministerium (BMBF) und andere Behörden aktiv – nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene. Im Jahr 2012 entschied das BMBF, die Verschmutzung der europäischen Gewässer durch Mikroplastik intensiv zu erforschen und brachte diese Idee in die europäische Joint-Programming-Initiative (JPI) ein. In dieser Initiative vereinbaren die EU-Mitgliedsstaaten gemeinsame Forschungsschwerpunkte und wissenschaftliche Kooperationen zu wichtigen gesellschaftlichen Themen wie dem demographischen Wandel oder der Alzheimerforschung. Die Staaten einigten sich darauf, die Verschmutzung der EU-Gewässer durch Mikroplastik als eine eigene JPI (JPI-Oceans) zu fördern.

Leitung eines EU-Projektes

Gunnar Gerdts hat darin eines von vier großen Verbundprojekten übernommen: das Projekt „BASEMAN“, in dem standardisierte Methoden entwickelt werden, mit denen man die Verschmutzung von Gewässern mit Mikroplastik erfassen kann. Das Problem besteht darin, dass heute verschiedene wissenschaftliche Arbeitsgruppen Sediment- oder Wasserproben mit ganz unterschiedlichen Verfahren nach Mikroplastik durchsuchen, sodass verlässliche und vergleichbare Aussagen über das tatsächliche Ausmaß der Verschmutzung bislang kaum möglich sind. „In Europa hatten sich lange Zeit vor allem belgische, britische und niederländische Forscher und Forscherinnen mit dem Thema Mikroplastik beschäftigt. Mit JPI-Oceans gelingt es jetzt erstmals, das Thema wirklich umfassend anzugehen“, sagt Gunnar Gerdts.

Da die Bundesregierung die Vermüllung der Meere auch auf dem G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau in Bayern zum Thema gemacht hatte, wurde Gunnar Gerdts außerdem als Experte zu einem G7-Workshop geladen. „Das war noch einmal eine ganz andere internationale Ebene, da wir das Problem dort direkt mit vielen Delegierten aus den G7-Staaten diskutieren konnten“, erzählt er.

Die AWI-Experten zum Müll im Meer

Dr. Melanie Bergmann (Foto: Sina Löschke)
Dr. Gunnar Gerdts (Foto: Jens Quasten)
Dr. Lars Gutow (Foto: Sina Löschke)

Berater für die Abwasserwirtschaft

Überführen auf Filter Nummer zwei
Analyse des Ursprungs von Mikroplastik-Partikeln von Abwasserproben aus einer Kläranlage (Foto: Svenja Mintenig, Ivo Int-Veen)

Seit einiger Zeit kommt Gunnar Gerdts auch immer häufiger mit Experten aus Landesämtern, Stadtentwässerungen und Klärwerken in Kontakt. Der Grund: Untersuchungen Gunnar Gerdts’ und anderer Forscher zeigen, dass das Abwasser und der Klärschlamm von Kläranlagen viel Mikroplastik enthalten. „Noch gibt es keine Richt- oder Grenzwerte für Mikroplastik im Abwasser, doch ist es denkbar, dass es künftig verpflichtend sein wird, Mikroplastik aus dem Abwasser zu entfernen“, sagt Gunnar Gerdts.

Die Diskussion um das Mikroplastik fällt mit der Debatte um eine vierte Reinigungsstufe für Kläranlagen zusammen. So wird seit geraumer Zeit diskutiert, Antibiotika, Arzneimittelrückstände und andere Substanzen mit zusätzlicher Filtertechnik aus dem Abwasser der Kläranlagen zu entfernen, denn mit den herkömmlichen Reinigungsanlagen lassen sich diese nicht herausfiltern. „Jetzt kommt das Mikroplastik als neues Problem hinzu. Da bietet es sich an, nicht nur die Arzneimittel zu entfernen, sondern auch das Plastik“, sagt Gunnar Gerdts. „Gleichwohl ist die Datenlage zurzeit kaum ausreichend. Das Problem muss System-übergreifend analysiert werden und macht nicht an den Klärwerks-Abläufen halt. Und über die Belastung der Flüsse mit Mikroplastik wissen wir noch viel zu wenig“, berichtet der Wissenschaftler.

