Die wild flatternden Markierungsfähnchen zeigen an, dass der Wind an der Neumayer-Station III deutlich zugenommen hat.
Der Wind frischt auf (Foto: Jölund Asseng)
Blick durch das Stationsfenster: Während der Fotograf dieser Aufnahme windgeschützt in der Station steht, muss der Kollege draußen alle Kraft aufwenden, um sich an der Handleine Richtung Stationstür zu ziehen.
Blick durch das Stationsfenster (Foto: Jölund Asseng)
Jeder Schritt fällt schwer: Auf dem Rückweg zur Station kämpft sich ein Überwinterer durch den Sturm.
Jeder Schritt fällt schwer (Foto: Jölund Asseng)

Die letzten Wochen genossen wir Überwinterer auf  'Neumayer III‘ bei schönstem Wetter, sehr oft mit Windstille, wolkenfreiem Himmel und gleichzeitig sehr kalten Temperaturen, die bei -46 Grad Celsius ihren tiefsten Punkt erreichten.

Das Spurenstoff-Observatorium, verkürzt Spuso, mein täglicher Arbeitsplatz während meines Aufenthaltes hier auf der Station, liegt 1500 Meter südlich und ist nur zu Fuß erreichbar. Nicht etwa weil man nicht mit einem Pistenbully oder einem Schneemobil einfacher hinkäme. Doch wir wollen ja im Observatorium Luftpartikel unter Reinluftbedingungen vermessen und motorgetriebene Fahrzeuge aller Art würden die Luft verunreinigen. So gehe ich jeden Tag die Strecke hin und zurück zur Spuso zu Fuß. Es gibt dort unterwegs eine Handleine, die mich direkt von der Station hin zur Spuso führt. An ihr entlang gehe ich, denn sie weist mir gerade bei schlechtem Wetter mit wenig Sicht den Weg. Diese Leine scheint oft überflüssig, besonders wenn die Spuso gut sichtbar vor mir liegt und während des üblichen 20-minütigen Marsches langsam nähert kommt. Aber bei schlechtem Wetter ist sie lebensrettend und gibt ein Gefühl der Sicherheit. Ich weiß, ich komme in jedem Fall an, wie lange es auch dauern mag.

Seit gestern, Montag 06. August 2012, herrscht wieder stürmisches Wetter. Doch diesmal ist es anders. Solche Windstärken hatten wir dieses Jahr noch nie. Am frühen Nachmittag breche ich zu meinem täglichen Marsch zur Spuso auf. Über die tägliche Routine hinaus erwarten mich dort zusätzliche Wartungsarbeiten. Die Messungen zeigen Windgeschwindigkeiten um 45 Knoten und Temperaturen von etwa -20 Grad Celsius an. Ich packe mich entsprechend warm und gründlich ein und laufe los, ausgestattet mit Funkgerät und GPS.

Die Sicht ist sehr schlecht. Ich kann etwa fünf Meter weit sehen. Einerseits liegt das an der hohen Schneedrift. Der aufgewirbelte Schnee fegt an mir vorbei, es legt sich gleich eine dünne weiße Schicht über meinen Schneeanzug. Die Skibrille ist innerhalb weniger Minuten mit kleinsten Schnee- und Eispartikeln belegt. Erschwerend hinzukommen noch die sehr tiefliegenden Wolken, die zusammen mit dem Schneetreiben den „White Out“ Effekt verursachen. Ich sehe keine Kontraste und keinen Horizont mehr und würde bald die Orientierung verlieren, hätte ich die Handleine nicht, die mich leitet.

Alle zehn Meter ist eine metallene Balisenstange in den eisigen Untergrund gerammt, so dass ich auf meinem Weg etwa 150 Stangen ablaufe. Gezählt habe ich sie jedoch nie. Diese Stangen aus Leichtmetall sind mit einem robusten schwarzen Seil verbunden. So einfach und effektiv ist das. Ich bin angestrengt etwa eine dreiviertel Stunde unterwegs. Als ich endlich die zwei orangefarbenen Container der Spuso vor mir erblicke und mich im Sturm die Treppe hoch zum Eingang kämpfe, bin ich doch froh, mein tägliches Ziel erreicht zu haben. 

Dr. Kathrin Höppner, Luftchemikerin des 32. Üwi-Teams (Foto: Stefan Christmann)
Die Handleine führt die Überwinterer auch bei schlechter Sicht und starkem Wind sicher zum Observatorium und zurück.
Überlebenswichtige Führungsleine (Foto: Jölund Asseng)
Erreicht der Wind eine Geschwindigkeit von 5 bis 7 Metern pro Sekunde, hat er genügend Kraft, um den losen Schnee auf der Eisoberfläche aufzuwirbeln und davonzutragen. Bleibt die Schneeflughöhe dabei unterhalb einer Höhe von 1,5 Meter - wie in diesem Foto -, sprechen Meteorologen von "drifting snow". Verdeckt der fliegende Schnee die Sicht vollständig, ist von "blowing snow" die Rede.
Der Schnee fliegt waagerecht (Foto: Jölund Asseng)

Die zwei Container der Spuso stehen auf vier Stelzen; das Observatorium schwebt sozusagen etwa 10 Meter über dem Boden. So kann der Schnee bei Wind unterhalb der Container hindurchpfeifen und sammelt sich somit nicht an. Das bedeutet aber auch, dass der gesamte Komplex dem Wind deutlich ausgesetzt ist und schwankt. Das nicht zu wenig, besonders bei solchen Windgeschwindigkeiten. Ich  habe mich überraschend schnell daran gewöhnt und empfinde es mittlerweile nicht mehr als unangenehm.

