ARK XXIII/3, Wochenbericht Nr. 4
1. September - 7. September 2008 (Reykjavik – Bremerhaven)
Das Wetter ist uns treu geblieben. Den größten Teil der Woche bewegten wir uns in einem stationären Tiefdruckgebiet. Dies bescherte uns regelmäßig schlechte Sicht und Schneefall.
Schon seit Beginn unserer Reise stellten wir regelmäßig alle zwei Tage die Bordzeit um eine Stunde zurück. Beim Passieren der Datumsgrenze hinkten wir bereits 12 Stunden hinter der Zeit in Deutschland zurück. Nun mussten wir einen Wochentag ausfallen lassen, um am richtigen Tag in Bremerhaven anzukommen. Nur welchen? Da Ende August/Anfang September einige Geburtstage zu feiern waren, gab es entweder den Wunsch oder die Befürchtung, dass dieser ausfällt. Zu Beginn der Woche war die Sache klar. Im aktuellen Bord-Videoprogramm wurde für Mittwoch, den 3. September, kein Programm angeboten. Damit war auch dieses seltene Ereignis, dass ein Wochentag ausfällt, überstanden. Obwohl das Forschungsprogramm in den nächsten Tagen uns wiederholt über die Datumsgrenze führen wird, werden wir zunächst Zeit und Datum nicht mehr verstellen.
Nach diesem „Zeitsprung“ wurden die geophysikalischen Arbeiten am 4. September zunächst beendet. Jetzt begannen die Geologen mit ihrem Beprobungsprogramm. Ein Ziel war es, Rutschmassen am Kontinenthang zu datieren, die entweder durch Eisberge oder ein altes Eisschild verursacht wurden. Heute wurde die letzte Bodenprobe bei 60 m Wassertiefe auf dem sibirischen Schelf gezogen. Jetzt waren die Geophysiker wieder am Zug. Kurz vor dem Ausbringen des 3000 m langen Messkabels (Streamer) bekamen wir Besuch von einem schwimmenden Eisbären. Auf der Suche nach Eisschollen, weit und breit war nichts als Wasser, näherte er sich dem Schiff auf wenige 10 m. Nachdem er das Schiff als zu groß und unappetitlich einschätzte, schwamm der Bär weiter.
Am Sonntagnachmittag begannen die Geophysiker mit den seismischen Messungen. Für jede Messung wurden vier Luftpulser mit Hilfe eines leistungsfähigen Kompressors vom Schiff stetig mit bis zu 180 bar komprimierter Luft versorgt und alle 15 s gezündet. Dabei werden Schallwellen erzeugt, die sich im Wasser in alle Richtungen ausbreiten, auch in die Gesteinsschichten unterhalb des Meeresbodens. An jeder Gesteinsschicht wird ein Teil der Schallenergie wieder Richtung Meeresoberfläche zurückgeworfen. Diese reflektierte Energie wird vom Streamer aufgefangen und über entsprechende Kabel an Schiffsrechner geschickt, die diese seismischen Daten auf Festplatten oder Magnetbändern speichern. Die Datenbearbeitung erzeugt anschließend ein Abbild über die Geometrie der Sedimentschichten mehrere Kilometer unterhalb des Meeresbodens. Es werden hierbei allerdings nur Schichten „gesehen“, die mehr als 15 m dick sind. Diese Messungen erfolgen bei fahrendem Schiff (ca. 10 km/h) und werden alle 15s wiederholt. Erste Ergebnisse des seismischen Profils zeigen, dass das ostsibirische Schelf entlang unseres Profils nicht so stark durch Gletscher erodiert wurde wie etwa vor Ostgrönland oder in der Antarktis. Eine weitergehende Interpretation der geophysikalischen Daten soll es ermöglichen, etwas über die ältere geologische Geschichte der ostsibirischen See abzuleiten.
Alle sind gesund und grüßen nach Hause!
Wilfried Jokat
7. September 2008
74°54’N 172°35’E, -1.6°C


