Eine der außergewöhnlichsten Büchersammlungen der Welt

Die Bibliothek im Eis

Die südlichste Bibliothek Deutschlands liegt auf 70°40´S, 08°16´W und steht seit nunmehr zehn Jahren in einer der unwirtlichsten Regionen der Erde. Im Südsommer 2004/2005 schuf der Kölner Künstler Lutz Fritsch auf dem antarktischen Ekström-Schelfeis die „Bibliothek im Eis“ – um dort in der Weite des „weißen Kontinents“ einen Raum für den Austausch zwischen Wissenschaft und Kultur zu schaffen. Seitdem ist der Bibliothekscontainer samt seiner Büchersammlung ein fester Bestandteil der Neumayer-Station.

Ein neugieriger Pinguin betrachtet den Bibliothekscontainer
Ein neugieriger Pinguin betrachtet den Bibliothekscontainer (Foto: Lutz Fritsch)

Auf den Kirschholz-Regalen des grünen, isolierten Containers stehen heute knapp 700 Bücher. Jedes Jahr kommen neue Romane, Sachbücher, Bildbände und Biografien hinzu – jedes eine Spende eines bekannten oder aufstrebenden deutschen Künstlers, Schriftstellers, Musikers oder Wissenschaftlers jeglicher Disziplin. In ihren persönlichen Widmungen erläutern sie, warum sie gerade dieses Buch ausgewählt haben und es den Menschen, die an der antarktischen Forschungsstation überwintern, an die Hand geben möchten.

Welche Bücher in den Regalen stehen und wer sie gestiftet hat, das wissen nur die Wissenschaftler und Techniker vor Ort und natürlich Lutz Fritsch. Der Künstler und Initiator der „Bibliothek im Eis“ hat jeden Stifter persönlich angeschrieben und um ein Buch gebeten. „Jedes Buch ist ein sehr persönliches Geschenk an die Überwinterer der Forschungsstation. Teil der Idee der „Bibliothek im Eis“ ist es deshalb auch, sowohl den Schenker, als auch sein ausgewähltes Buch geheim zu halten. Für uns hier bleibt die Bibliothek so fiktiv, doch für die Wissenschaftler vor Ort ist sie real und birgt eine sehr spezielle Büchersammlung, die genau für diesen einen einmaligen Ort bestimmt ist“, erklärt Lutz Fritsch.

Der Künstler und sein Kunstwerk
Der Künstler und sein Kunstwerk (Foto: Lutz Fritsch)
Lutz Fritsch sortiert die ersten Bücher ein
Lutz Fritsch sortiert die ersten Bücher ein (Foto: Lutz Fritsch)
Lesestunde in der Bibliothek im Eis
Lesestunde in der Bibliothek im Eis (Foto: Petra Gößmann-Lange)

Von der Idee zur Umsetzung

Die Idee zur „Bibliothek im Eis“ kam Lutz Fritsch auf seiner ersten Expedition in die Antarktis in der Sommersaison 1994/1995. Als erster deutscher Künstler reiste er an Bord des Forschungseisbrechers Polarstern an die damalige Neumayer-Station des Alfred-Wegener-Instituts. Die Labore und Wohnräume der alten Station – der zweiten Neumayer-Station – lagen komplett unter dem Eis. „Ich wollte deshalb einen geschützten Raum auf dem Eis schaffen, in dem die Bewohner der Forschungsstation in die Weite des Schelfeises blicken können. Ich wollte ihnen ermöglichen, hier die Ruhe und Inspiration zu finden, um über die Natur, die Zivilisation, Wissenschaft und Kultur nachzudenken“, erzählt der Künstler.

Zehn Jahre später war es soweit: Zum Jahreswechsel 2004/2005 fuhr Lutz Fritsch zum zweiten Mal in die Antarktis. Diesmal um sein Kunstprojekt „Bibliothek im Eis“ aufzubauen. Den isolierten Container, der die Bibliothek beherbergen sollte, hatte das Alfred-Wegener-Institut Lutz Fritsch für sein Vorhaben zur Verfügung gestellt und in die Antarktis transportiert.

Der Künstler hatte mit finanzieller Unterstützung privater Sponsoren den Container bereits in Köln mit Bücherregalen, Beleuchtung, Tisch und Ledersofa ausgestattet und die Außenwände in den Farbtönen Maigrün, Smaragdgrün, Gelbgrün und Laubgrün lackiert, Dach und Boden in rot. „Ich habe lange über die richtige Farbe für die Bibliothek nachgedacht, bis mir klar wurde, dass er nur grün sein konnte. Grün gibt es in der Antarktis einfach nicht: Das Eis ist weiß, mal grau, mal blau, die Schutzanzüge der Polarforscher rot. Somit erschien Grün mir als die Sehnsuchtsfarbe der Überwinterer“, sagt Lutz Fritsch.

