Expeditionsblog Tundra-Stories: Forschung auf eisigem Grund
Torfgebiete, Seen und ein Untergrund aus Eis so weit das Auge reicht: So schlicht und gleichzeitig atemraubend schön präsentiert sich die nordsibirische Tundralandschaft den Permafrostforschern des Alfred-Wegener-Institutes, die seit dem 2. Juli 2012 an dieser Stelle von ihrer diesjährigen Sommerexpedition in den hohen Norden Russlands berichten. Ihre Reise führt die Wissenschaftler erneut auf der kleinen Insel Samoilov im Lena-Delta, wo sie nahezu zehn Wochen lang an der gleichnamigen russischen Forschungsstation leben und arbeiten werden. Welche Forschungsfragen das Team um Gruppenleiterin Dr. Julia Boike antreibt und mit welchen Methoden sie in der Arktis nach Antworten suchen, erfahren Sie hier.
Freitag, 14. September 2012
Ein kleiner Blick zurück
Vor etwas mehr als einer Woche haben wir uns von der Insel Samoilov im sibirischen Lena-Delta verabschiedet. Damit heißt es nun für uns und euch auch Abschied von diesem Blog zu nehmen. Wir möchten uns bei all denen bedanken, die unsere Arbeit hier an dieser Stelle in den vergangenen Wochen verfolgt haben. Es hat uns immer viel Spaß gemacht, all das was wir erlebt oder untersucht haben für die Welt „da draußen“ in Worte zu fassen und mit den passenden Fotoeindrücken zu garnieren. Das Auge isst ja schließlich mit! Ich hoffe natürlich, dass ihr das Ganze dann mit genauso viel Spaß und Interesse verfolgt habt und einen Eindruck bekommen konntet, was uns in den vergangenen Wochen bewegt und beschäftigt hat.
Für mich als Arktis-Neuling war diese Expedition natürlich ein ganz besonderes Erlebnis. Da waren zum einen vielen neue Eindrücke wie der Polartag, das Nordlicht oder die faszinierende Landschaft im Lena-Delta, deren Eigenschaften und Besonderheiten wir mit unserer Arbeit auf den Grund gehen. Die Expedition bedeutete für mich auch einmal in „echt“ sehen und anfassen zu können, womit ich mich vorher schon mehrere Monate lang eher theoretisch oder in Form von digitalen Daten in Deutschland beschäftigt hatte. Dazu kommt natürlich das Zusammenleben mit anderen Expeditionsteilnehmern, zum Beispiel aus Russland oder Deutschland. Ich konnte außerdem aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen, die sich auf der Expedition zusammenfanden, spannende Eindrücke, Ideen und Forschungsergebnisse bekommen. Zum anderen konnte ich mir immer sicher sein, dass neben unseren wissenschaftlichen Aufgaben mir auch in der raren Freizeit nicht langweilig werden würde.
Nach unserer Rückkehr habe ich die ersten Tage genutzt, um mich vom Stationsleben an das Leben in Deutschland zu gewöhnen. Hinzu kam der Jetlag. Nun geht es für uns alle an die Auswertung der auf der Expedition gewonnenen Ergebnisse. Dabei wird die Zeit dann je nach Arbeitsgebiet hauptsächlich am Schreibtisch vor dem Computer oder im Labor verbracht. Das ist ja zunächst eine ziemliche Umstellung nach den letzten beiden Monaten an der frischen Luft.
Für mich persönlich geht es jetzt in den kommenden Monaten darum, ein Modell für den Wärmetransport in der polygonalen Tundra zu entwickeln. Dazu habe ich in diesem Sommer während der Expedition an verschiedenen Stellen die Eigenschaften des Bodens bestimmt, die für den Energieaustausch an der Bodenoberfläche entscheidend sind. Das sind zum Beispiel Bodenfeuchte, Oberflächentemperaturen oder die Albedo, die beschreibt, wie viel vom eintreffenden Sonnenlicht von der jeweiligen Vegetation wieder in die Atmosphäre zurückreflektiert wird. Zum anderen verwende ich die Daten, die unsere Dauermesstationen in den vergangenen Jahren in und über dem Permafrostboden aufgezeichnet haben.
Was wird jedoch aus der Insel ohne uns den Winter über? Sie wird die nächsten Montate recht einsam vor sich hin schlummern bis im kommenden Frühjahr die erste Expedition in die neue Forschungsstation nebenan einziehen wird. Der Begriff „Frühjahr“ ist dabei vielleicht etwas irreführend: während in Deutschland im April bereits häufig die ersten warmen Tage anstehen, herrschen auf Samoilov noch Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Die Tundra zeigt sich dann von einer ganz anderen Seite, als wir sie in den letzten beiden Monaten erkundet haben. Die Expeditionsteams werden dann dicke Thermoanzüge statt Gummistiefel und Mückenhemd tragen, um für Schnee und Eis statt matschiger Tundra gerüstet zu sein. Vielleicht werden auch dann wieder ein paar Wissenschaftler von ihren Eindrücken berichten.
Einen letzten Gruß erst einmal von mir und vielen Dank für euer Interesse,
Max
Freitag, 07. September 2012

Polarlichter, Foto: Wiebke Muenchberger
Nordlichter
Noch von Samoilov aus, haben wir ja bereits von unserem ersten Sonnenuntergang vor ein paar Wochen erzählt. Inzwischen wird es nachts für mehrere Stunden richtig dunkel. Aber eigentlich ging es uns natürlich um etwas anderes, was wir nachts soweit nördlich des Polarkreises zu sehen bekommen wollten: Polarlichter!
Nachdem unsere fünfstündige Schifffahrt nach Tiksi bereits von einigen sonnigen Abschnitten begleitet wurde, zog sich der Himmel dann aber an unserem ersten Abend hier in Tiksi wieder zu. Gestern dann aber konnten wir einen wolkenfreien Sonnentag genießen. Morgens zunächst fleißiges Kistenräumen im Lagerhaus, am Nachtmittag dann nicht weniger fleißiges Beerensammeln in der Tundra. Zum Abend hin stieg dann die Spannung. Der Sonnenuntergang, der in fast allen regenbogenfarben leuchtend ohne jegliche Wolke zu beobachten war, ließ uns dann sicher sein: Am Wetter wird es heute Nacht nicht liegen!
Schließlich waren es die Raucher aus unserer Gruppe, die nach einer der regelmäßigen Pausen vor der Haustür den Rest von uns aus der Küche nach draußen in die Kälte riefen. Und da waren sie: Über den ganzen Himmel verteilt zogen sich die weiß-grünlichen Lichtschwaden. Im ersten Moment hätte man sie vielleicht mit dünnen Wolkenschleiern verwechselt, doch da die meisten unter uns zum ersten Mal dieses Phänomen beobachten durften, war es einfach überwältigend. Manchmal für Minuten etwa am selben Ort, dann wieder schnell wechselnd in Streifen direkt über unserem Kopf. Ein paar Male schwoll das ganze dann wirklich zu einem eindrucksvollen Tanz am Himmel an, der deutlich ein leichtes Schimmern in verschiedenen Farben erkennen ließ.
Und selbst wenn man weiß, dass sich das alles heutzutage alles physikalisch aus der Reaktion von Teilchen des Sonnenwindes mit den Molekülen unserer Atmosphäre erklären lassen - der grünlichen Farbe nach ist ein diesem Fall Stickstoff beteiligt – fühlten wir uns wahrscheinlich genauso überwältigt wie die Menschen vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Aber diese Diskussionen haben wir meistens recht zügig mit einem „Jetzt hören wir zu so später Stunde mal mit der Wissenschaft auf“ beendet. Dadurch konnten wir uns wieder auf das Schauspiel am Himmel konzentrieren.
Heute zeigen sich zwar einige dünnere Wolken am Himmel, aber ich denke die meisten von uns werden sich auch heute wieder einen Teil unserer letzten Nacht hier um die Ohren schlagen, um das Schauspiel erneut erleben zu können. Diesmal nehmen wir ein dickes Paar Socken und eine Thermoskanne mit heißem Tee mit, um auf die Temperaturen um den Gefrierpunkt besser vorbereitet zu sein. Außerdem bereitet uns eine lange Nacht nebenbei ein bisschen auf die baldige Zeitverschiebung von acht Stunden in Richtung Deutschland vor.
Viele Grüße aus dem jetzt für uns mit Polartag und Nordlichtern ziemlich vollständigen Norden!
Max
Mittwoch, 5. September 2012
Do swidanja, Ostrow Samoilowlowskii – Auf Wiedersehen, Insel Samoilov!
Nach knapp acht Wochen auf „unserer“ Insel hieß es gestern Abschied nehmen. Die letzten Tage waren noch einmal stressig, da wir noch einiges zu erledigen hatten.
So bedeutete die nahende Abreise für uns hauptsächlich sicherzustellen, dass unsere Dauermessfelder alle bereit sind für den langen polaren Winter, denn schließlich sollen sowohl die Stromversorgung als auch die Speicherkarten bis zum Eintreffen des nächsten Expeditionsteam im kommenden Frühjahr durchhalten.
Hinzu kamen natürlich das Packen der Kisten für die Fracht zurück nach Deutschland und eine möglichst gründliche Inventur dessen, was für das kommende Jahr bereits auf der Station vorhanden ist.
An unserem letzten Abend dann zeigte sich die Insel noch einmal von ihrer schönsten Seite: die inzwischen bereits herbstlich goldene Tundra wurde von einem traumhaften Sonnenuntergang in ein goldenes Licht getaucht. Für die meisten bot das noch einmal eine gute Gelegenheit für einen kleineren oder größeren Spaziergang über die Insel.
Tuckernd kündigte sich unsere Abreise am späten Abend an: das Schiff, das uns am folgenden Tag zurück nach Tiksi bringen würde, machte vor unser Küste fest und stimmte mit seinem Motor in den Takt des Dieselgenerators der neuen Forschungsstation ein.
Am nächsten Morgen haben wir dann alle zügig die verbliebene Fracht auf das Schiff geladen. Im Gegensatz zu den vergangenen Abreiseszenen, bei denen immer noch Leute auf der Insel blieben, gab es diesmal eigentlich niemandem dem wir zuwinken konnten – außer dem Stationshund Grey, der auf der Insel blieb.
