ARK XXII/2, Wochenbericht Nr. 8
17. - 24. September 2007
Unsere Fahrt ging in der letzten Forschungswoche entlang des Gakkelrückens nach Süden. Der Gakkelrücken ist eine Spreizungszone, von der aus die ozeanischen und kontinentalen Platten auseinander geschoben werden. Er ist sozusagen die Fortsetzung des Mittelatlantischen Rückens im Nordpolarmeer. Eine Besonderheit des Gakkelrückens ist, dass er in der Laptewsee auf den Kontinentalsockel führt und konsequenterweise ist seine Spreizung sehr langsam. Bei unserer ersten Kreuzung des Gakkelrückens vor einigen Wochen hatten wir Anomalien in den Spurenmetallgehalten im Tiefenwasser gefunden, die auf hydrothermale Quellen hindeuteten. Hydrothermale Quellen treten im Bereich von Spreizungsrücken häufig auf und so suchten wir den östlichen Teil des Rückens auf weitere Spuren von Quellen ab um dann gegebenenfalls die mineralhaltigen Wasserfahnen, die sich ähnlich wie eine Wolke von Zigarettenrauch ausbreiten, systematisch zu beproben. Das aus hydrothermalen Quellen austretende Wasser ist warm und getrübt; deshalb hätten wir ein mögliches Signal bei jeder Station sofort in den elektronisch übermittelten Daten der CTD-Sonde erkannt und nicht erst nach der Analyse aller Proben. Leider trafen wir auf keiner der angefahrenen Positionen ein so deutliches Signal an wie beim ersten Auftreten; aber der Versuch schien es wert, denn so bald wird in diesem Seegebiet nicht wieder eine Expedition mit dem aufwändigen Ultra-Clean-System und der Spurenstoffanalytik stattfinden können.
Zum Ende der Woche erreichten wir das südöstliche Ende des Gakkelrückens, von dem aus der Kontinentalhang flach zur Laptewsee ansteigt - innerhalb weniger Tage passierten wir die tiefste Station unserer Reise mit 5300 m und die flachste mit 48 m. Der Schnitt über den Hang war der dritte unserer Reise, der den Übergang zwischen tiefen Becken und den sibirischen Schelfmeeren erfasste.
Neben der Steuerung des Atlantikwassers durch den Kontinentalhang ist der Übergang vom flachen Schelf in die Tiefsee wichtig für die Ausbreitung von den riesigen Mengen von Flusswasser, das in die Schelfmeere mündet. Dort vermischt es sich mit Schelfwasser, bleibt aber aufgrund des geringen Salzgehaltes an der Meeresoberfläche. Dort breitet es sich aber nicht gleichmäßig wie ein Pfannkuchenteig aus, sondern fließt, durch Wind und andere Einflüsse gesteuert in einem Bogen entgegen dem Uhrzeigersinn zur Schelfkante und von dort in einem breiten Strom quer durch die Arktis in Richtung Atlantik. Das Flusswasser bringt viele gelöste und partikuläre Stoffe vom Festland ein, aber wenn es über den flachen Schelf fließt, werden manche Stoffe durch den Kontakt mit dem Sediment ausgetauscht oder verändert. Das gleiche gilt für salzarmes Oberflächenwasser aus dem Pazifik, das viel weiter östlich durch die 50 m tiefe Beringstraße einfließt und durch Austauschprozesse mit dem Boden der Tschuktschensee geprägt ist. Beide Süßwasserströme fließen in der zentralen Arktis zusammen und durch die Ausdehnung unserer Arbeiten bis ins Makarowbecken konnten wir die Front zwischen den beiden Wassermassen in vielen Komponenten beproben, deren Analyse noch andauert. Die Ausbreitungspfade der kontinentalen Abflüsse variieren vermutlich mit den Schwankungen des Klimas.
Auf dem Schnitt in der Laptewsee ging es darum, die Eigenschaften dieser Süßwasserquelle durch das weite Spektrum von unterschiedlichen Spurenstoffdaten zu identifizieren und Prozesse zu erkennen, die die Eigenschaften der Wassermassen verändern. Dazu verwenden wir „klassische“ Größen wie Nährstoffe, Fluoreszenz durch „Gelbstoffe“ (das sind von Land eingetragene Huminstoffe) oder natürliche Radionuklide wie Radium, die wir mit früheren Datensätzen vergleichen können. Dazu kommt nun zum ersten Mal die systematische Erfassung der Verteilung von Spurenmetallen. Darin finden wir enorme Unterschiede zwischen dem mit Atlantikwasser vermischten sibirischen Flusswasser und dem Pazifikwasser.
Nun sind alle Stationsarbeiten abgeschlossen und die letzten Proben wurden in der Nacht zum Montag genommen. Die Analysen und auch etliche Experimente in den Laboren dauern noch an. Das Ausmaß der Ergebnisse ist noch kaum zu überschauen; aber dass diese Expedition für das Verständnis der derzeit in der Arktis ablaufenden Veränderungen einen entscheidenden Beitrag liefert ist abzusehen. Arktisforschung braucht nicht nur gute Wissenschaftler, sondern ist auch auf außerordentliche Professionalität der Seefahrt angewiesen. Wir möchten uns deshalb bei Kapitän Stefan Schwarze und seiner gesamten Mannschaft für die freundliche, engagierte und zuverlässige Unterstützung in allen Belangen über zwei Monate hinweg sehr herzlich bedanken!
Im Übrigen soll noch eine erfreuliche Korrektur zum letzten Wochenbericht angebracht werden: Im letzten Moment vor dem Ende ihrer Expedition fanden die russischen Kollegen auf der „Academic Fedorov“ östlich der Taimyrhalbinsel doch noch eine gute Scholle für ihre Drifteisstation, an der übrigens auch ein Deutscher aus Potsdam teilnimmt. Wir wünschen dem Team eine gute Überwinterung und viel Erfolg!
Einen letzten herzlichen Gruß von uns allen aus der Arktis,
Ursula Schauer