Der grüne Container ist seitdem ein fester Bestandteil der Forschungsstation geworden. So ist der Stationsleiter jedes Überwinterungsteams beispielsweise auch automatisch Bibliothekar. Und als im Jahr 2009 die Neumayer-Station III eröffnet wurde, zog auch die „Bibliothek im Eis“ auf dem Schelfeis um. Die neue Station liegt zwar nicht mehr unter dem Eis, dennoch trennen die Station und die Bibliothek immer noch ein Fußweg von 100 Metern. „Die Überwinterer sollen bewusst den Weg von der Wissenschaft zur Kultur gehen“, sagt Lutz Fritsch.

Zeichnung der Bibliothek
Zeichnung der Bibliothek (Foto: Lutz Fritsch)
Bibliothek im Eis
Bibliothek im Eis (Foto: Reinhard Sibberns)

Interview: Die "Bibliothek im Eis"

Holger Schmithüsen war Meteorologe der 30. Überwinterungsmannschaft des Alfred-Wegener-Instituts. 14 Monate lang wohnte und forschte er in der Antarktis - wie er in dieser Zeit die "Bibliothek im Eis" nutzte, erzählt er im Interview.

Holger Schmithüsen
Holger Schmithüsen (Foto: Maike Thomsen)

Die Bibliothek im Eis liegt ein Stück von der Neumayer-Station III entfernt. Nehmen Sie uns mal mit auf diesem Weg zwischen Station und Bibliothek.

Holger Schmithüsen: Hierzu gibt es zwei Szenarien: Eines mit Schneesturm und eines ohne. Bei schönem Wetter kann man schnurstracks zum Bibliothekscontainer gehen – Luftlinie circa 100 Meter. Bei einem Schneesturm muss sich der Besucher dagegen an einer Handleine entlanghangeln, die zwischen Aluminiumstangen gespannt ist. Dann geht man zunächst nach Süden in Richtung Spurenstoffobservatorium und biegt dann zur Bibliothek ab.

Einmal angekommen, was macht der Besucher mit der Polarausrüstung, die er trägt?

Holger Schmithüsen:Der Container ist in zwei Teile aufgeteilt, so dass der Besucher erst einen Eingangsbereich mit Garderobe betritt. Dort zieht er die Polarkleidung, also den Overall und die Stiefel aus und kann in die bereitstehenden Pantoffeln schlüpfen. Durch eine zweite Tür gelangt er dann in die eigentliche Bibliothek.

Was könnten wir sehen, wenn wir dort am Schreibtisch in der Bibliothek aus dem Fenster schauen würden?

Holger Schmithüsen: Man blickt in Richtung Norden, und auf die Westseite der Station, wo sich der Stationseingang befindet. Man hat so auch die Schneeschmelze im Blick, mit der Wasser für die Station gewonnen wird.

Ist der Gang in den Bibliothekscontainer im Stationsalltag Routine oder eher eine Ausnahme?

Holger Schmithüsen: Das kommt ganz darauf an, wie ein Überwinterer sie nutzen möchte. Es gibt Stationsbewohner, die fast nie in die Bibliothek gehen und andere wiederum gehen sehr gerne dorthin.  Für mich war die Bibliothek ein kleiner Außenposten, ein Ruheraum, wenn man so will. Man hat zwar im Winter auch auf der Station genug Ruhe, aber es ist ein etwas anderer Ort, abseits vom Tagesgeschäft.

Geben Sie uns mal einen kleinen Einblick in die Büchersammlung. Welche Bücher erwarten einen Überwintertet dort?

Holger Schmithüsen: Lutz Fritsch hat keine Vorgaben dahingehend gemacht, welche Buchspenden er wünscht. Die Buchauswahl ist dadurch sehr mannigfaltig. Sie reicht von Bildbänden, über Romanen, hin zu Sachbüchern. Dort steht zum Beispiels auch eine Packung Buchstabennudeln, auf die jemand geschrieben hat ‚Goethes gesammelte Werke’.

Wie unterscheidet sich die Bibliothek im Eis zu einer Bücherei in Deutschland?

Holger Schmithüsen: Das Flair entspricht jenem einer Mini-Bibliothek. Sie unterscheidet sich jedoch vor allem darin, dass die Bücher nicht sortiert sind. Die Sammlung lädt daher zum Stöbern ein.

Wie viele Bücher haben Sie während Ihrer Überwinterung gelesen?

Holger Schmithüsen: Aus der Bibliothek im Eis habe ich keines vollständig gelesen, aber wohl um die 20 aus dem Regal genommen, durchgeblättert und die Signatur gelesen. Eines der Bücher stammt angeblich auch von einer Verwandten von mir, die Lutz Fritsch kennt. Ich habe es allerdings nicht gefunden.

 

Das Interview führte Kristina Bär.