ARK-XXII/2, 3. Wochenbericht
13. - 19. August 2007
Die Vereisungen der Karasee
In der dritten Woche arbeiteten wir uns nördlich der Karasee entlang 61° Ost von der Mitte des Nansenbeckens nach Süden. Das Gebiet gehört zur russischen Wirtschaftszone, die sich, wie im internationalen Seerecht festgelegt, bis in 200 Seemeilen Entfernung von jeder Festlands- oder Inselküste erstreckt. Da am Rand der arktischen Schelfmeere immer wieder Gruppen von Inseln liegen: Franz-Joseph-Land, Severnaya Zemlja, usw., erstreckt sich die Wirtschaftzone bis weit in das zentrale Nordpolarmeer. Um Forschung in Wirtschaftszonen fremder Länder zu betreiben, muss man die Genehmigung dieser Anrainerländer einholen, was in aller Regel nicht viel mehr ist als ein formaler Akt und ohne Vorliegen guter Gründe nach dem Seerecht nicht verwehrt werden darf. Einige wenige Länder tun sich dennoch sehr schwer damit Forschungsgenehmigungen zu erteilen und schließen damit große Gebiete von internationaler Forschung aus. Für die russische Wirtschaftszone in der Arktis gab es nach einer kurzen Phase der Perestroika in den frühen neunziger Jahren neun Jahre lang keine Arbeitsmöglichkeiten für ausländische Forschungsschiffe - mitten in einer Periode dramatischer klimatischer Veränderungen. Nun, im Internationalen Polarjahr 2007/08 öffnete sich gottseidank der Vorhang wieder und wir sind sehr froh, wieder in diesem ozeanographisch, geologisch und biologisch hochspannenden Gebiet arbeiten zu können.
Die Karasee ist in der Gegenwart und war auch im Quartär, d.h. in den vergangenen 1,6 Millionen Jahren eines der Schlüsselgebiete in der Arktis. Große sibirische Flüsse münden hier und ein starker Einstrom von Atlantikwasser fließt vom Schelf in die Tiefsee. Bisher ist es unklar, wie die Vorstöße der verschiedenen Eiszeiten in der eurasischen Arktis verliefen und wie sie die Festlandsabflüsse und den Atlantikwassereinstrom beeinträchtigten. Unklar ist auch, wie die klimatischen Verhältnisse in den dazwischen liegenden Warmzeiten aussahen. Es gab bislang keinerlei Sedimentkerne aus der nördlichen Karasee, die darüber Auskunft geben konnten. War die Entwässerung Sibiriens nach Norden während der letzten Vereisung vor 20.000 Jahren durch riesige Gletscher abgeblockt? Dann hätte sich beim Rückzug der Gletscher das gesamte Schmelzwasser in einem immensen Schwall in das Nordpolarmeer ergossen haben müssen. Oder war die Karasee offen und die Festlandsniederschläge konnten, ähnlich wie heute auch, stetig über Flüsse nach Norden entwässern?
Dies müsste sich in den Sedimenten jenseits der Schelfkante abzeichnen. Unsere Geologen verfolgten also zunächst gebannt die Parasoundaufzeichnungen, Echolotsignale aus den obersten 20 Metern des Sediments. Häufig schauten sie etwas mürrisch drein, weil sie deutlich sahen, dass die Ablagerungen nur heruntergerutschten Sedimentlawinen entsprachen, die entweder durch Gletscher oder aber durch starke Strömungen am steilen Kontinentalhang ausgelöst worden waren. In solchen Ablagerungen ist alles durcheinander gerührt und man kann keine einzelnen Schichten erkennen, die durch unterschiedliche Mikrofossilien, Korngrößen und viele andere Parameter unterschiedliche Klimazustände illustrieren. Irgendwann wurde eine passende Stelle gefunden, aber leider kam der allererste Kastengreifer verbeult an Deck zurück. Nach dieser Premiere steigerten sich die Resultate allerdings beträchtlich: Mitte der Woche wurde aus 1100 m Wassertiefe mit einem Kastenlot ein Kern von über 4 Metern Länge geborgen – potentiell liegen hier 160 Tausend Jahre zur Analyse bereit. Erste sehr grobe Befunde anhand der Sedimentfärbung lassen auf mehrere Wechsel zwischen Warm- und Kaltzeiten schließen, die mit diesem Kern untersucht werden können.
Im Zentrum des Geschehens blickt man häufig nicht sehr weit und so haben wir erst von der Außenwelt erfahren müssen, dass dieses Jahr das Rekordminimum der Meereisbedeckung von 2005 unterschritten wird. Das deckt sich damit, dass wir hier nördlich der winzigen Ushakovainsel, wo wir uns vor 11 Jahren mit Polarstern tagelang mühsam durchs Eis quälten, heute in Sichtweite des Eisrandes zügig vorankommen. Eine Eisstation, die heute auf dem Programm stand, musste nach zwei Versuchen aufgegeben werden – sowie wir mit dem Schiff an einer Scholle anlegen wollten, zerbrach sie.
Ein paar Schnupfenbazillen geistern durch's Schiff. Wir werden sie sicher bald in den Griff bekommen.
Herzlichen Gruß im Namen aller Fahrtteilnehmer, Ursula Schauer