Verschwitzt und schnell atmend stehe ich im warmen Inneren des Observatoriums, ziehe meine Polarkleidung aus, um sie zum Trocknen aufzuhängen, und beginne dann mit meiner Arbeit. Ich weiß, es wird länger dauern, denn heute steht nicht nur die tägliche Routine an, sondern auch noch Arbeiten, die einmal in der Woche zu erledigen sind. Zu allem Überfluss zeigt ein Messinstrument auch noch einen Fehler an, um dessen Beseitigung ich mich kümmern muss.

So bleibe ich bis zum Abend im Observatorium. Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden und der Wind hat um weitere 5 bis 10 Knoten zugenommen. Ich rufe kurz in der Station an, teile mit, dass ich mich nach getaner Arbeit nun auf den Rückweg mache und laufe dann los.

Bei Wind mit 50 bis 55 Knoten und Böen, die leicht und locker auch noch ein paar Knoten höher sein können, aufrecht gehen zu wollen ist nahezu unmöglich und kein Spaß mehr. Das sind rund 30 Meter pro Sekunde, Windstärke 11, also fast Orkan, und zwar in 2 Meter Höhe. Wer das erlebt hat, bei Nacht und auf sich allein gestellt, den Boden unter sich nicht mehr sehen kann, jeden zweiten Schritt vom Sturm hingeworfen wird, sich wieder aufrappelt, von einem Sastrugi über den nächsten fällt, immer noch einen Kilometer Weg vor sich hat, sich fürchtet, das rettende Seil loszulassen, vergisst es sein Leben nicht.

Der eisige Boden verliert bei diesen Windgeschwindigkeiten seine Griffigkeit. Kommt eine Böe von der Seite, reißt einem der Wind schlicht die Füße vom Boden weg. Ich liege wieder da. Ohne Handleine würde ich mehrere Meter auf dem Eis wegrutschen. Die Handleine beult sich durch den von der Seite kommenden Sturm aus. Ich kann keine Gerade gehen, nur Halbkreise. Jede Ausbuchtung zwischen den Balisenstangen muss ich auslaufen. Ich lege dadurch ein Mehrfaches des Wegs zurück. Es bleibt mir nichts anderes übrig, will ich nicht Gefahr laufen, die Leine zu verlieren.

Während ich mich vorwärts kämpfe, lädt sich mein Körper durch Reibung statisch auf. Ein Vorgang, der oft bei solchen Wetterbedingungen entsteht. Bei jeder Berührung der nächsten Balisenstange sehe ich in der Dunkelheit die hellen Entladungsblitze der Spannung zwischen dem Metall und meiner Hand. Das wiederholt sich mehr als hundert Mal. Faszinierend und dramatisch zugleich.

Auch laufe ich ohne Licht. Das Licht der Stirnlampe würde mich mehr blenden, als zu besserer Sicht verhelfen. Um mich herum ist es stockdunkel, ich sehe etwa einen halben Meter weit. Manchmal ist die Sicht jedoch derart schlecht, dass ich nicht einmal die kommende Stange vor mir sehe und frontal gegen das Metall stoße.

Und so setze ich mühsam einen Schritt vor den anderen, von Stange zu Stange, falle ständig hin. die kommenden blauen Flecken schon vor Augen und denke mir, ankommen wirst du in jedem Fall, es dauert eben nur ein bisschen länger. Ich habe, während ich weiter laufe, die Orientierung verloren und kann nur noch grob sagen, wo ich mich auf dem 1500 Meter langen Weg befinde, denn eine Balisenstange gleicht der anderen. Sie stecken zwar unterschiedlich tief im Schnee, auch ist die eine oder andere verbogene dabei, aber bei 150 Stangen ist es schwer, sich jede einzelne einzuprägen, selbst nach 7 Monaten. Plötzlich stört mich beim Entlanggleiten ein einzelner Knoten im Seil und mir wird im gleichen Moment bewusst, wo ich bin. Es sind nur noch etwa 100 Meter bis zur Station. Ein unglaublich schönes, erleichterndes, ja glückliches Gefühl. Nun bin ich schon über eine Stunde unterwegs und mache unmittelbar vor der Station die ersten Lichter hinter den Fenstern aus.

Die letzten Meter sind noch zu bewältigen. Die haben es allerdings noch mal in sich, denn ich muss noch über das Stationsdach zum Eingang kommen. Da die Station auch auf Stelzen steht, zieht der Wind durch den Engpass unter der Station noch um etwa 10 Knoten mehr an. Und das ist einfach zu viel, um aufrecht laufend weiterzugehen. So entschließe ich mich, auf dem Hosenboden langsam über das Dach zu rutschen, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten. Selbst das ist schon schwierig genug und ich kann mich kaum halten. Aber mit Willen meistere ich auch noch die letzten Meter.

In der Station angekommen, setze ich mich erst einmal erschöpft hin und mache mehrere tiefe Atemzüge, um mich zu beruhigen. Ich ziehe mir die Gesichtsmaske, die Mütze, die Handschuhe aus. Bloß raus aus den Klamotten, denke ich. Ich fühle mich plötzlich so eingeengt. Und dann stellt sich ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung ein. Als ich meine Kleidung abgelegt habe und auf einem Stuhl Platz nehme, merke ich, wie mir die Knie zittern und die Anspannung von mir abfällt. Es endet in einem kurzen heftigen Weinanfall. Danach ist alles wieder gut.

Erst spät in der Nacht werde ich mir über meine Lage und meine Einsamkeit dort draußen bewusst.

Kathrin Höppner, Luftchemikerin des 32. Überwintererteams, geschrieben am 7. August 2012 

Das Spurenstoff-Observatorium an der Neumayer-Station III im goldenen Nachtlicht (Polartag).
Das Spurenstoff-Observatorium an der Neumayer-Station III im goldenen Nachtlicht (Polartag) (Foto: Jessica Helmschmidt)