Kurs Nordwest – Melville Bay
FS „POLARSTERN“ ARK-XXV/3
Reykjavik – Bremerhaven
Wochenbericht Nr. 3, 16.08. bis 22.08.2010
Da wir infolge der unerwartet eingetretenen Situation unsere Arbeiten auf den grönländischen Teil der Baffin Bay beschränken werden, haben wir unser Arbeitsprogramm im ursprünglich geplanten zeitlichen Ablauf umgestellt und Kurs auf den Nordwesten der Baffin Bay genommen. Der grönländische Kontinentalschelf ist teilweise über 200 km breit und damit erheblich weiter ausgedehnt als auf der kanadischen Seite der Baffin Bay. Der Kontinentalhang ist hier deutlich steiler und speziell im Nordosten der Baffin Bay befinden sich mehrere Grabenstrukturen vor der grönländischen Küste, deren Bildung mit unterschiedlichen Phasen des Öffnungsprozesses der Baffin Bay in der Erdgeschichte in Verbindung zu stellen ist. Die Sedimentfüllung erreicht in diesen Gräben und Halbgräben Mächtigkeiten von über 10 km. Das Alter und die tektonischen Abläufe, die zur Bildung dieser Horst- und Grabenstrukturen führten, sind noch weitgehend unverstanden. Wir wollen mit unseren strukturellen und stofflichen Untersuchungen herausfinden, wie der grönländische Kontinentalrand in seinem Randbereich beschaffen ist und wie die plattentektonischen Prozesse seit Öffnung der Baffin Bay im Paläozän auf ihn eingewirkt haben.
Nach Erreichen grönländischer Gewässer am 11.8. haben wir unsere kontinuierlichen Profilarbeiten auf dem Weg nach Norden mit unseren geophysikalischen Außenbordsystemen begonnen. Bereits vor Erreichen des ersten refraktionsseismischen Profils, mit dem wir die tiefen Krustenstrukturen vom Zentralteil der Baffin Bay bis in den unmittelbaren Küstenbereich der Melville Bay untersuchen wollen, wurden wir aufgefordert, unsere Arbeiten mit einem hier operierenden Explorationsschiff zu koordinieren. Da das norwegische Seismikschiff RV Bergen Surveyor seine Arbeiten wegen eines Personalaustauschs für drei Tage unterbrechen musste, konnten wir störungsfrei und ohne Probleme die Datenaufnahme in der Melville Bay wie vorgesehen durchführen.
Die Stationsarbeiten zum Ausbringen der Ozeanbodenseismometer entlang der 180 sm langen Messlinie wurden mit dem Einsatz der Wärmestromsonde und des Schwerelots kombiniert. Nach anfänglich nur geringer Ausbeute an geologischem Probematerial konnten aber bis zu über 3 m lange Sedimentkerne gewonnen werden, so dass auch die Geologen und Geomikrobiologen über erste Sedimentproben verfügen, die nun aufbereitet werden. Die beeindruckende Küstenlandschaft der Melville Bay mit hoch aufragenden Bergen und zwischengelagerten Gletschern, über die sich die grönländische Inlandeiskuppel bis ins Meer erstreckt, bildete mit den zahlreichen Eisbergen vor der Küste eine imposante Kulisse am Profilende. In Fortsetzung unseres refraktionsseismischen Profils war hier auch eine Landstation an der Küste geplant, die per Helikopter ausgebracht wurde. So hatten einige Wenige sogar Gelegenheit zu einem kurzen Landgang.
Im weiteren Verlauf der Woche setzten wir dann unsere Profilarbeiten in Richtung des 230 sm entfernten Upernavik fort, einem kleinen Ort an der grönländischen Nordwestküste. Von diesem nächstgelegenen Flugplatz sollten unsere drei kanadischen Kollegen sowie zwei Kollegen der BGR die Heimreise antreten. Da NRCan die Arbeiten in seinem ECASE-Projekt durch die Entscheidung des Regionalgerichts von Nunavut vorerst nicht fortsetzen darf, sah sich NRCan gezwungen die Kooperation mit der BGR auszusetzen. Durch die Abreise der Kollegen des kanadischen Kooperationspartners entsteht aber auch Mehrarbeit für die Kollegen an Bord, denn schließlich waren die Gastwissenschaftler in allen Bordarbeiten eingeplant und in das Leben an Bord voll integriert. Deshalb bedauern wir diese Entscheidung umso mehr.
Die wissenschaftlichen Diskussionen zur Erarbeitung eines modifizierten Arbeitsprogramms, mit dem wir unsere ursprünglichen Planungen den neuen Gegebenheiten anpassen, sind weitgehend abgeschlossen. Alle Kollegen haben sich engagiert auf die neuen Rahmenbedingungen eingestellt und grüßen nach Hause.
Volkmar Damm 21. August 2010, Baffin Bay, 5°C