Arbeit am europäischen Maßnahmenkatalog

Auch sein AWI-Kollege Dr. Lars Gutow wird zunehmend als Experte angefragt. Der Biologe befasst sich insbesondere mit der Verbreitung des Plastikmülls im Meer. Dass dieses Thema jetzt an Fahrt gewinnt, liegt für ihn nicht zuletzt daran, dass es in der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) der EU berücksichtigt wurde. Mit der MSRL haben sich die EU-Staaten das Ziel gesetzt, die europäischen Meeresgebiete künftig besser zu schützen. Gemäß dieser Richtlinie soll ein „guter Zustand der Meeresumwelt“ wiederhergestellt werden – auch im Hinblick auf den Müll im Meer. „Allerdings ist es ausgesprochen schwer, einen solchen Zustand zu definieren“, sagt Lars Gutow. „Es wäre am Besten, wenn überhaupt kein Müll ins Meer gelangte. Doch ist dieses Ziel in einem dicht besiedelten und stark industrialisierten Gebiet wie Europa nicht wirklich zu erreichen. Also muss man Grenz- und Zielwerte finden, die realistisch sind, anhand derer letztlich auch die Politik konkrete Schutzmaßnahmen planen kann.“

Lars Gutow wurde vom Umweltbundesamt als Mitglied in eine Fach-Arbeitsgruppe eingeladen, in der ein solcher Maßnahmenkatalog ausgearbeitet wurde. Dieser Fach-AG gehörten Wissenschaftler, Vertreter von Behörden und Umweltverbänden an. „Wir haben viele Fachvorträge gehört und diskutiert, wie man beim Kunststoff den guten Umweltzustand definieren soll – und daraus den Maßnahmenkatalog erstellt“, sagt Lars Gutow. Dieser Katalos wurde anschließend den für die MSRL zuständigen EU-Gremien vorgelegt.

Gewachsene Aufmerksamkeit: NDR-Dreharbeiten im Mikroplastik-Labor auf Helgoland (Foto: Uwe Nettelmann)

Forscher als Multiplikatoren

Mit Forschungsstationen auf den Inseln Helgoland und Sylt sind die Wissenschaftler des AWI nicht zuletzt Experten für die Nordsee. Dementsprechend hat das AWI vor geraumer Zeit das Nordseebüro gegründet, das zum Themenkomplex Nordsee als Mittler zwischen der Forschung auf der einen und der Öffentlichkeit, der Politik und dem Umweltschutz auf der anderen Seite fungiert. Damit soll Fachwissen aus der Forschung in die Praxis getragen werden.

„Über das Nordseebüro werden wir häufig zu Abendvorträgen oder auch Veranstaltungen an Schulen eingeladen“, sagt Lars Gutow und fügt hinzu: „Ich bin froh, dass wir Wissenschaftler damit zugleich Multiplikatoren sein können. Das Müllproblem werden wir nur in den Griff kriegen, wenn wir unser Verhalten ändern – da ist es besonders wichtig, schon junge Menschen über Alternativen zum Wegwerfen aufzuklären.“

Veröffentlichungen mit Nachhall

Gefragte Expertin: AWI-Biologin Dr. Melanie Bergmann auf einer Pressekonferenz mit Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (Foto: Robby Große / BMBF)

Die AWI-Biologin Dr. Melanie Bergmann wiederum hat auf die Meeresvermüllung vor allem durch Publikationen zur Verschmutzung der Tiefsee und der arktischen Gewässer aufmerksam gemacht. Erst im Frühjahr 2015 gab sie zudem gemeinsam mit Lars Gutow ein Fachbuch zum Thema Müll im Meer heraus. Im Moment entwickelt die Tiefsee-Expertin im Rahmen des Arktischen Langzeit-Observatoriums FRAM ein Umwelt-Modul, mit dem unter anderem Müll und Mikroplastik während des gesamten Jahres aus dem Wasser des tiefen Arktischen Ozeans gefiltert werden soll. Mit ihm will sie herausfinden, wie sich die Plastikfracht im Laufe der Zeit ändert.

Inzwischen wurde Melanie Bergmann mehrfach zu Podiumsdiskussionen eingeladen, unter anderem mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung Prof. Johanna Wanka, von deren Mitarbeitern sie auch weiterhin als Expertin zur Verschmutzung der Meere durch Plastikabfall angefragt wird. Nicht zuletzt reagierte auch die Industrie auf die Fachartikel Melanie Bergmanns. Derzeit sind sie und ihre Mitarbeiter in Kontakt mit einem Chemiekonzern, der die Entwicklung biologisch abbaubarer Kunststoffe weiter voranbringen möchte.

Und auch in Kooperationen mit anderen Forschungseinrichtungen soll künftig an alternativen Materialien gearbeitet werden. Welche Aufgaben die AWI-Forscher und -Forscherinnen darin übernehmen werden, ist noch nicht abschließend geklärt. Zu einem kleinen Erfolg im Kampf gegen den Müll im Meer dürften die Projekte aber allemal werden.

Das Buch zum kostenlosen Download

Teile des Buches wurden von Studenten des Master-Studiengangs Fachübersetzen und mehrsprachige Kommunikation an der FWHS Würzburg-Schweinfurt übersetzt. Diese Artikel finden Sie hier.