Die Schifffahrt zurück zum Festland verging mit fünf Stunden unerwartet zügig. Wir fuhren durch den Hauptarm des Flusses Lena, die noch einmal schöne Ausblicke auf die Inseln und das angrenzende Gebirge bot. Nach Ankunft packten wir alle noch einmal an, um die Seesäcke und Kisten über die improvisierte Anlegestelle zu dem bereitstehenden Lastwagen zu schleppen. Von dort aus ging es weiter über eine holprige Straße zurück nach Tiksi, von wo aus wir vor knapp acht Wochen nach Samoilov aufgebrochen waren.
An dieser Stelle schon einmal ein ganz großes „Spasibo“ („Danke“) an Luba, die uns in den vergangenen Wochen mehrfach am Tag mit ihren Kochkünsten bei Laune gehalten hat und die bereits hier in Tiksi wieder zuhause angekommen ist. Für alle anderen steht noch eine etwas weitere Heimreise nach St. Petersburg, Berlin oder Hamburg an.
Aber erst einmal gewöhnen wir uns hier in Tiksi an Alltägliches, wie zum Beispiel Geldscheine in die Hand nehmen oder Nachrichten hören, von denen wir in den letzten Wochen kaum etwas mitbekommen haben. Aber, ich bin mir sicher, nicht viel mehr als ein großes Sommerloch in der Heimat verpasst zu haben. Doch, bevor ich einen genauen Blick in die Tageszeitungen werfe, berichte ich in einem der letzten Expeditionspostings von Nordlichtern – denn diese machen die Erfahrungen meiner ersten Expedition nach Samoilov komplett.
Viele Grüße
Max
Montag, 3. September 2012
Wie sieht ein Polygon von "innen" aus?
Trotz Bohrhammer und großem Einsatz sind wir "nur" bis auf einen Meter im gefrorenen Boden beim Aufbau des neuen Boden-Dauermessfeldes eingedrungen. In dem ersten erbohrten Loch trafen wir in 90 Zentimetern Tiefe auf fast pures Eis, während wir nur wenige Meter daneben ausschließlich gefrorene Sedimente mit wenigen Eislinsen zu Tage förderten. Gern hätten wir uns noch mehrere Meter vorgebohrt, um so den unterirdischen Aufbau des Polygons weiter zu entschlüsseln. Unser Bohrer verursachte jedoch große Zerstörungen unter diesen „schweren Eisbedingungen“, so dass wir eine alternative Methode ausprobiert haben: Erkundung der dreidimensionalen Struktur eines Polygons im Untergrund mittels Kamera an einem Küstenaufschluss!
Dazu haben wir eine automatische Kamera am Ostufer der Lena auf der Insel Samoilov angebracht. Hier hat die Erosion durch das Flusswasser mehrere Meter hohe Aufschlüsse freigelegt – und so die Arbeit des Bohrers ersetzt. Diese von der Natur offengelegten Strukturen geben einen Einblick in den unterirdischen Aufbau der Polygone. Während der Sommermonate taut an solchen Aufschlüssen das Eis und die Eis-Sediment Mischung. Beides fließt beziehungsweise gleitet ab und erodiert das Profil auf diese Art „rückwärts“, also von außen nach innen. Wir haben diesen Prozess mit einer automatischen Kamera im vierstündigen Rhythmus über zehn Tage lang festgehalten und daraus diesen Film erstellt.
Wie bei einer Röntgentomographie können die Bilder anschließend zusammengefügt werden, um das Innere des Polygons zu rekonstruieren. Während der Zeit des Filmens gab es wenig Niederschlag, aber positive Lufttemperaturen. Der Film zeigt ein dynamisches System, in dem viel passiert: Wasser und Sediment fließen ständig die Wand herunter und zusätzlich rutschen große Sedimentteile hinunter. Durch das rückschreitende Tauen des Eiskeiles wird nach und nach das Innere des Polygons mit der Sedimentfüllung freigelegt. Dieses erscheint als dunkleres Material am Grund und an der Seite. Hätten wir die Kamera noch länger stehen lassen, hätte sie das komplette Tauen des Eises gezeigt, das heißt nur noch die Sedimentfüllung des Polygonzentrums wäre sichtbar gewesen. Das “neue“ Verfahren hat uns so überzeugt, dass wir unsere Filmserie nächstes Jahr fortsetzen wollen, über einen längeren Zeitraum und mit einem höheren Zeitintervall.
Viele Grüße
Julia
Zeitraffer-Video (Julia Boike)
Freitag, 31. August 2012
...und schütten es wieder zu?
"Aber das kann doch nicht alles sein?", denkt ihr euch jetzt hoffentlich! Denn dazwischen stehen natürlich die wichtigsten Schritte an, für die wir die ganze im letzten Text beschriebene Arbeit überhaupt auf uns genommen haben.
Nachdem wir in beiden Löchern bis in eine Tiefe von einem Meter vorgedrungen waren, wurde zunächst zusammen mit Wissenschaftlern von der Universität Hamburg eine gründliche bodenkundliche Beschreibung der einzelnen zu erkennenden Bodenschichten durchgeführt. Kategorien wie "lässt sich ohne zu brechen auf halbe Bleistiftdicke ausrollen" und die ausgiebigen Farbtabellen, die neben anderem zur Einordnung in die richtige Bodenart verwendet werden, sorgten auch bei allen auf diesem Gebiet weniger Bewanderten für rege Mithilfe.
Darauf folgte dann eine ausgiebige Beprobung der einzelnen Bodenschichten. Schließlich gilt es einiges weiteres über das Bodenmaterial im Polygon herauszufinden, wofür weitere Laboruntersuchungen in Hamburg und Potsdam notwendig sein werden. Im oberen aufgetauten Teil konnten dazu die in der Bodenkunde üblichen Stechringe verwendet werden, wenn auch ob der vielen Wurzeln nur unter Einsatz der geballten Kraft aller Scheren, die unsere Taschenmesser oder Leathermans zu bieten hatten. Die wertvollen Proben aus den tieferen, gefrorenen Schichten mussten dann aber mühsam per Hand mit dem Meißel aus der gefrorenen Wand gebrochen werden. Gar nicht so einfach es so anzustellen, dass nicht der ganze schöne Brocken in den Matsch am Grund des Loches fällt und somit verschmutzt und unbrauchbar wird.
Am Ende schließlich stand der für unsere Gruppe wichtigste Teil der Arbeit an: die Sensoren, mit denen wir in den kommenden Jahren durchgängig Temperaturen, Wärmeflüsse und Wassergehalt im Boden aufzeichnen werden, wurden in die glatte Wand unser beiden Löcher angebracht. Im gefrorenen Boden mussten dazu mit dem Akkubohrer die nötigen Löcher vorgebohrt werden; in den oberen Bodenschichten gestaltete sich das erwartungsgemäß einfacher.
Im Rahmen des internationalen EU-Forschungsprojekts PAGE21 ergänzten wir das Ganze um Sensoren zur Bestimmung des Sauerstoffgehalts im Boden. Damit lässt sich zum Beispiel genauer bestimmen, in welchen Bereichen des Bodens das abgestorbene organische Material durch biologische Aktivität in Methan umgewandelt wird.
Heute, also ein paar Tage später können wir erfreut feststellen, dass alle Sensoren wie geplant ihre Arbeit verrichten. Das neue Messfeld ist also fit dafür, im langen einsamen und dunklen Winter hier auf der Insel alle wichtigen Entwicklung wie zum Beispiel Einfrieren und Auftauen des Bodens für uns aufzuzeichnen.
Viele Grüße aus der inzwischen bereits ziemlich herbstlichen Arktis
Max
Mittwoch, 29. August 2012
Wir graben uns ein Loch
Wenn man das Verhalten des Permafrostbodens verstehen und erklären will, reicht es natürlich nicht sich anzusehen was über der Bodenoberfläche so passiert. Am spannendsten ist die Frage: Was spielt sich unter der Oberfläche ab? Doch da muss man für eine Messung ja erst einmal hinkommen. Dabei führt für eine wirklich aussagekräftige Installation von Sensoren kein Weg daran vorbei, den Boden aufzugraben, die Sensoren einzubauen und dann den herausgenommenen wieder möglichst originalgetreu zu verfüllen. Zunächst waren aber einige Vorbereitungen notwendig, um außer einer großen Schlammschlacht auch ein wissenschaftlich für viele Jahre nutzbares Dauermessfeld hervorzubringen.
Das Polygon, das wir mit Sensoren an zwei verschiedenen Orten in den kommenden Jahren beobachten wollen, sollte natürlich nicht während der Arbeiten völlig zertrampelt und zermatscht werden. Das hieß natürlich wie bereits vor einigen Wochen: Reichlich Bretter herbeischaffen um mit einem vernünftigen Boardwalk die nötige Arbeitsfläche zu schaffen. Im Zentrum des Polygons lag der Wasserspiegel zudem vor Beginn der Arbeiten knapp über der Oberfläche, so dass wir bereits vorher anfangen mussten, große Mengen an Wasser abzupumpen. Und auch während der folgenden Zeit begleitete uns das Surren der Pumpe fast durchgängig, um zu verhindern, dass unser Loch sich direkt wieder vollständig mit Wasser füllt.
Die oberste Bodenschicht ließ sich ziemlich akkurat mit dem Spaten ausstechen und der Reihe nach auf einer bereitliegenden Plastikfolie auslegen, um so die Möglichkeit zu haben, das ganze Loch wieder möglichst originalgetreu zu verfüllen.
Dann endete der entspannte Teil der Arbeit aber ziemlich abrupt beim Erreichen der derzeitigen Auftautiefe von knapp 30 Zentimeter. Der Spaten stieß auf betonfesten gefrorenen Boden, so dass eindeutig zu härteren Mitteln gegriffen werden musste.
Die standen uns in Form des gelben benzinbetriebenen Pico-Bohrhammers zu Verfügung. Am Anfang ist man noch recht begeistert von den großen Brocken gefrorenen Bodens, den man damit herausbrechen kann, doch nach einiger Zeit geht die Arbeit ganz schön auf die Hände und Arme. Ganz zu schweigen vom Lärm und den Abgasen. Zunächst ziehen die ja bei ein wenig Wind noch zügig in die Tundra davon, aber sobald das Loch erst einmal so tief ist, das der "Auspuff" unter der Bodenoberfläche liegt, wird der beißende Gestank dann doch etwas unangenehm. Ich als Kind des Ruhrgebietes dachte mir dabei nur "Gut, dass du nicht hundert Jahre früher auf die Welt gekommen bist, da hättest du so eine Arbeit inne Zeche jeden Tag machen müssen."
