ARK-XXVI/3, Wochenbericht Nr. 1

Kaum erreichten wir das Eis, da wurde der erste Eisbär gesichtet. (Foto: E. Kilias)

EisarbeiterInnen auf dem Weg zur ersten Teststation. (Foto: E. Kilias)

Sehnsüchtig erwartet: Der Topauftrieb der Verankerung taucht zwischen den Eisschollen auf. (Foto: I. Waddington)
5. August - 13. August 2011
Am Freitag, den 5. August liefen wir pünktlich um 18 Uhr aus dem sonnigen Tromsö aus. Die schöne Fjordlandschaft lenkte von der Sorge ab, ob wohl wirklich alle nachträglich nach Tromsö gelieferten Expeditionsgüter angekommen waren, – aber natürlich war durch Ladeoffizier und Mannschaft bereits alles an Bord und verstaut.
Der Sommer begleitete uns noch eine kleine Weile auf unserem Weg in die Arktis, aber davon haben wir wenig mitbekommen, da zunächst das Auspacken auf Hochtouren lief. Der Beginn jedes Fahrtabschnittes wird typischerweise von einem milden Chaos beherrscht: Labore werden zugeteilt, und dann wieder umgetauscht, der Platz reicht hinten und vorne nicht, die Container werden ausgestaut. Kisten werden nicht gefunden, tauchen dann aber doch dort auf, wo sie eigentlich sein sollten, Geräte funktionieren überhaupt nicht, aber nach etwas Ruhe gehen sie wunderbarer Weise doch. Nach ein paar Tagen legte sich die Hektik deutlich, unterstützt von einem kleinen Tiefausläufer, der die See von spiegelglatt in etwas gewellt wandelte. Am Sonntag lief bereits eine erste Probestation für die CTD und zwei Planktonnetze und wir konnten beruhigt sein, dass die schon mal gut funktionierten.
Die Expedition wird uns in den kommenden zwei Monaten in den zentralen Arktischen Ozean führen. Dieser Ozean gehört zu den am wenigsten erforschten Gebieten der Erde; noch erlaubt es das Meereis rund um den Nordpol nur Eisbrechern, überhaupt in diese Region zu gelangen, so dass das Netz von Beobachtungen dünn ist. Gleichzeitig finden sich hier die stärksten Signale der Klimaveränderung: der Temperaturanstieg ist doppelt so hoch wie der globale Mittelwert und die Meereisbedeckung geht rapide zurück.
Unter dem Motto "TransArc - Trans-Arctic survey of the Arctic Ocean in transition" (Transarktische Studie des Arktischen Ozeans im Wandel) wollen wir mit den unterschiedlichsten Forschungsdisziplinen daran gehen, das komplexe System gemeinsam zu entschlüsseln. "Wir", das ist ein 50-köpfiges Team von Wissenschaftlern und Technikern aus Deutschland, Russland, Frankreich, Finnland, Schweden und den USA. Unterstützt werden wir bei unserer Arbeit von den 43 erfahrenen Besatzungsmitgliedern der Polarstern und einem Hubschrauberteam.
Im Fokus stehen die physikalischen, biologischen und chemischen Veränderungen im Arktischen Ozean. Die abnehmende Meereisbedeckung, die Erwärmung des Ozeanwassers und eine veränderte Wasserzirkulation wirken sich auf Wärme- und Gasaustausch zwischen Ozean, Meereis und Atmosphäre aus. Diese Vorgänge sind eng verknüpft mit Änderungen des Ökosystems im Eis und in der Wassersäule von der Oberfläche bis hin zum Meeresboden. Vier Jahre nach dem Internationalen Polarjahr 2007/08 (IPY 2007/08) wollen wir eine großräumige synoptische Aufnahme des physikalischen, chemischen und biologischen Zustands des Arktischen Ozeans wiederholen und dabei Wasser- und Eisproben von den flachen sibirischen Schelfmeeren bis ins tiefe Kanadische Becken und vom offenen Ozean bis ins Packeis nehmen. Zusätzlich wollen wir Sedimentkerne in der Nähe des Nordpols ziehen, die Aufschluss über die längere Klimageschichte der Arktis geben.
