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ARK-XXII/1b, Wochenbericht Nr. 6

2. Juli - 8. Juli 2007 (Woche 27)

In der Nacht von Sonntag zu Montag wurden zunächst weitere Multicorer-Stationen abgearbeitet, denen Schwereloteinsätze in den frühen Morgenstunden folgten. Einige der Schwereloteinsätze während des Fahrtabschnitts wurde in der Umgebung des Schlammvulkans gefahren, um Informationen hinsichtlich der Veränderlichkeit des Schlammausstroms des Hakon Mosby zu gewinnen. Gegen 6 Uhr am Montagmorgen wurde der Lift mit diversen Messinstrumenten bestückt vorsichtig mit einer der Schiffswinden in die Tiefe gefahren und rund 20 m über dem Meeresboden vom Seil gelöst – die letzten Meter fällt der Koloss dann frei zum Meeresboden. Durch ein sehr genaues Unterwassernavigationssystem ist es uns möglich, den Standort des Gerätes dann auf wenige Meter genau zu bestimmen, so dass man während des folgenden Tauchgangs mit dem ROV QUEST ohne Zeitverlust an den Lift heranfahren und Messinstrumente entnehmen kann. Das Abtauchen von QUEST dauert bei rund 1300 m Wassertief durchschnittlich eine Stunde. Die reine Arbeitszeit am Meeresboden ist durchschnittlich auf zehn Stunden bemessen, die so aufgeteilt werden, dass für möglichst viele Arbeitsgruppen an Bord Zeit zur Verfügung steht, um Experimente durchzuführen oder Proben vom Meeresboden zu  entnehmen. In den frühen Abendstunden standen der Lift und das ROV wieder an Deck, so dass mit geologischen Probennahmegeräten weitergearbeitet werden konnte. Das Wetter hatte sich deutlich beruhigt, und den (exzellenten!) Wettervorhersagen des Bordmeteorologen zufolge sollte es die Woche über verhältnismäßig ruhig bleiben, so dass dieser Wechsel zwischen QUEST-Einsätzen tagsüber, und am Kabel geführter Geräteeinsatz in der Nacht für die kommenden Tage fest eingeplant werden konnte.

Mitte der Woche wurden weitere Messungen mit der Temperaturlanze durchgeführt. An einem rund 6 m langen Stahlrohr sind dabei in festen Abständen Temperatursensoren angebracht,  die mit einer Genauigkeit von 0.002 °C die Umgebungstemperatur messen und alle fünf Sekunden speichern. Im Zentrum des Schlammvulkans versank die knapp eine Tonne schwere Temperaturlanze dabei über 80 m tief in den fast flüssigen Schlamm, der in den oberen Metern um 25 ° Celsius „heiß“ ist (das Wasser über dem Meeresboden hat hier eine Temperatur von minus  0.8 °C - ein enormer Temperaturgradient). Damit ist eines der tiefsten, jemals an einem Schlammvulkan gemessenen Temperaturprofile gewonnen worden. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die „Polarstern“ bei dieser Art von Messungen ihre Position über dem Punkt, an dem die Lanze im Meeresboden steckt, halten muss. Da die Temperaturlanze bei diesem Einsatz in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch  immer tiefer in den Schlamm einsackte, dauerte die ganze Messung knapp eine Stunde. In diesem Zeitraum ist es den nautischen Offizieren auf der Brücke gelungen, ein Abweichen der „Polarstern“ von ihrer vorgegebenen Position  auf weniger als zehn Meter zu begrenzen. Neben den technischen Möglichkeiten des Schiffes gehört hier auch eine gehörige Portion nautisches Geschick dazu!