Am spannendsten gestaltete sich dabei das Profil im Polygonzentrum. Im stetigen Kampf gegen die eindringenden Wassermassen, denen mit Hilfe einer Pumpe oder des guten alten Eimers zu Leibe gerückt wurde, stießen wir nach etwa achtzig Zentimetern auf eine große Eislinse, die so in der Mitte des Polygons fern vom Eiskeil am Übergang zum nächsten Polygon keiner erwartet hätte. Brockenweise klarstes Eis würde in der Runde herumgegeben.
Das Ganze fand unter den Augen eines Fernsehteams des RBB statt, das voraussichtlich im kommenden Winter in einem Dokumentationsfilm über die Arbeit von uns anderen den anderen Wissenschaftlern auf Samoylov und Moustach berichten wird. Wir sind alle bereits sehr gespannt auf das wahrscheinlich ziemlich komische Gefühl, sich selbst im Fernsehen arbeiten zu sehen. Zum Glück waren sie nicht mehr dabei, als wir am Ende der beiden Tage die Löcher mit dem sorgfältig aufgeschichteten Bodenmaterial wieder verfüllen mussten. Ein Forscher, der in einer Grube steht und von seinen Kollegen schaufelweise bis zu den Knien mit brauner Matsche zugeschüttet wird, stellt bestimmt alles andere als ein elegantes Bild dar.
Schlammige Grüße aus der Tundra
Max
Dienstag, 28. August 2012
Endlich Bäume!
Könnt ihr Euch daran erinnern, schon einmal sechs Wochen am Stück keinen einzigen Baum gesehen zu haben? Für diejenigen unter uns, die Anfang Juli in Moskau das Flugzeug in Richtung Tiksi bestiegen, ist es damit knapp zwei Monate her, dass wir dort beim Abheben zum letzten Mal Pflanzen gesehen haben, die mehr als den Namen Strauch verdienen. Umso besser, dass einige russische Wissenschaftler aus unserer Gruppe für ein paar Tage ein größeres Schiff zur Verfügung hatten, um damit die Abflussmenge und die Wasserzusammensetzung der Flussarme des Lena-Deltas genauer zu untersuchen.
Das war auch eine gute Gelegenheit für einen Teil unserer Gruppe, sie dabei zu begleiten und einen Ausflug in die circa 50 Kilometer südlich gelegene Siedlung Tit-Ari zu unternehmen. Während der etwa vierstündigen Fahrt war der Ausblick trotz des eher bescheidenen Wetters gleichbleibend beeindruckend. Links sahen wir die spektakulären Felswände des angrenzenden Gebirges. Dieses zeigte sich mal geschichtet wie ein versteinertes Geologiebuch, mal ragte es in spitzen Zacken auf und erinnerte uns an die Dolomiten. Rechts dagegen immer der weite Blick zurück in die flache Landschaft des Lena-Deltas. Und siehe da, nach und nach klammerten sich kleine Grüppchen von Nadelbäumen in die steilen Abhänge. Nach der Ankunft in Tit-Ari machten wir uns dann direkt auf den Weg zu den Hügeln außerhalb des Ortes. Es war zwar kein ausgewachsener Wald wie wir ihn in Deutschland und den südlich gelegeneren Teilen Russlands erwarten - aber auf jeden Fall etwas das den Namen "Bäume" verdient. Mich erinnerte die Größe der Bäumchen ein wenig an die Weihnachtsbaumwälder, die sich in den letzten Adventstagen daheim rund um Baumärkte und ähnliche Geschäfte bilden. Trotzdem ließen wir uns, wie das Foto beweist, zu recht enthusiastischen Reaktionen hinreißen.
Nachdem wir uns etwas beruhigt hatten, begaben wir uns auf dann die Suche nach all dem was sich weiter nördlich in der kärgeren Landschaft auf Samoilov an Gaben der Natur ebenfalls nicht mehr finden lässt. Einige, die sich mit Pilzen gut auskennen, stürzten sich mit großen Tüten auf die Pilze. Alle anderen begannen zügig ihre verschließbaren Plastikbeutel mit allerlei Beeren zu füllen, so zum Beispiel Heidel- oder rote Johannisbeeren. Besonders begehrt aber waren die hell-orangenen Moltebeeren, von denen Thomas im letzten Posting bereits aus Muostakh berichtet hat. Nachdem wir die richtigen Stellen gefunden hatten, meist erkennbar an großen Flächen mit hellgrünem Moos, konnten wir uns ausgiebig den Bauch voll schlagen. Trotzdem waren noch genug Beeren übrig, um diese für die Daheimgebliebenen auf Samoilov mitzunehmen.
Kurz vor Mitternacht trafen wir dann nach einer zügigen Rückfahrt flussabwärts wieder auf der Station ein, wo wir trotz der späten Stunde von Molo mit einem vortrefflichen Abendessen erwartet wurden.
Die folgenden Tage waren kulinarisch von Pilzgerichten und vielfältigen Beeren-Nachspeisen gekennzeichnet. Doch auch sonst blieb uns der Tag im "Süden" mit seiner nicht nur wegen der Bäume und Beeren sehr eindrucksvollen Landschaft in sehr guter Erinnerung. Das sorgt noch einmal für gute Motivation für die letzten Tage, um der inzwischen so gewohnten Landschaft weiter wissenschaftlich auf den Zahn zu fühlen.
Viele Grüße aus der baumlosen Tundra von Max
Freitag, 24. August 2012
Ein Hoch auf Moroshka (Rubus chamaemorus)
Moroshka, die Moltebeere, ist für die Bewohner der Tundra (und somit auch für das Expeditionsteam) auf der Insel Muostakh von besonderer Bedeutung. Sie erfreut nicht nur die Augen durch ihre starken gelb-orange-roten Töne in der sich herbstlich färbenden Tundra. Die vitaminreichen und sehr wohlschmeckenden Moltebeeren stellen auch eine frische und gern gesehene Ergänzung des Speiseplans dar, sei es nun frisch gepflückt während einer kurzen Rast unterwegs, frisch oder gezuckert auf dem morgendlichen Hafer- oder Grießbrei (Kascha), oder als frisch eingekochte Marmelade.
Die Moltebeeren kommen auf Muostakh sehr häufig vor und die einzelnen Beeren können durchaus beachtliche Ausmaße annehmen (bis zu drei Zentimeter im Durchmesser wurden schon gesichtet und sofort verspeist). In der Region ist die Moltebeere allerdings eher selten und deswegen ist sie zum Beispiel für die Bewohner der Stadt Tiksi etwas ganz Besonderes. Das hat wiederum zu einer Begebenheit geführt, die für unsere Expedition nach Muostakh von größerer Bedeutung ist.
Russische Hubschrauber in der Umgebung von Tiksi haben die Gewohnheit, eher einige Stunden nach der planmäßigen Ankunftszeit als pünktlich zu landen und dann aber nach wenigen Minuten schnell, schnell („bystro, bystro“) wieder abzuheben. Nun begab es sich, dass der Hubschrauber, der das auf Muostakh weilende Fernsehteam des RBB abholen sollte, sage und schreibe drei Stunden vor der planmäßigen Zeit ankam. Dieser Hubschrauber sollte nicht nur das Fernsehteam, sondern auch noch zwei Kisten mit gefrorenen Eisproben mit nach Tiksi nehmen. Diese Proben lagen aber zu dieser Zeit noch in der Kühltruhe und die Eiskeilmannschaft wiederum war circa zwei Kilometer vom Lager entfernt fleißig dabei, weitere Eisproben zu nehmen.
Diese Situation führte zur Entwicklung einer neuen Trendsportart auf Muostakh: Langstreckensprint am Strand und durch die Tundra – in Watstiefeln. Wer Tundra und Watstiefel kennt, weiß, dass das zwar eine sehr sinnvolle Kombination ist, aber nicht unbedingt für das schnelle Zurücklegen von größeren Strecken geeignet ist. Eigentlich wäre es also kaum zu schaffen gewesen, rechtzeitig zurück im Camp zu sein und die Probenkisten zu packen. Aber da Muostakh so bekannt für seine Moltebeeren ist, hatte die Hubschrauberbesatzung circa 45 Minuten für das Moltebeerensammeln eingeplant und als ich nach circa 20 Minuten das Camp erreichte, war der Helikopter dank seiner Moltebeeren sammelnden Besatzung noch da. Letztlich waren also die Moltebeeren dafür verantwortlich, dass die mit gefrorenen Proben gefüllten Kisten noch mit dem Helikopter nach Tiksi transportiert und die Kühltruhe mit den neuen Proben gefüllt werden konnte.
Vielen Dank an die Moltebeere oder wie es auf Russisch heißt: Bolshoe Spasibo Moroshka!
Viele Grüße
Thomas
Mittwoch, 22. August 2012
"Oh, es ist ja wirklich dunkel draußen"
Dieser oder ähnliche Sätze wurden an den vergangenen Abenden häufiger in einem recht erstaunten Tonfall gesagt, wenn jemand zu späterer Stunde aus der Stationstür trat. Vor knapp zwei Wochen war es nämlich so weit: Der Polartag, der am Anfang vielen von uns etwas den nächtlichen Schlaf raubte, dann aber zu einem gewohnten Begleiter wurde, ging nach etwa einem Monat auf der Insel zu Ende. In wissenschaftlichen Artikeln lasen wir, dass die Sonne rund um den 8. August erstmalig wieder untergeht.
Doch trotz des Artikels waren wir nicht ganz so sicher: Welche Nacht ist die gewünschte, in der die Sonne zum ersten Mal unter den Horizont rutscht? Um ganz sicher zu sein, entschieden wir uns dann doch für den 8. August. Und nahmen diesen Anlass für eine kleine Sonnenuntergangsfeier. Und die Sonne tat ihr Bestes die Spannung aufrecht zu erhalten.
Wir saßen also und beobachteten: ganz langsam verschwand ein immer größerer Teil der Sonne hinter der Überflutungsebene bis schließlich für lange Zeit nur noch ein dünner Streifen zu sehen war. Abwechselnd waren Ausrufe wie "Schade, sie wird wieder größer" oder "Ach, was wir müssen warten, sie wird immer noch kleiner" zu hören. Je nachdem worauf man bei unserer kleinen Wettumfrage gesetzt hatte. Als der erste Teil der Gruppe bereits aufgegeben hatte und wieder die warme Küche zurückging, waren gegen zwei Uhr auf einmal eindeutige Jubelschreie zu hören. Wir hatten uns also tatsächlich die richtige Nacht um die Ohren geschlagen!
