Feldlabor mit Poleposition

Das Dallmann-Labor auf King George Island fristet irgendwie ein Schattendasein. Dabei liegt es an der Antarktischen Halbinsel und damit in jenem Teil der Antarktis, in dem sich die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zeigen. Der perfekte Ort also, um den Veränderungen auf den Grund zu gehen, findet AWI-Doktorand Ralf Hoffmann. Er ist  gerade von seiner ersten Dallmann-Expedition zurückgekehrt und berichtet von seinen Erlebnissen. Aufgezeichnet von Kristina Bär.

Als ich die Ausläufer des Fourcade-Gletschers zum ersten Mal sehe, fallen die letzten Sonnenstrahlen auf die roten Labor- und Wohncontainer des Dallmann-Labors an der argentinischen Carlini-Station. Wir sind endlich angekommen.

Hinter uns liegt eine kleine Odyssee: Der lange Flug nach Buenos Aires, dann einige Tage warten, bis die argentinische Air Force-Maschine Kurs auf die Antarktis nehmen konnte und schließlich die Schiffsreise entlang der Küste King George Islands bis in die Potter-Bucht.

Jetzt heißt es für mich fünf Wochen lang Tauchen und Experimente unter Wasser durchführen, sowie Proben nehmen und analysieren. Ich will untersuchen, wie viel Sauerstoff die Bewohner des Meeresgrundes verbrauchen und wie sich das Leben in den Sedimenten verändert, wenn sich die Gletscher zurückziehen.

Die Potter-Bucht, an der das Dallmann-Labor liegt, dient uns dabei als zehn Quadratkilometer großes Feldlabor. Hier sind wir mittendrin im Geschehen, denn der Klimawandel ist an der Antarktischen Halbinsel besonders stark zu spüren. Die Eiszunge des Fourcade-Gletschers hat sich in den vergangenen 50 Jahren um mehr als einen Kilometer zurückgezogen. Ich werde deshalb an drei verschiedenen Orten, die bis vor Kurzem noch von seinem Eis bedeckt waren, Proben nehmen. So hoffe ich herauszufinden, in welchen Zeiträumen sich neue Arten ansiedeln und alteingesessene verschwinden. Denn das Schrumpfen der Eismassen schafft nicht nur neuen Lebensraum, es verändert ihn auch: Die zunehmenden Schmelzwasserströme des Gletschers spülen große Mengen Sedimente in die Bucht. Sie trüben das Wasser und lassen kaum Licht hindurch. Dies wiederum beeinflusst beispielsweise, bis zu welcher Tiefe bestimmte Algen vorkommen.

Meine Ergebnisse sind dabei ein Puzzleteil von vielen, die am Ende ein Gesamtbild darüber ergeben sollen, wie der Klimawandel das Ökosystem einer ganzen Bucht verändert.

Gemeinsam mit mir erforschen weitere Biologen, wie meine AWI-Kollegin Katharina Zacher, aber auch Glaziologen, Geologen und Biogeochemiker die Potter-Bucht. Unser Ziel ist es, im Rahmen des von AWI-Biologin Doris Abele geleiteten und von der EU finanzierten Forschungsnetzwerkes IMCONet ein räumliches und zeitliches Ökosystem-Modell zu schaffen, das Vorhersagen über zukünftige Veränderungen ermöglichen soll.

Unser großer Vorteil: Am Dallmann-Labor stehen uns hierfür Daten aus den Sommern und Wintern der vergangenen 25 Jahre zur Verfügung. Das ist fast einmalig in der Antarktis und wir verdanken diesen Datensatz den argentinischen Überwinterern an der Carlini-Station. Denn sie sammeln in den Wintermonaten weiter Plankton und Algen, nehmen Wasserproben und beobachten ausgesetzte Besiedlungsplatten.

Hervorzuheben ist diesmal außerdem: Zum ersten Mal tauchen deutsche, schwedische und italienische Forscher mit den Argentiniern. Es gab im Vorfeld große Bedenken, dass wir auf Sprachbarrieren stoßen werden. Tatsächlich klappt die Zusammenarbeit aber sehr gut. So gut, dass wir im Oktober 2015 in derselben Besetzung wieder in der Potter-Bucht tauchen werden.

Forschungstaucher Ralf Hoffmann macht sich bereit für das Tauchen
Forschungstaucher Ralf Hoffmann (Foto: Anders Torstensson)
Fourcade-Gletscher in der Potter-Bucht (Foto: Ralf Hoffmann)
Tauchereinsatz vor dem Gletscher in Potter Cove.
Tauchereinsatz vor dem Gletscher in Potter Cove. (Foto: Anders Torstensson)