ARK XXII/2, Wochenbericht Nr. 7
10. - 16. September 2007
Nach der Ausdehnung unseres Transekts bis ins Kanadabecken ging unser Kurs zunächst zum Mendelejewrücken und dann wieder in Richtung Sibirien. Dabei konzentrierten wir uns darauf, Positionen für unsere verbliebenen ozeanographischen Bojen zu finden. Neben den ozeanographischen hatten wir auch acht meteorologische Bojen zu verteilen. Sie messen die Lufttemperatur und den Luftdruck und geben durch die Veränderung ihrer Position Informationen über die Eisdrift. Solche atmosphärischen Basismessungen sind natürlich der Grundstock für das Verständnis des Schwindens der Eisdecke. Die arktische Atmosphäre steht aber auch in Verbindung mit der Wetterentwicklung in Europa und entsprechend erhöht jeder Messpunkt hier, wo das Netz der Wetterstationen äußerst weitmaschig ist, die Qualität der Wettervorhersage auch in den mittleren Breiten. Die meteorologischen Bojen wurden direkt mit den und weiträumig um die ozeanographischen Bojen herum ausgebracht.
Ein abgestimmter internationaler Plan, der zu Beginn des Jahres zur arktisweiten Verteilung der ozeanographischen und der meteorologischen Bojen erstellt wurde, zerbröselte quasi mit dem Eis und musste während der Expeditionen fast im Wochenrhythmus erneut koordiniert werden. Drei ozeanographische Bojen waren unter guten Eisbedingungen von einem kanadischen Eisbrecher in der Beaufortsee ausgesetzt worden. Weitere neun Bojen standen auf dem Plan unserer Expedition und der des russischen Eisbrechers „Academic Fedorov“. Acht dieser Bojen gehören zu dem EU-Programm DAMOCLES (Developing Arctic Modelling and Observing Capabilities for Long-term Environmental Studies), eine kommt vom japanischen Institut JAMSTEC.
Der weite Rückzug des Meereises im ostsibirischen Teil der Arktis machte das Vorhaben zunichte, diese neun ozeanographischen Bojen weit im Südosten des eurasischen oder des Makarowbeckens auszubringen, wo die Transpolare Eisdrift früher (und derzeit vielleicht noch im Winter) ihren Ursprung hatte und von wo aus die Bojen Aussicht auf lange eine Driftdauer gehabt hätten. Aber auch weiter nördlich machte uns die Beschaffenheit des Eises einiges Kopfzerbrechen. Denn während die meteorologischen Bojen klein und kompakt sind und vom Hubschrauber aus zur Not auch auf einer mäßig großen Scholle ausgebracht werden können, müssen wir für die schweren ozeanographischen Bojen eine taugliche Scholle in Schiffsnähe finden, wobei „tauglich“ etwa Kilometergröße und gerne 2 Meter Dicke bedeutet. So etwas gab es aber in diesem Sommer in der gesamten sibirischen Arktis nur noch in raren Einzelexemplaren. Alles andere war – abgesehen von zusammen geschobenen Eisrücken – nur etwa einen Meter dick, mürbe und dazu von Schmelztümpeln durchlöchert, so dass die Gefahr groß ist, dass die Schollen bei der nächsten Eispressung infolge stärkeren Windes zerbrechen.
Im zentralen Makarowbecken brachten wir zunächst die Boje unseres japanischen Kollegen aus. Wir mussten wieder fast auf 87°N fahren, um taugliches Eis zu finden. Nach einigen Stunden Arbeit war die Boje verankert, aber leider stellte sich beim Endtest heraus, dass die Boje nicht einwandfrei funktionierte! Also blieb uns nichts anderes übrig, als sie wieder aus dem Eis heraus aufzunehmen und die 800 m Kabel, die unter der Scholle hingen, wieder aufzuspulen, was auf dem Eis ohne die Spuleinrichtungen des Schiffs reichlich mühselig ist. Da wir bei der mauen Eissituation ohnehin Zweifel hatten, ob wir wohl alle Bojen würden ausbringen können, haben wir kurzerhand auf der Position eine andere Boje ausgebracht.
Mit ein paar wenigen Stationen überquerten wir wieder den Lomonossowrücken und peilten für die nächste Bojenauslegung ein Gebiet im Amundsenbecken an, das auf hoch auflösenden Satellitenradarbildern, die uns die Kollegen der Universität Hamburg schickten, vielversprechend aussah. Nun brauchten wir wirklich eine große Scholle, da hier vier Bojen in einiger Entfernung voneinander ausgebracht werden sollten: Eine Turbulenzboje, mit der Wärme- und Salzflüsse direkt unter dem Eis bestimmt werden sollen, ein akustischer Strömungsmesser für das Strömungsprofil bis in mehrere hundert Meter Tiefe, ein CTD-Profiler und ein Eis- und Schneedickenmesser, mit dem Abschmelzen und Anfrieren über die Jahreszeiten bestimmt werden kann. Dazu kam eine Webcam; denn auch wenn visuelle Eindrücke nur qualitativ sind, so verraten sie doch eine Menge über die Wetter- und Eissituation.
In der Tat trafen wir auf etliche große Schollen, schön mit Schnee bedeckt, die das Ausmaß der Schmelztümpel kaschierten; aber Probebohrungen zeigten schnell die Misere. Schließlich entschieden wir uns für eine riesige Scholle, legten vorsichtig an, damit das fragile Stück nicht gleich zerbrach, und fanden nach nächtlicher zweistündiger Vermessung mit dem Eisdickenmessgerät gerade ausreichend Stellen in der Nähe von Eisrücken, dass wir alle Bojen unterbringen konnten. Am nächsten Morgen begannen wir bei Windstärke 6 und Schneesturm damit, die diversen Bojen auszubringen, bzw. die Löcher dafür zu bohren: eine der Bojen war dreimal so dick wie die Bohrerstärke und wenn dann das Eis doppelt so dick ist wie die Bohrlänge braucht man schon seine 12 Stunden und eine gute Strategie um überhaupt ein passendes Loch zu erzeugen. Aber nach zwei Tagen waren alle Bojen dort, wo sie sein sollten, und im Laufe der folgenden Tage liefen die Meldungen der einzelnen Bojen ein: Alle liefen fehlerfrei! Große Erleichterung breitete sich aus!
Einen Tag später kreuzten zwei russische Schiffe unseren Weg, - die „Academic Fedorov“ und der Atomeisbrecher „Rossya“. Auch sie waren verzweifelt auf der Suche nach einer großen Eisscholle, die noch höheren Ansprüchen genügen sollte und eine bemannte Driftstation für ein oder mehrere Jahre beherbergen sollte. Es wäre die 35. in einer langen Reihe wissenschaftlicher russischer, bzw. sowjetischer Eisstationen gewesen – in diesem Jahr erstmalig gescheitert am Mangel an genügend stabilem Meereis.
Wir werden in der kommenden Woche das Eis in Richtung Laptewsee verlassen, bis dahin herzlichen Gruß im Namen aller Fahrtteilnehmer,
Ursula Schauer