Von nun an kommen in jeder Nacht mit großen Schritten etwa zwanzig Minuten Dunkelheit hinzu. Bis zum 21. September wird sich der Tagesrhythmus hier wie überall auf der Welt auf jeweils genau 12 Stunden gleich lange Tage und Nächte einpendeln. Danach folgt dann mit ebenso schnellen Schritten der Übergang in die Polarnacht, die Anfang November mit dem letzten Sonnenuntergang dieses Jahres beginnen wird.
Aber zu dieser Zeit werden wir wieder im wärmeren Deutschland sitzen. Und werden uns dann voraussichtlich darüber ärgern, dass die Tage wieder so verdammt kurz sind, dass wir weder morgens auf dem Weg zu Uni oder Arbeit noch abends auf dem Rückweg überhaupt etwas von der Sonne mitbekommen.
Viele Grüße aus dem jetzt wieder zeitweise dunklen Norden!
Max
Freitag, 17. August 2012
Küstenerosion
Im letzten Blogeintrag schrieb ich davon, dass ich es spannend fand, wie stark die Küstenlinie und Küstenform die Gestalt der Insel Muostakh innerhalb eines Jahres verändert hat.Nun habe ich gelernt, dass es auch deutlich schneller gehen kann. Aber der Reihenfolge nach…
Das sehr gute Wetter der ersten Tage - wir hatten Sonnenschein bei 15 bis 20 Grad Celsius - haben wir fleißig genutzt, um mit unseren Arbeiten zu beginnen. Wie schon angedeutet, ist die aktuelle Küstenerosion der Insel Muostakh einer der Arbeitsschwerpunkte der diesjährigen Expedition. Da Muostakh aus eisreichem Permafrost, also immer gefrorenen Sedimenten mit einem hohen Eisgehalt, aufgebaut ist, ist die Insel besonders anfällig für Küstenerosion, die auf mehrfache Weise wirkt. Zum einen durch das Auftauen der etwa 20 Meter hohen gefrorenen Ablagerungen infolge sommerlicher Temperaturen und zum Anderen durch die mechanische Wirkung der Wellen. Beides zusammen sorgt dafür, dass die Küste um etwa zehn Meter pro Jahr zurückweicht. Dieser Wert ist einer der höchsten der gesamten Arktis. Um das Zurückweichen der Küstenlinie räumlich zu erfassen, haben wir mit Hilfe eines Tachymeters, mit dem ich erstmalig gearbeitet habe, etwa einen Kilometer der besonders betroffenen Nordost-Küste der Insel vermessen. Das gleiche wurde bereits 2011 getan, so dass jetzt ein kompletter Vergleichsdatensatz besteht, mit dem die Küstenerosion eines Jahres bestimmt und mit Satellitenbildern abgeglichen werden kann.
Bei den Vermessungsarbeiten hatte ich dann auch erste intensivere Kontakte zur einheimischen Mückenpopulation, die trotz starkem Einsatz von Anti-Mücken-Mittel mit diversen Stichen endeten. Nach den Schönwettertagen kam es zu einem Wechsel hin zu deutlich kühleren und windigerem Wetter. Bei einer erneuten Begehung der Küste konnte ich erstaunt feststellen, dass sich die Küstenlinie und die Hangneigung schon wieder sehr stark verändert hatten, neue Küstenabbrüche waren festzustellen und das Material vergangener Küstenabbrüche war von den Wellen weg transportiert worden. Wenige Tage mit hohen Temperaturen und danach starker Wellengang reichen also aus, innerhalb kürzester Zeiträume gewaltige Mengen von Material zu bewegen und die Küstenlinie deutlich zu verändern.
Viele Grüße
Thomas
Donnerstag, 16. August 2012
Ein kleiner Inselspaziergang
In der ruhigeren Woche zwischen den beiden Expeditionsabschnitten habe ich nun endlich einmal geschafft, was eigentlich für jeden Neuankömmling auf der Insel in den ersten Tagen schon Pflicht ist: eine Wanderung rund um die Insel. Aber vier Wochen zu spät ist ja trotzdem besser als nie. Das Ganze ist zudem eine gute Gelegenheit, euch Leser ein bisschen bei der Orientierung auf unserer Insel zu unterstützen.
Während wir alle uns bei unserer Arbeit meist eher in der Mitte der Insel herumtreiben, wo ohne unsere gelben Gummistiefel so gut wie nichts außer nassen Füßen zu holen ist, lässt sich der Spaziergang um die Insel mit Wanderschuhen trockenen Fußes bewerkstelligen.
Die Insel ist insgesamt etwa viereinhalb Quadratkilometer groß: Das ist etwas mehr als doppelt so groß wie der Tiergarten in Berlin oder eineinhalb Mal der Central Park in New York. Die Insel teilt sich in zwei komplett unterschiedliche Landschaften auf, die wir während unseres Spaziergangs kennenlernen werden. Die Station liegt am südlichen Ende der Insel auf einem relativ trockenen Bereich direkt an der Abbruchkante zur Lena.
Von dort aus nimmt man am besten den nach Osten führenden Pfad entlang der Abbruchkante der Insel. Hier am süd-östlichen Ende knabbert der Fluss mit jedem Jahr ein Stückchen von der Insel ab. Dabei fallen jedes Jahr ganze Polygone in den Fluss und bilden somit eine bizarre Steilküste aus meterweit überhängenden Torfblöcken, heraustauenden Eiskeilen und gräulichen Schlammlawinen. Hier lässt sich der Aufbau der Polygone, die wir im Inselinneren studieren, in ihren letzten "Lebenswochen" vor dem Sturz in den Fluss quasi wie an einem aufgeschnittenen Kuchen untersuchen. Auf dem Weg weiter nach Norden wird die Küste dann sanfter. Ein schmaler Sandstrand erinnert eher an die Ostseeküste als an ein Flussufer, bis sich an der Nordspitze der Insel der Anblick dann plötzlich rapide ändert. Hinter der letzten Ecke der Abbruchkante öffnet sich plötzlich der Blick zur weiten Überflutungsebene, die den ganzen Westen der Insel ausmacht. Statt der braunen Torfwände blickt man nun über eine scheinbar unendliche hellgrüne, völlig flache Ebene.
Dieser Teil der Insel wird in jedem Frühjahr vom Hochwasser der Lena überflutet. So wächst die Insel hier durch die Ablagerung von Sand und Schlick Jahr für Jahr ein bisschen in den Fluss hinein, quasi als Gegenstück zum Schwund, der am anderen Ende zu beobachten ist. Von hier aus geht es über den breiten Strand im Sonnenuntergangslicht immer am Wasser entlang zurück nach Süden. Kurz bevor es wieder den Hügel zu unserer Station hinauf geht, liegt rechts unten unsere Badestelle, die auch als Anlegepunkt für unser kleines Boot oder etwas größere Schiffe für die Fahrten nach Tiksi oder zu weiter entfernten Inseln genutzt wird. Auf der linken Seite zeigt sich beim Blick auf die Insel dann nicht mehr die Tundra, sondern die Baustelle der neuen Forschungsstation, aber darüber werden wir euch in den kommenden Tagen noch einmal genauer berichten.
Wenn man sich zwischendurch etwas zusammengerissen hat und nicht andauernd vom Auslöser seiner Kamera zu einem kurzen Zwischenstopp gezwungen wird, lässt sich der Rundgang in etwas mehr als zweieinhalb Stunden schaffen. An unseren Messfeldern, die sich größtenteils im Inneren der Insel befinden, sind wir dabei zwar jetzt nicht vorbeigekommen, aber darüber ist ja schon genug die Rede gewesen. Und außerdem hatten wir für die heutige Tour ja nur die Wanderschuhe angezogen, so dass wir uns sowieso nicht ins "Gummistiefelrevier" im Zentrum der Insel wagen sollten.
Viele Grüße
Max
Dienstag, 14. August 2012
Zurück in den Süden
Für einige von unserer Expeditionsgruppe hieß es am 30. Juli bereits Abschied nehmen. Nach vier Wochen der Feldarbeit haben wir uns natürlich auf Zuhause gefreut, aber wir waren natürlich auch ein bisschen traurig unsere kleine Insel verlassen zu müssen. Es war eine wirklich gute Expedition und wir haben fast alles geschafft, was wir uns für den ersten Fahrtabschnitt vorgenommen hatten. Alle Messinstrumente funktionierten, die Schneemessstation wurde erfolgreich aufgebaut, und viele Bodenproben wurden genommen. Auch alle anderen Expeditionsteilnehmer machten einen sehr zufriedenen Eindruck. Klar, das ein oder andere ging auch schief! Wir haben uns z.B. auf der Nachbarinsel „Kurungnakh“ verlaufen und dabei einen falschen See vermessen oder hätten beinah unseren Bohrer für immer und ewig im Permafrostboden versenkt. Im Großen und Ganzen ist aber alles sehr gut gegangen und schon jetzt ist klar, dass wir mit einem großen Schatz an Messdaten nach Hause kommen werden. Bis wir unseren Messungen neue Geheimnisse über den Permafrost und das arktische Klima entlocken können, müssen wir uns jedoch noch etwas gedulden. Die gewonnenen Daten werden zunächst an unsere russischen Kollegen übergeben und erst nach der Expedition zu uns nach Deutschland übermittelt. Wie für alles, was zwischen unseren beiden Ländern ein- und ausgeführt wird, gibt es auch für Klimadaten Bestimmungen und Kontrollen.
Auf dem Rückweg von Samoilov nach Tiksi wurden wir mit traumhaftem Sommerwetter belohnt. Das kam uns gerade recht, da wir nicht wie auf dem Hinweg mit dem Helikopter, sondern mit dem Schiff abreisten. Das kleine Flussschiff mit dem Namen „405“ brachte uns über den Bykovskaya-Seitenarm der Lena zurück in die circa 120 Kilometer entfernte Stadt Tiksi. Am Flughafen in Tiksi konnten wir kurz das neue Expeditionsteam begrüßen, das nun bis Anfang September auf Samoilov und Muostakh sein wird. Wir saßen hingegen zwei Tage später im Flugzeug auf dem Weg zurück in die russische Hauptstadt Moskau und weiter nach Berlin. Ich wünsche all denen, die jetzt im Lena-Delta unterwegs sind alles Gute.
Für alle Hiergebliebenen anbei ein paar Eindrücke von der Expedition.
