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ARK XXII/2, Wochenbericht Nr. 6

3. - 10. September 2007

Brachte die vorletzte Woche unsere nördlichste Position so passierten wir in der vergangenen Woche die Datumsgrenze bei 180°E und erreichten unsere östlichste bei 135° West. Es fiel in dieser Gegend manchmal nicht leicht zu beschreiben, in welche Richtung wir fuhren. Um von 175° Ost nach 175° West zu kommen fuhren wir nach Osten. Dazu kommt, dass wir ja bei Karten in den mittleren Breiten die Merkatorprojektion gewohnt sind, bei der Norden oben ist, Westen links, usw. Solche Projektion ergibt in der Nähe des Nordpols natürlich enorme Verzerrungen, deshalb benutzen wir eine stereographische Projektion, bei der die Breitengrade als Kreise um den Nordpol dargestellt sind. Um auf dieser Projektion unseren Kurs nach Südosten hin zu westlichen Längengraden zu beschreiben, wies man nach links oben, und daran muss man sich doch erst einmal gewöhnen.

Anfang der Woche war die Hälfte unserer langen Reise um! Da wir am Sonntag eine längere Eisstation hatten, nutzten wir die Gelegenheit um auf der Eisscholle einen Glühwein auf die erfolgreiche erste Halbzeit zu trinken. Dazu gab es ein Fußballspiel, Deutsche gegen Holländer (durchsetzt mit anderen Nationen), das bei minus 2°C minutenweise sogar in kurzen Hosen bestritten wurde. Es endete 4:2 für die deutsche Mannschaft (zu der natürlich auch Frauen gehörten). Anschließend gab es einige Schlittschuheinlagen auf den glatt und eben zugefrorenen Schmelztümpeln – hier brillierten natürlich besonders die Holländer. Zwischendurch kam endlich einmal die Sonne durch die graue Wolkendecke und tauchte Schiff und Scholle in ein milchig freundliches und außerordentlich photogenes Licht. Alle kehrten erfrischt und ausgetobt aufs Schiff zurück.

Neben Punsch und Fußball kam auch die Forschung auf der Scholle nicht zu kurz. Im Gegensatz zu Süßwassereis ist Meereis von feinen Kanälen durchzogen, in denen sich hochkonzentrierte Sole befindet, denn ein Eiskristall kann das Salz aus dem Meerwasser nicht mit einbauen. Diese Kanäle bilden einen Lebensraum, an den sich ein spezielles Ökosystem angepasst hat. In dem Gewirr von Kanälchen ist man gegebenenfalls vor Fraßfeinden geschützt. Allerdings muss man auch einiges aushalten: extrem niedrige Temperaturen, extrem hohe Salzgehaltsschwankungen, die die Zellen unter osmotischen Druck setzen, und im Sommer schmilzt in großen Gebieten der Lebensraum ganz weg. Bisher war allerdings immer genügend mehrjähriges Eis da, d.h. Eis das gemeinsam mit seinen Bewohnern den Sommer überdauert und von dem aus vermutlich das Neueis besiedelt wird. Wenn die in diesem Jahr dramatisch untermauerte Tendenz bestehen bleibt, dass Flächen mit mehrjährigem Eis immer kleiner werden, ist dieses Ökosystem bald in seiner Existenz bedroht. Die Meereisbiologen des Instituts für Polarökologie Kiel sind damit beschäftigt, die Zusammensetzung dieser möglicherweise aussterbenden Meereisfauna zu untersuchen. Dazu erbohren sie auf Eisstationen in dem gesamten Expeditionsgebiet Eiskerne und zersägen sie in kleine Abschnitte, um die Organismen in jedem Stockwerk auf Artenzusammensetzung, Ernährungsweisen und Anpassungsstrategien zu untersuchen. Mit einer Unterwasser-Videokamera werden die Nutznießer unter dem Eis beobachtet, die hungrig darauf warten, was sich aus den unteren Stockwerken des Eises ins Wasser wagt oder herunterrieselt.

Die Temperatur war in der Woche deutlich unter Null Grad und mit der einsetzenden Neueisbildung hat die Hamburger Gruppe der Meereisphysiker ihre Studien der optischen Eigenschaften von Schmelztümpeloberflächen zu den Akten gelegt. Stattdessen widmeten sie sich auf der letzten Eisstation dem neuen dünnen Eis, das in der Windstille als ebenes dunkles und helles „Nilas“ von 5 bis 10 cm entstand. Dazu lagen sie in Überlebensanzüge verpackt auf dem Bauch am Rand der Scholle und maßen mit einer Art Lineal die Oberflächenrauigkeit auf diesem Nilas – die zentimetergroßen Eiskrümel, die im Salzwasser, anders als im Süßwasser ausfrieren. Anschließend markierten sie ihre Messpunkte mit blauen Müllsäcken und überflogen die Säcke mit dem Hubschrauber, um die Rauigkeit mit einem Scatterometer mit mehreren Frequenzen und Polaritäten zu erfassen und die Ergebnisse dann über aufwändige Algorithmen mit den Linealmessungen zu kombinieren. Eine bemerkenswerte Beobachtung war, dass „Frostblumen“ auf Neueis schon bei -8 Grad entstehen und nicht erst bei wesentlich tieferen Temperaturen, wie bisher geglaubt.

Außer den biologischen und eisphysikalischen Arbeiten wurde auf der „Halbzeit“-Scholle eine erste ozeanographische Boje installiert. Um das ganze Jahr über Messungen aus dem Ozean zu erhalten, haben die Ozeanographen auf der Scholle eine Plattform installiert, von der aus eine Messsonde einmal am Tag bis in 1000 m Tiefe profiliert, um das Temperatur-  und Salzgehaltsprofil aufzunehmen, – so wie wir es zur Zeit auf vielen Stationen vom Schiff aus tun. Die Daten werden dann per Satellit an Land übertragen. Der „Ice-Tethered-Profiler“ driftet nun mit der Eisscholle quer durch das Nordpolarmeer, und da in internationaler Koordination im Internationalen Polarjahr 2007/08 ein ganzes Array von diesen ozeanographischen Plattformen ausgebracht wird, werden wir erstmalig eine mehrjährige flächendeckende Aufnahme der arktischen Hydrographie bekommen.

Die Möglichkeit, die kurz- und langfristige Fahrtplanung der Eissituation anzupassen, setzt natürlich die Kenntnis der weiträumigen Eisbedeckung voraus und dazu sind wir auf Unterstützung von Land angewiesen. Bei dieser Unterstützung kommt erschwerend die Begrenztheit unseres Emailverkehrs ins Spiel, die die automatische Übersendung großer Dateien mit Eisbedeckungskarten unmöglich macht. Deshalb möchten wir uns hier ganz herzlich bei Lars Kaleschke und seiner Gruppe an der Universität Hamburg bedanken, die uns die gesamte Reise über, auch an Wochenenden, durch minimale Dateien mit maximaler Information versorgten.

Herzlichen Gruß im Namen aller Fahrtteilnehmer,

Ursula Schauer


 
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