Der erste Abschnitt unseres Programms begann nördlich von Franz-Josef-Land. Dort fällt der Meeresboden schroff von 100 m Tiefe auf 3500 m ab. An diesem steilen Hang entlang fließt in einem schmalen Stromband warmes atlantisches Wasser, von Norwegen her kommend (ursprünglich sogar aus dem Golfstrom) durch den Arktischen Ozean. „Warm“ ist natürlich sehr relativ – die Temperaturen liegen bei 2°C; aber das ist immerhin deutlich wärmer als das Oberflächenwasser mit -1°C. Dieser letzte schwache Ausläufer des Golfstroms ist also eine wichtige Wärmequelle für die Arktis. Wir wollen wissen, wie stark und wie warm diese Strömung ist, und wie sie sich im Verlauf eines Jahres oder gar über mehrere Jahre ändert. Dazu hat ein Team von russischen und amerikanischen Kollegen vor zwei Jahren nördlich von Franz-Josef-Land eine sogenannte Verankerung ausgelegt. Internationale Kooperation ist in der Arktis ein Muss, und so sind wir selbstverständlich der Bitte der Kollegen nachgekommen, auf unserer Expedition ihre Verankerung wieder zu bergen.
Eine Verankerung bietet die Möglichkeit, Messungen an einem festen Ort im Ozean über einen langen Zeitraum zu betreiben. Dazu werden Instrumente, die z.B. die Strömung, Temperatur und Leitfähigkeit (für die Salzgehaltsbestimmung) messen und intern aufzeichnen, an einer Leine eingehängt. Die Leine wird durch ein Grundgewicht am Meeresboden festgehalten und steht durch Auftriebskörper senkrecht in der Wassersäule. Um Verankerungen zu bergen, gibt man ein akustisches Kommando an einen Auslöser, der das Grundgewicht freigibt, so dass der Auftrieb die Verankerung an die Oberfläche bringt.
Ein solches Signal haben wir zwar gegeben, aber leider erschien die Verankerung nicht an der Oberfläche. Durch eine Überfahrt mit dem Echolot konnten wir feststellen, dass die Verankerung tatsächlich gar nicht ausgelöst hat und noch am Boden festsaß! Nun kam die große Stunde der Besatzung: Durch ein sorgfältig ausgetüfteltes Manöver und filigrane nautische Arbeit konnte sie die Verankerung mit einer Leine, vom Schiff und einem Beiboot durchs Wasser gezogen, einfangen und wohlbehalten Instrumente und zwei Jahre Datenausbeute an Bord bringen.
Bei 82°N haben wir die Eisgrenze passiert und innerhalb der nächsten Stunden gleich den ersten Eisbären nahe beim Schiff gesehen. Das war ein feiner warnender Hinweis für die erste Test-Eisstation am Donnerstag, bei der die erfahrenen Eisforscher die zahlreichen DoktorandInnen und StudentInnen darin einwiesen, wie man einen Eiskern erbohrt, und was bei der Probennahme auf, im und unter dem Eis zu beachten ist. Nämlich, dass bei aller Sorgfalt bei der Probennahme die Sorge für die Probennehmer und damit eine aufmerksame Eisbärenwache noch wichtiger ist.
Freitagabend war der letzte Abgabetermin für unsere Eiswette: Wie gering wird in diesem Jahr das saisonale Eisminimum ausfallen? 2007 gab es im September mit 4.14 Millionen Quadratkilometer das absolute Minimum, seit Satelliten die Messung der Eisausdehnung überhaupt ermöglichen – um 40 % hat sie seit 1979 abgenommen. Wird die Eisdecke dieses Jahr noch weiter schrumpfen? Die Bandbreite unserer abgegebenen Tipps ist groß. Wetten Sie zuhause mit!
Ich grüße alle ganz herzlich im Namen unserer ganzen Truppe, der es gut geht!
Ursula Schauer