Liebe Grüße
Moritz
Donnerstag, 9. August 2012
Die Insel Muostakh
Nachdem unsere Kollegen bereits seit Anfang Juli auf Samoilov sind, ist unsere sechsköpfige Gruppe, bestehend aus vier russischen und zwei deutschen Wissenschaftlern, erst Anfang August gestartet. Unser Ziel: Die Insel Muostakh in der Tiksi-Bucht.
Nach einer knappen Woche Aufenthalt in der kleinen Stadt Tiksi, bedingt durch schlechtes Wetter (und damit schlechte Flugbedingungen) und zu dichtem Flugplan sind wir am Dienstag endlich auf "unserer" Insel angekommen. Wir hatten die Zeit in Tiksi genutzt, unsere Ausrüstung und Verpflegung zu überprüfen und zu ergänzen sowie die Banja, also die russische Sauna, zu besuchen. Dies haben wir besonders genossen, da wir in den nächsten zwei Wochen keine Dusche zur Verfügung haben werden. Nach einem circa zwanzigminütigen Flug und inklusive einer zweimaligen Umfliegung unseres Hauptarbeitsgebietes im Norden von Muostakh sind wir nahe dem Platz gelandet, auf dem wir unser Camp errichtet haben.
In diesem Camp werden wir die nächsten zwei Wochen leben und arbeiten. Die Arbeiten unserer Gruppe konzentrieren sich hier vor allem auf vier Schwerpunkte, die alle mit dem wesentlichen Merkmal der Insel zusammenhängen, dem Permafrost: 1. die aktuelle Küstenerosion der Insel Muostakh, 2. die Klima- und Landschaftsgeschichte der Insel Muostakh, 3. den Transport die Charakterisierung von organischer Substanz (inklusive Kohlenstoff) von der Insel in die Laptevsee, sowie 4. bodenkundliche Untersuchungen. Dazu mehr in späteren Blog-Einträgen. Die ersten beiden Arbeitstage haben wir im Wesentlichen dazu genutzt, uns einen Überblick über den Nordteil der etwa fünf Kilometer langen und bis zu 400 Meter breiten Insel zu verschaffen, der unser Hauptarbeitsgebiet sein wird. Dabei haben wir schon viele interessante Strukturen beobachtet, dokumentiert und haben erste Arbeitshypothesen entwickelt, die wir mit den anschließenden Arbeiten überprüfen wollen. Da ich selbst schon letztes Jahr für knapp zwei Wochen an einer Expedition auf die Insel Muostakh teilgenommen habe, habe ich die Möglichkeit, meine Eindrücke und Beobachtungen diesen Jahres mit denen des letzten Jahres zu vergleichen. Für mich persönlich ist es besonders spannend, zu sehen, wie sehr sich die Gestalt der Insel, insbesondere die Form der Küste innerhalb eines Jahres verändert hat. Momentan haben wir außerordentlich gutes Wetter mit Temperaturen bis zu 20 Grad Celsius bei Sonnenschein und leichtem Wind. Letzterer ist besonders wichtig, da er uns weitgehend vor den Mücken bewahrt, die bei solchen Wetterbedingungen unweigerlich vorhanden sind. Nach getaner Arbeit ist ein Bad in der Laptevsee bei heute gemessenen sehr warmen 14 Grad Celsius zum Waschen sehr erfrischend. Dies lässt zumindest kurz vergessen, dass wir hier in der Arktis sind.
Viele Grüße
Thomas Opel
Dienstag, 07. August 2012
„Permafrost“ – Was ist das überhaupt?
Nachdem wir im letzten Beitrag geschrieben haben, auf welch sensiblem Terrain wir uns befinden, so möchte ich nun ein paar Hintergründe dazu schreiben. Wer bei Permafrost an „permanent“ oder „immer gefrorener Boden“ denkt, liegt schon ziemlich richtig.
Laut Definition ist Permafrostboden „Sediment, Gestein oder Boden, der mindestens zwei Jahre ununterbrochen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufweist“. Während bei uns zuhause in Deutschland der Boden im Winter nur für eine bestimmte Zeit oberflächlich einfriert, muss für Permafrostboden die mittlere Jahrestemperatur in der Luft unter 0 Grad Celsius liegen. Deshalb findet man Permafrostboden sowohl in der Arktis und Antarktis als auch in den Hochgebirgen der Erde.
Doch der Boden ist nicht in allen Tiefen das ganze Jahr über gefroren. Im Sommer taut die oberste Bodenschicht wegen der positiven Lufttemperaturen auf. Diese Schicht nennt man Auftauschicht. Häufig wird auch im Deutschen der englische Begriff „active layer“ benutzt. Das trifft es eigentlich ziemlich gut, denn so lange der Boden gefroren ist, tut sich in ihm recht wenig. Das ist in etwa so wie wir das zu Hause im Tiefkühlfach erwarten. Sobald der aber auftaucht, können viele verschiedene Prozesse ablaufen. Durch flüssiges Wasser können alle möglichen Stoffe und Wärme im Boden verteilt werden. Das jährliche Gefrieren und Auftauen übt Kräfte auf den Boden aus, die zum Beispiel die auf der Insel hier vorkommende Polygonale Tundra formen.
Eine sehr große Bedeutung hat ein Prozess, der sehr gut mit dem Beispiel der Tiefkühltruhe zusammenpasst: Sobald der Boden auftaut, beginnen Bakterien den im Boden vorhandenen Kohlenstoff zu verarbeiten. Dabei entstehen wie beim Stoffwechsel fast aller Tiere Kohlenstoffdioxid und Methan.
Das macht den Permafrostboden möglicherweise zu einem besonders interessanten Element des Klimasystems. Wenn es nämlich durch die Erderwärmung auch in den Regionen mit Permafrost die Temperaturen steigen, taut dieser vermutlich tiefer auf oder verschwindet an bestimmten Orten sogar völlig. Das führt dazu, dass durch die Aktivität von Bakterien deutlich mehr an schon lange im Boden gespeichertem Kohlenstoff in Form der beiden Treibhausgase in die Atmosphäre gelangt und somit deren Erwärmung weiter verstärken könnte. Eine so genannte positive Rückkopplung.
Der eigentliche Permafrostboden liegt dann unterhalb der Tiefe, bis zu der der Boden im Sommer maximal auftaut. Hier auf Samoilov sind das etwa 40 Zentimeter. Ganz genau bedeutet das für unsere Arbeit 40 Zentimeter Matsch über darunterliegendem steinhart gefrorenem Boden. Zu größeren Tiefen hin steigt die Temperatur dann wegen des Wärmeflusses aus dem Erdinneren kontinuierlich an, so dass der Boden ab einer bestimmten Tiefe wieder aufgetaut ist. Wie tief der Permafrostboden reicht, hängt von aktuellen Durchschnittstemperaturen, aber auch von den Klimabedingungen in der Vergangenheit ab. Hier in Nordsibirien sind das teilweise Tiefen von über einem Kilometer, was sich damit erklären lässt, dass über diesem Gebiet in der letzten Eiszeit kein schützender Eispanzer lag.
Ich hoffe, wir konnten euch damit in der Kürze ein paar wichtige Grundlagen über den Permafrostboden erklären. Aber keine Angst: der Blog wird kein Online-Lehrbuch aus der Ferne und im nächsten Bericht kommt dann wieder ein direkter Praxisbericht.
Max
P.S.: Hier könnt Ihr noch mal eine englische Zusammenfassung sowie eine Grafik zum Thema „Was ist Permafrost“, die für das EU-Projekt PAGE21 erstellt wurde, finden: http://page21.org/images/PDF/fact%20sheet3_light.pdf
Montag, 6. August 2012
Können wir das schaffen? Ja, wir schaffen das!
Waren wir nicht auf die Insel gekommen um Wissenschaft zu betreiben? Natürlich und dazu gehört auch, dass wir hin und wieder ein paar Sachen schleppen, auch wenn die anderen aus unserer Gruppe sich eventuell gedacht haben: "Was schleppen sie jeden Tag so viel Holz in die Tundra?". Aber unser Unterfangen war alles andere als sinnlos. Die feuchte Tundra hier auf der Insel ist nämlich eine relativ sensible Landschaft. Ein einzelner Fußabdruck mit schweren Wanderschuhen oder Gummistiefeln drückt das Moos zentimetertief zusammen und verändert so das Verhalten der Bodenoberfläche an diesem Punkt. Und wo einmal die Vegetation nachhaltig zerstört ist, bildet sich oft innerhalb kürzester Zeit ein matschiger Graben oder ein kleiner Tümpel, den es ohne den menschlichen Einfluss nie gegeben hätte.
Wenn man ausschließlich Proben sammelt oder die Vegetation kartiert, ist das kein großes Problem, denn man wird ja selten zufällig genau an derselben Stelle vorbeilaufen. Wenn man jedoch, so wie wir, plant eine Langzeitmessstation aufzubauen, dann stapft man zwangläufig dauernd denselben Weg durch die Tundra.
In diesem Sommer heißt das für uns zunächst einmal, dass wir alle nötigen Materialien und Sensoren an Ort und Stelle bringen und dort alles aufbauen. Und auch in den kommenden Jahren müssen regelmäßig Daten ausgelesen oder Sensoren ausgetauscht werden. Ohne die richtigen Gegenmaßnahmen jedoch würden wir zwangläufig den Boden genau an der Stelle zerstören, wo wir ihn untersuchen möchten. Und wer will sich schon tagelang den Aufwand machen Temperatur- oder Bodenfeuchtesensoren anzubringen, um dann einen von den eigenen Füßen kreierten Tümpel oder unbewachsene Matschhaufen zu untersuchen?
Das richtige Gegenmittel sind Holzplanken, die wir auf Stützbalken entlang der häufig begangenen Wege verteilen. Die langen Bretter verteilen das Gewicht sehr viel gleichmäßiger als die größte Fußsohle und verhindern so die Zerstörung der obersten Schicht des Bodens. Da das Holz sich in seinen thermischen Eigenschaften nicht sehr viel anders verhält als die umgebende Vegetation, fügt es sich über längere Zeit relativ harmonisch in die Bodenoberfläche ein.