Die im Laufe der ersten Tage ausgebrachten Fischfallen hatten nicht den erwünschten Erfolg. Nach ihrer Bergung fanden sich nur einige Dutzend aasfressende Tiefseekrebse in den Fallen, aber nicht die Fische, auf die es die Wissenschaftler an Bord abgesehen hatten. Auch eine andere Anordnung der Reusen an den Rahmengestellen und die Verwendung anderer Ködertypen änderte nichts daran. Die Enttäuschung und Nervosität der betroffenen Wissenschaftler nahm mit jeder leeren Fischfalle zu, auch vor dem Hintergrund, dass zu einem beantragten Forschungsprojekt in dieser Woche die Bewilligung der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingegangen ist. Lebende Fische aus der arktischen Tiefsee sind für dieses Projekt wichtig. So wurde beschlossen, den Saugschlauch des QUEST – Tauchfahrzeugs zum Einsaugen von Fischen zu verwenden. Abends ab 19 Uhr wurde die Saugöffnung mit einem der Greifarme über vereinzelt am Boden liegende Fische platziert und die Saugpumpe eingeschaltet: der eine oder andere Fisch flüchtete zwar, aber eine ordentliche Zahl von ihnen wurde aufgesaugt und in ein Auffangbehälter gegeben. Inzwischen sind knapp zwanzig von ihnen wohlbehalten an Bord und haben ihr neues Domizil im Aquariencontainer des AWI bezogen.

Donnerstag und Freitag wurden die letzten beiden Tauchgänge des ROV geplant. Letzte Lücken im Probennahmeschema wurden geschlossen und am Ende dieses Fahrtabschnitts blicken wir nicht ohne Stolz auf insgesamt zehn erfolgreiche Taucheinsätze mit dem QUEST zurück. Vor dem Hintergrund, dass dieses System zum ersten Mal auf der „Polarstern“ eingesetzt wurde, und wir nur knapp zwei Wochen Stationszeit hatten, eine ganz erstaunlich hohe Zahl. Zu erklären ist dieser Erfolg zum Einen dadurch, dass wir keine nennenswerten technischen Schwierigkeiten mit dem ROV hatten, zum Anderen durch die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen Brücke, Decksmannschaft und ROV-Team während der Aussetz- und Bergevorgänge des QUEST.

Freitagnacht verließen wir das Untersuchungsgebiet Hakon-Mosby-Schlammvulkan und gingen zunächst auf einen westlichen Kurs, um bei 2000 m Wassertiefe eine weitere Multicorer – Station abzuarbeiten. Am frühen Samstagmorgen erreichten wir die Position und konnten die Station nach kurzer Zeit beenden. Danach gingen wir auf Nordkurs Richtung Spitzbergen, stoppten am Nachmittag noch einmal bei 74 ° Nord auf, um die letzte Multicorerprobe dieses Abschnitts zu nehmen. Danach wurde der Stationsbetrieb eingestellt, und wir machten uns auf den Weg nach Longyearbyen auf Spitzbergen, wo es für 23 Wissenschaftler am Montagmittag heißen wird, Abschied zu nehmen, und 30 Neueinsteiger begrüßt werden sollen. Das Packen und Einstauen der Geräte in die Frachtcontainer an Bord nahm den ganzen Samstag und Sonntag in Anspruch. Daneben galt es fleißig die Beiträge für den Fahrtbericht fertigzustellen und die Labore aufzuräumen. Unterbrochen wurden diese Tätigkeiten nur kurz durch einen Grillabend am Samstag, zu dem in der Woche zuvor frisch geangelte „Hakon Mosby“ Seelachse filettiert gebraten oder in Folie gegrillt wurden.
 
Als ein Resümé der Abschlusspräsentation am Sonntagnachmittag bleibt festzuhalten, dass die Reise ARK-XX/1b der „Polarstern“ eine Fülle neuer Erkenntnisse zur Geologie und Biologie des Hakon-Mosby-Schlammvulkans erbracht hat, die in der Gesamtbewertung dieses interessanten Ökosystems im Rahmen des EU-Projekts HERMES wichtige Beiträge liefern werden.

Für Montagmorgen 9 Uhr ist unser Hafenaufenthalt in Longyearbyen berechnet, nach dem Mittagessen soll dann das Ausbooten derer beginnen, die uns verlassen und in den nächsten Tagen dann wieder zuhause bei ihren Familien, Freunden und Kollegen sind und dort selbst über den Verlauf dieser Reise berichten können.

Herzliche Grüße von Bord im Namen aller Fahrtteilnehmer, derer, die an Bord bleiben, und der „Aussteiger“!

Michael Klages


 
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