Zunächst dachten wir uns noch "Ach, mit zwei- oder dreimal Holz tragen, werden wir mit dieser Arbeit schon fertig sein“. Aber dann füllte sich Schlitten um Schlitten mit den Brettern, bis das Ganze ordentlich Formen annahm. Eine relativ anstrengende Arbeit. Aber nun da wir fertig sind, ersparen wir nicht nur der Tundra ein paar Narben in ihrem Pflanzenbewuchs, sondern uns das anstrengende Stapfen durch tief einsinkendes Moos. Wenn das nicht mal eine typische Win-Win-Situation ist.
Viele Grüße von
Bob der Baumeister aka Max
Freitag, 3. August 2012
Schwitzen gegen den Schweiß!
Hatten wir nicht vor der Expedition vom entbehrungsreichen Leben auf der Insel gesprochen? Naja, wir müssen zugeben, eigentlich haben wir es wirklich gut getroffen. Um die Plätze in den Zelten haben wir quasi gekämpft. Die Verlierer dürfen dafür in der warmen Station übernachten. Auch das Essen kann sich wirklich sehen lassen und wenn wir uns die Vorräte ansehen, die jetzt noch für den letzten Teil des ersten Abschnittes der Expedition vorhanden sind, brauchen wir uns wirklich keine Sorgen machen, dass uns da irgendetwas ausgeht. Allein die Marmelade sollte uns noch alle über den nächsten Winter retten können.
Satt werden wir also, fehlt nur noch die Frage: Wie werden wir „sauber“?
Zum einen breitet sich natürlich vor der Station der Fluss Lena aus und hat direkt neben der Station auch einen ganz passablen Sandstrand angespült. Bei inzwischen etwa 17 Grad Wassertemperatur ist die Überwindung hinein zu springen deutlich geringer geworden in den letzten Wochen – die optimale Abkühlung nach einem anstrengenden Arbeitstag. Aber das beste Mittel gegen den über Tage unter dem Mückenhemd angesammelten Schweiß ist definitiv: Schwitzen! Zweimal wöchentlich steht abends das strukturierende Element unserer Woche an: Banja – das russische Äquivalent zur finnischen Sauna. Einige Meter entfernt vom Banja Lake, schmiegt sich das Saunahäuschen an den Hügel, auf dem sich auch die Station befindet. Der See erhielt den Namen bereits von vorherigen Expeditionen.
Ab etwa 18 Uhr sieht man dann nach und nach die Stationsbewohner mit Handtuch und Waschzeug bewaffnet den kleinen Pfad zum See hinab laufen. Das ganze nach Geschlechtern getrennt um zwei Stunden versetzt, je nachdem, welche Reihenfolge für den jeweiligen Badetag ausgemacht wurde. Dann heißt es ab in die von Molo bereits vorgeheizte Banja. Dort bieten sich dann sowohl im angenehm warmen Vorraum als auch im Saunaraum neben der Entspannung, dem Schwitzen und dem Duschen die Möglichkeit für allerlei nette Gespräche. Diese Gespräche werden allerdings hin und wieder durch ein plötzliches „Oh, Mann, jetzt wird’s mir hier aber langsam zu heiß!“ oder den entsprechenden Ausruf in Russisch oder Englisch unterbrochen. Dann bietet der nahe See mit seinem kalten, klaren Wasser die nötige Abkühlung für die nächste Runde in der Sauna. Nach knapp zwei Stunden machen sich dann alle sauber, frisch rasiert und entspannt zurück auf den Weg zur Station.
Entspannte Grüße von der - jedenfalls zweimal pro Woche zutreffenden - „Wellness-Insel“,
Max
Donnerstag, 2. August 2012
Was täten wir doch ohne die Technik...
Die Zeit vergeht wie im Flug hier auf der Insel. Heute ist schon Donnerstag und in wenigen Stunden erwarten wir die Teilnehmer der zweiten Etappe und die Einwohnerzahl unserer Hütte vervierfacht sich. Wie Max schon berichtet hat, haben unsere Dauermessstationen den Winter sehr gut überstanden. Die Nervosität ist in den letzten Tagen kurz vorm ersten Auslesen der Stationen doch deutlich angestiegen: Sind Daten da? Hat die Stromversorgung durchgehalten? Oder sind uns im Stress der Abreise im letzten Jahr möglicherweise doch Fehler unterlaufen? Die Erleichterung war mir mit Sicherheit anzusehen, als bei allen Stationen die Daten ohne Widerstand auf meine Festplatte zuckelten.
Um auch im nächsten Jahr einen wenig nervenaufreibenden ersten Tag auf der Insel zu gewährleisten, habe ich die letzten Wochen damit verbracht die Stationen bestmöglich auf den Winter vorzubereiten. Dazu gehören vor allem ein gründlicher Check der Stromversorgung und eine genaue Inspektion der Sensoren nach Kratzern, Unreinheiten, offensichtlichen Schäden, angeknabberten Kabeln durch Tiere oder nach schiefen Halterungen. Die Liste der Dinge, die ausgebessert werden wollen, könnte ich endlos fortsetzen. Jedes Jahr werden bestimmte Sensoren (wie zum Beispiel jene die Luftfeuchtigkeit und -temperatur messen) zu Kalibrierungszwecken mit nach Deutschland genommen. Natürlich gibt es für diese Ersatz, der in der Zwischenzeit weiterhin die Samoilov'sche Luft analysiert. Sensoren, die z.B. Methan-, Kohlenstoffdioxid- und Wasserdampfkonzentrationen messen, sind sehr empfindlich, so dass das Risiko sie über den Winter im Feld zu lassen zu groß ist, da sie Schaden nehmen könnten und zum Teil noch keine Erfahrungen mit diesen Geräten unter solch extremen Umweltbedingungen bestehen. So nehmen wir das Risiko in Kauf, dass wir bei diesen Sensoren Datenlücken über den Winter haben. Gemessen wird dann nur über die Sommermonate. Am Ende unseres Aufenthaltes bauen wir die Sensoren wieder ab und nehmen sie mit nach Hause.
Doch so weit sind wir noch nicht. Jetzt erwarten wir die Ankunft unserer Kollegen und hoffen auf besseres Wetter, so dass wir auch die zweite Etappe erfolgreich beginnen und die geplanten Aktivitäten zügig vollenden können. Dies ist durchaus angenehm, denn zum Ende einer Expedition ergeben sich erfahrungsgemäß immer noch unzählige Dinge, welche erledigt werden wollen, sei es der letzte Check der Stationen oder eine gründliche Inventur der Station.
Liebe Grüsse aus dem Norden
Karo
Donnerstag, 26. Juli 2012
Eine Insel mit zwei Bergen, …
…dem Eisenbahnverkehr und den anderen Darstellern jener berühmten
Geschichte können wir hier am Ende der Welt natürlich nicht bieten. Aber dafür haben wir fast direkt neben unserer topfebenen eigenen Insel eine stehen, die fast ausschließlich aus einem großen Berg besteht: Stolb – das russische Wort für Säule. Ein relativ passender Name, wenn man sie von Samoilov aus am Horizont erblickt. Und das ist eigentlich in jedem Moment der Fall, den wir außerhalb der Station verbringen. Denn die übrigen Inseln des Deltas heben sich in diesem Bereich höchstens einige Meter aus dem Wasser. Ein Aufstieg auf den Gipfel sollte also ein grandioses Panorama bieten. Stolb ist somit das optimale Ausflugsziel für einen Sonntag. Der ist nämlich hier auf der Insel traditionell arbeitsfrei. Es gibt zwar immer einige Kollegen , die dennoch ein bisschen im Labor an ihren gesammelten Proben arbeiten oder auf einem Datenlogger ein Programm zum Laufen bringen wollen. Aber meistens klappt es ganz gut, an diesem Tag alle vom Sinn einer ausgiebigen Auszeit von der Wissenschaft zu überzeugen.
Mit seiner Kasanka – dem hier üblichen Metallboot für fünf Personen - brachte uns Waldemar, unser Logistiker, in einzelnen Gruppen an unser Ziel. Dabei bot sich auch die Gelegenheit unsere Insel Samoilov einmal aus einer ganz anderen Perspektive vom Wasser aus zu betrachten.
Am Steinstrand von Stolb angekommen, stellte sich dann zunächst die Frage „Wie sollen wir denn da bitte heraufkommen?“. Ihrem Namen alle Ehre machend zeigte sich die Insel von allen Seiten mit steilen Flanken. Auch die kurze Suche rund die Insel zeigte, dass der beste Weg hinauf direkt dort zu finden war, wo wir abgesetzt worden waren. Da hätten wir auch früher drauf kommen können! Der Aufstieg war dann doch recht mühsam, was aber durchaus damit zu tun haben könnte, dass einige von uns nach einem langen Vorabend noch etwas schlappe Beine hatten.
Oben angekommen wurden wir dann, wie zu erwarten war, mit einer grandiosen Aussicht über die anliegenden Inseln des Deltas und die sich dazwischen schlängelnden Flussarme der Lena belohnt. Und, zwischen hunderten bunt blühenden Blumen fand sich unter dem großen hölzernen Seezeichen am Gipfel zusätzlich noch flacher Stein mit russischer Aufschrift. Als wir die Deckelplatte zur Seite schoben, kamen allerlei kleine Schätze zum Vorschein: Zigaretten, einen Ring in Froschform, einen kaputten Fotoapparat. Ein ganz spezieller Ort, an dem man anscheinend einen Wunsch frei hat. Was sich die Menschen wohl so gewünscht haben mögen, die all diese Sachen versteckt haben?
Von uns haben sich vermutlich einige die vielen Mücken vom Leibe gewünscht haben, die uns selbst hier oben nicht in Ruhe ließen. Ich jedenfalls war kurz davor, als mich beim entspannten Betrachten des Ausblicks plötzlich ein Pieksen in der Oberlippe aufschrecken ließ! Es blieb noch einige Zeit, um einige Gruppenfotos zu schießen. Aber dann erschienen nach einiger Zeit am Horizont direkt neben unserer Heimatinsel die Wellen eines kleinen Metallbootes. Und so hieß es, wieder den Weg hinab zum Strand zu finden. Und siehe da, unser Timing war perfekt, denn unser Wassertaxi glitt exakt in jenem Moment auf den steinigen Strand, als wir gerade selbst vom letzten steilen Stück des Abstieges auf die Steine sprangen.
Viele Grüße
Max
Mittwoch, 25. Juli 2012
Fracht
Nachdem Moritz beim letzten Mal berichtet hat, was wir gerade aufbauen, taucht natürlich die Frage auf…wie kommen die ganzen Geräte auf die Insel und warum war die Fracht überhaupt erst nach der Ankunft des Expeditionsteams da?
Richtig ist: Mal eben spontan für zwei Monate nach Sibirien zu reisen, um etwas zu messen, so einfach geht das natürlich nicht.
Die Planungen für unsere Expedition in diesem Sommer begannen eigentlich direkt nach dem Ende der Expedition im vergangenen Jahr.
Spätestens im Winter vor der Expedition muss bereits feststehen: Welche Personen fahren mit, welche Geräte und Materialien müssen besorgt und mitgenommen werden? So müssen wir neben den Planungen und Zollbestimmungen für die Geräte für Russland nämlich auch an Formalitäten wie die Beschaffung von Visa für die Expeditionsteilnehmer denken. Das sind aufwändige Prozesse, für die man ausreichend Zeit einplanen muss.
Ab Anfang April hörte man dann am AWI oft Fragen wie „Wann braucht ihr die große Waage? Und wo gibt es noch leere Aluminiumkisten?“. Die Fracht musste nämlich zu dieser Zeit schon gepackt und für die Expedition fertig gemacht werden – also drei Monate vor der eigentlichen Abfahrt. Beim Packen der Kisten mussten wir gleich mehrere Dinge bedenken. Zum einen sollten die Kisten natürlich so gepackt sein, dass alles, was wir brauchen, auch passend verstaut ist. Zum anderen galt es, daran zu denken, dass wir die Kisten in naher Zukunft auch selbst verladen müssten. Enthält eine Kiste sowohl die Schaltschränke als auch die wichtigen Aluminiumplatten, geht selbst dem stärksten Mann ganz schnell die Kraft aus. Das war alles ziemlich aufregend, unter anderem auch deshalb weil uns die letzte Lieferung mit Messsensoren erst am Nachmittag, an dem die Fracht eigentlich vollständig fertig übergeben werden musste, erreichte.
Die Übergabe sieht dann folgendermaßen aus: Zunächst werden die Frachtkisten aller teilnehmenden Gruppen im AWI-Hafenlager in Bremerhaven gesammelt. Das heißt, wir begleiteten die Fracht nach Bremerhaven, um dort alles für den Transport vorzubereiten. Die Übergabe in Bremerhaven bietet den Vorteil, dass ein Großteil der Zollformalitäten bereits dort erledigt werden kann. Alleine unsere Arbeitsgruppe kam am Ende auf etwa eine halbe Tonne Material - alles verpackt in stabilen Aluminiumkisten oder großen Pappkartons. Insgesamt stapelten sich folglich für die ganze Expedition mehrere Tonnen Fracht, die auf die lange Reise in Lena-Delta geschickt wurden. Den Transport übernahmen Lastwagen. Von Bremerhaven ging es zunächst zum russischen Arktis- und Antarktisforschung (AARI) ins russische Sankt Petersburg und von dort aus weiter.
Wie vor kurzem schon geschrieben, war der Weg der Fracht so lang, dass die Fracht erst ein paar Tage nach unserer Ankunft in Tiksi ankam. Dort verluden wir dann sowohl unsere Kisten aus Deutschland als auch die Kisten der russischen Forscher in einen Hubschrauber, stiegen dazu und erreichten die Insel Samoilov gemeinsam - als Team und mit unserem Gepäck.
Freitag, 20. Juli 2012
Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?
Und wie genau?
Inzwischen ist schon etwas mehr als eine Woche verstrichen, seitdem wir auf Samoilov gelandet sind und mit unseren Feldarbeiten begonnen haben.
An den meisten Tagen war es deutlich wärmer als 20 Grad Celsius und unter den Mückenhemden war es fast so warm wie in unserer Banja, der russichen Sauna. Jeden Tag haben wir unsere Expeditionsschlitten mit Baumaterial für unsere Schneemessstation beladen und in das Zentrum der Insel geschleppt. Schneemessstation und Schlitten im Sommer bei 20 Grad Celsius?
Keine Frage, in der Arktis kann es extreme Wetterphänomene geben, aber für Schnee ist es im Moment auch hier zu warm. Den ersten Schnee erwarten wir erst Ende September. Wir benutzen Schlitten auch im Sommer, um schwere Dinge durch die Tundra zu transportieren. Auf dem feuchten Torfboden funktioniert das fast so gut wie auf Schnee und ist deutlich angenehmer als alles auf dem Rücken zu tragen. Aber warum muss eine Schneemessstation im Sommer aufgebaut werden und was hat das mit dem Permafrostboden zu tun? Schnee besteht aus einem sehr lockeren Gefüge aus Eiskristallen und beinhaltet eine Menge Luft. Wie alle porösen Materialien, zum Beispiel Schaumstoff, ist auch Schnee ein sehr guter Wärmeisolator und verhindert im Winter das Auskühlen des Bodens. Wie gut die Schneedecke den Boden vor der arktischen Kälte schützt, hängt in erster Linie von der Schneetiefe und den thermischen Eigenschaften des Schnees ab. Das hört sich einfach an, ist aber sehr schwer zu messen. Je nach Windstärke und Richtung kann sich hinter kleinen Hügeln sehr viel Schnee ansammeln, wohingegen an Wind exponierten Stellen kaum Schnee liegen bleibt. Auch die isolierenden Eigenschaften des Schnees sind sehr variabel, da sich Schneekristalle im Laufe der Zeit verändern und unterschiedliche Schichten in der Schneedecke ausbilden können. Mit unseren Messinstrumenten versuchen wir viele dieser Faktoren zu erfassen. Mit Hilfe eines 15 Meter langen Gerüstes wollen wir mit Ultraschallsensoren die Unterschiede in der Schneetiefe messen. Zusätzlich haben wir ein Instrument aufgebaut, mit dem wir an langen Sensorbändern über den gesamten Winter die Veränderungen der Schneedichte erfassen können. Auch die Schneetemperatur wird an dünnen Nadeln in unterschiedlichen Tiefen gemessen. Wenn unsere Messinstrumente fertig sind, müssen wir nur noch darauf warten, dass sie im Winter einschneien. Wenn nichts kaputt geht, können wir die Messdaten im nächsten Sommer abholen und mehr darüber erfahren, wie der Schnee im Winter den Permafrostboden beeinflusst.
Liebe Grüße
Moritz
Montag, 16. Juli 2012
Zuhause…
Jedenfalls für die kommenden Wochen. Und nach ein paar Tagen auf der Insel fühle ich mich schon ein bisschen heimisch.
Die ersten Stunden und Tage bieten natürlich die meisten neuen Eindrücke. Ich weiß deshalb gar nicht so genau womit ich beginnen möchte…In Tiksi dachte ich mich schon an den Polartag gewöhnt zu haben. Doch wenn ich hier auf Samoilov nachts in die weite Landschaft schaue und es statt eines Sonnenuntergangs wieder heller wird, finde ich das noch eindrucksvoller.
Auch der Hubschrauberflug von Tiksi auf die Insel war für mich und die anderen Expeditionsneulinge eine besondere Erfahrung. Unter anderem deshalb weil es sich nicht um einen dieser vergleichsweise kleinen Hubschrauber handelte, die man in Deutschland üblicherweise zu sehen bekommt. Eine ganze LKW-Ladung unserer Fracht verschwand durch die große Heckklappe in dem russischen Mi-8, bevor wir uns durch die vordere Tür auf unsere Plätze setzten. Zwar eng und laut, aber mit traumhaftem Ausblick auf das Lena-Delta und die angrenzenden Berge waren wir nach einer knappen Stunde Flug am Ziel.
Nach der Landung widmeten wir uns dem Ausräumen der Fracht und dem Ausstatten der Station, denn schließlich wollten Lebensmittel für zwei Monate sowie allerlei Geräte und Materialien für die Forschung ihren richtigen Platz finden.
Auf der Insel gab es bisher vorwiegend viel Sonnenschein und sommerliche Temperaturen zwischen 15 bis 20 Grad Celsius. Das sind für uns einerseits angenehme Temperaturen, andererseits teilen wir Samoilov auch mit Millionen Mücken. Besonders bei der Arbeit draußen lässt es sich nicht verhindern dass ein bisschen Haut zu sehen ist. Von den Mücken wird das sofort ausgenutzt. Selbst durch T-Shirts oder dünne Kleidung stechen sie. Das Einzige, was wirklich hilft, ist das Tragen eines Mückenhemdes mit einem Netzfenster vor dem Gesicht. Sonst verschafft starker Wind ein bisschen Ruhe bei der Arbeit - ohne das allgegenwärtige Summen der Mücken.
Die ersten Arbeitsstunden haben wir genutzt, um uns einen Überblick über unsere Dauermessstationen zu verschaffen. Glücklicherweise scheinen fast alle über den letzten Winter zuverlässig die gewünschten Daten aufgezeichnet zu haben. Nun werden wir beginnen unsere Messprojekte für diesen Sommer aufbauen. Darüber berichten wir genauer in den kommenden Beiträgen. Neben dem Blog gibt es seit Jahren jede Woche einen Wochenbrief von den Expeditionen, der in den Sommermonaten traditionell von Günter Stoof geschrieben wird. Bei einigen bedeutenden Ereignissen wird es deshalb eventuell Überschneidungen geben. Das sollte Euch jedoch nicht abhalten, neben unseren Blogbeiträgen, auch das klassische Informationsmedium der Insel zu verfolgen. Zu lesen sind die Wochenbriefe auf der Homepage der Station Samoilov.
Viele Grüße
Max
Freitag, 13. Juli 2012
Das Lena-Delta
Nachdem wir bereits einige Tage unterwegs sind, möchte ich kurz schreiben, wo genau wir sind. Die meisten denken bei dem Namen Lena an irgendeinen Verwandten, Bekannten, den Eurovison Song Contest der letzten Jahre. Aber das hat mit der Lena hier nicht so viel zu tun. Die Lena ist in diesem Fall ein Fluß, der über 4000 Kilometer weiter südlich in den Bergen am Ufer des Baikalsees und ist somit einer der längsten Flüsse Russlands und sogar der ganzen Erde. Etwa 100 Kilometer vor dem Norpolarmeer verzweigt sich der Fluss in einige große und viele kleine Arme und bildet so das größte Delta der Arktischen Küsten.
Das gesamte Delta ist insgesamt etwa so groß wie die Niederlande. Doch dieser Vergleich hinkt: Drängeln sich an der Mündung von Rhein und Co. knapp 17 Millionen Holländer, sind es hier neben ein paar Fischern hauptsächlich Rentiere.
Obwohl gerade in der Gegend um die Insel Samoilov scheinen sich im Sommer ganze Gruppen in Orange zu verirren, wie das Sattelitenbild zeigt.
Max
Montag, 9. Juli 2012
Morgen geht es los. Nach Samoilov.
Nachdem wir bereits im letzten Eintrag auf unsere Weiterreise nach Samoilov eingestimmt hatten, kann ich das heute noch einmal schreiben. Aber diesmal richtig: Morgen geht es los! Und diesmal wirklich bis auf die Insel Samoilov, wo wir die kommenden zwei Monate unserer Forschungsexpedition verbringen werden.
Wir hatten gehofft, bereits seit einigen Tagen auf der Insel zu sein und unserer Arbeit für diesen Sommer nachzugehen: Je nach Fragestellung Messgeräte aufbauen, Proben nehmen oder andere Untersuchungen durchführen. Doch ohne Expeditionsfracht und Verpflegung war es wenig sinnvoll dorthin aufzubrechen.
Stattdessen hatten wir uns ein kleines Ersatzprogramm für die kleine nordsibirische Stadt Tiksi überlegt. Neben dem Kampf gegen den Jetlag (wir sind der deutschen Zeit acht Stunden voraus) und dem Auffrischen der Russischkenntnisse, nutzten wir die Zeit, um die Völkerverständigung zwischen Russen, Jakuten, Deutschen und Amerikanern ein bisschen voranzutreiben. Das Fußballmatch gegen die lokale Jugendmannschaft haben wir trotz einiger überragender Angriffe 2:7 verloren. Am folgenden Tag wurde in der Tundra die 375-jährige Freundschaft zwischen der Republik Jakutien und Russland gefeiert. Es wurden verschiedene Wettbewerbe um das beste traditionelle Kostüm und die besten lokalen Spezialitäten ausgetragen. Und wir wurden prompt eingeladen, zusammen mit hiesigen Würdenträgern und einem Minister aus Jakutsk an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam das Fest zu genießen.
Gestern Vormittag erhielten wir dann die Nachricht: „Das Frachtflugzeug aus Irkutsk ist auf dem Weg!“ In der sibirischen Stadt, die an der Transsibirischen Eisenbahn und von hier aus weit im Süden liegt, warteten seit Tagen unsere Expeditionsfracht als auch für Tiksi bestimmte Waren (zum Beispiel Lebensmittel) auf die richtigen Wetterbedingungen für einen Flug zu uns in den hohen Norden.
Nach Ankunft des Flugzeugs bedeutete das für uns: Seesäcke, Kisten und Kartons vom Lastwagen in ein Lagerhaus tragen. Dazu wurden säckeweise Kartoffeln, Zwiebeln, Kohl und anderes Gemüse abgewogen. Schließlich werden wir in den kommenden zwei Monaten circa 20 Personen auf der Insel Samoilov sein, die etwas essen möchten.
Heute Abend oder morgen früh verladen wir dann die Fracht wieder aus dem Lagerhaus in zwei Hubschrauber. Und, spätestens morgen brechen wir dann endlich nach Samoilov auf, um dort mit unserer Arbeit zu beginnen.
Viele Grüße aus Tiksi und bis bald von der Insel,
Max
Donnerstag, 5. Juli 2012
Fast am Ziel...Zwischenstopp in der Hafenstadt Tiksi
Gestern Nachmittag haben wir Tiksi im Norden Sibiriens erreicht. Im Vergleich zur Gesamtanreisestrecke trennt uns nur noch ein Katzensprung von unserem Ziel und Forschungsstandort, der Insel Samoilov im Lena-Delta.
„Tiksi, 3 Grad Celsius and rain“, das war, was uns die Anzeigetafeln auf dem Flughafen in Moskau versprach. Und diese Wetterangabe bewahrheitete sich insofern, als dass unser Flug fast komplett über ein dicht bewölktes Sibirien führte. Kurz vor der Landung öffnete sich dann aber direkt über dem Lena-Delta die Wolkendecke für ein paar Meter und gab den Blick frei auf die Polygone, Tümpel und Seen, die wir in den kommenden Wochen untersuchen werden.
Ein gutes Zeichen, das bei allen die Lust geweckt hat, nun endlich mit der lang vorbereiteten Arbeit im Feld zu beginnen.
Die Fracht mit dem Großteil der Expeditionsmaterialien ist auf dem Weg hier nach Tiksi auf dem letzten Abschnitt leider etwas langsamer vorangekommen als wir, so dass es noch ein paar Tage dauern wird, bis wir Samoilov, das Ziel unserer Reise, erreichen.
Dafür ist das das Expeditionsteam nun komplett. In Moskau und hier in Tiksi sind auch die übrigen Teilnehmer des ersten Abschnitts – deutsche und russische Wissenschaftler aus Hamburg, Sankt Petersburg und Moskau – zu uns gestoßen. Wir haben gemeinsam die bereits im Lagerhaus verstauten Vorräte und Materialien sortiert und waren zusammen Lebensmittel einkaufen. Die Hafenstadt Tiksi bietet dabei einen etwas surrealen Anblick. Die breiten Schotterstraßen zwischen den Häuserreihen, hauptsächlich Plattenbauten, die auf Betonstelzen errichtet sind, um nicht im Permafrostboden zu versinken, geben immer wieder den Blick frei auf die umliegende Tundra oder die angrenzende Meeresbucht. Wenn es die Sonne immer wieder mal zwischen dem dichten Nebel hindurchschafft, kann man dem doch etwas grauen Anblick der Stadt eine gewisse raue Schönheit nicht absprechen. Die kleinen Läden mit einem Sortiment, das aufgrund der abgelegenen Lage Tiksis eher kleiner ist, verlangen etwas mehr Kreativität bei der Auswahl der Rezepte für das Abendessen als man das von reich gefüllten deutschen Supermärkten gewohnt ist. Dafür gibt es eine scheinbar nicht endende Auswahl an diesen kleinen Lädchen, so dass sich am Ende fast alles finden lässt.
Gestern gab es Pelmini, das russische Pendant zu Tortellini mit Smetana (Sauerrahm). Im Gegensatz dazu werden wir heute eine Mischung aus Kartoffeln, Fisch aus der Konserve, Tomatensauce und Rote Beete Salat servieren. Die nötigen Wege zwischen den Lädchen lassen sich natürlich perfekt nutzen, um sich gegenseitig kennenzulernen und mehr über die Pläne der anderen Arbeitsgruppen von der AWI-Außenstelle Helgoland, der Uni Hamburg und den Universitäten in Russland (Moskau, St. Petersburg, Jakutsk) für diesen Sommer zu erfahren. Wir sind somit alle sicher, dass wir in den kommenden Wochen sowohl bei der gemeinsamen Arbeit als auch in den freien Stunden am Abend und am Sonntag eine gute Zeit miteinander haben werden. Aber jetzt warten alle darauf, dass es möglichst bald heißt, „Schnell, alles einpacken und alle zum Flughafen den Helikopter beladen. Es geht los auf die Insel!“
Max
Montag, 02. Juli 2012
Drei, zwei, eins…Sibirien
Morgen geht es für uns endlich los auf eine Expedition in den Norden Sibiriens, und wir freuen uns, dass ihr uns hier auf diese Weise virtuell dabei begleiten wollt. Die letzten Tage vergingen wie im Flug, allerlei Dinge waren noch zu regeln und, kleine Besorgungen zu tätigen. Das typische Gefühl à la „Habe ich auch alles dabei, was ich brauche“, das sich bei mir sonst üblicherweise am Abend vor einer Abreise einstellt, kam diesmal ein paar Tage früher. War mir doch klar, dass man auf alles, an das man nicht gedacht hatte, für zwei Monate verzichten muss. Aber auch die expeditionserfahrenen „alten Hasen“ um mich herum hatten einiges zu tun, denn, es gibt ja immer noch viel zu erledigen, bevor man sich für einen oder zwei Monate aus der Zivilisation verabschiedet. So habe ich mir ein wirklich wirksames Mückenspray gekauft. Und noch mal ein paar Batterien zur Sicherheit. Und, wer will schon fernab des nächsten Ladens feststellen, dass die Zahnbürste fehlt…
Unsere Reise führt uns morgen zunächst zum Flughafen Tegel hier in Berlin. Eigentlich waren unsere Tickets bereits auf den neuen Berliner Großflughafen BBI ausgestellt, aber daraus wurde ja bekanntlich erst einmal nichts. Nach einem Zwischenstopp am Moskauer Flughafen Vnukovo werden wir dann übermorgen Mittag Ortszeit die kleine Stadt Tiksi an der Küste des Nordpolarmeeres erreichen. Nach einem kurzen Aufenthalt dort werden wir uns dann per Hubschrauber zu unserem eigentlichen Ziel aufmachen: Die kleinen Insel Samoilov im Lena-Delta, die für uns in den kommenden zwei Monaten zu Forschungsobjekt und Heimat wird.
Dabei fliegen wir Richtung Osten der Sonne entgegen und sammeln so acht Stunden Zeitunterschied an. Für mich ist dieser Zeitunterschied ein persönlicher Rekord. Da wir uns bis September in der Arktis deutlich nördlich des Polarkreises befinden und die Mittsommernacht erst ein paar Tage her ist, herrscht auf Samoilov für die kommenden Wochen Polartag. Die Sonne wird nicht untergehen, so dass es auch nachts fast taghell sein wird. Den Polartag selbst zu erleben ist nur eine der vielen neuen Erfahrungen, auf die ich bereits sehr gespannt bin.
Aber neben solchen Einblicken in das tägliche Leben auf der Expedition, interessieren uns natürlich besonders die wissenschaftlichen Fragestellungen, die wir Euch im Blog nahebringen möchten: Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts PAGE21 fragen wir uns zum Beispiel: Wie reagiert der Permafrostboden in der Arktis, wenn es durch den Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten in dieser Region deutlich wärmer wird? Und was bedeuten wiederum diese Veränderungen für das künftige Klima auf der Erde?
Wir planen bis Anfang September etwa zweimal pro Woche Neuigkeiten aus dem Norden Sibiriens in die ferne Heimat zu senden. Und wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn Ihr Euch dazu entscheidet uns in dieser Zeit als treue Leser zu begleiten.
Also dann bis in ein paar Tagen von der Insel Samoilov,
Max

























































