ARK-XXII/1, 1. Wochenbericht
29. Mai-3. Juni 2007 (Woche 22)
Bei strömendem Regen lief die POLARSTERN nach 3-wöchigem Aufenthalt bei der Lloyd-Werft in Bremerhaven am 29. Mai zu ihrer XXII. Arktis-Expedition aus. Die Wochen in Bremerhaven waren mit vielfältigen Reparaturen gefüllt, die nach gut eineinhalb Jahren im Südozean notwendig waren. Darüber hinaus musste sie, u. a. ausgelöst durch die deutsche EU-Präsidentschaft, für zahlreiche Besuche und offizielle Veranstaltungen herhalten, sodass alle – Besatzung und wissenschaftliche Fahrtteilnehmer – froh waren, als das Schiff pünktlich um 12.00 Uhr vom Ausrüstungskai der Lloyd-Werft ablegen konnte, um unterstützt von 2 Schleppern an der geöffneten Drehbrücke vorbei in die Nordschleuse und von dort auf die Weser auslaufen konnte. Sogar das mit einem Containerfrachter gerade aus Südafrika eingetroffene Tauchboot JAGO hatte es noch rechtzeitig an Bord geschafft. Strömender Regen und Wind sorgten bei den Abschiednehmenden an Land für nasse Hosen.
Seit dem Auslaufen haben wir die Nordsee durchlaufen und erreichten am 1. Juni das Sula-Riff vor Westnorwegen, wo wir mit einer sehr präzisen Vermessung die Form eines Kaltwasserkorallen-Riffs erfassen wollten. Diese Riffe sind eine aufregende Entdeckung der vergangenen Jahre; sie erstrecken sich entlang des gesamten NW-europäischen Kontinentalrandes vom Mittelmeer bis nach Nordnorwegen und werfen aufregende Fragen nach ihrer Fauna, ihrer Ökologie und Biogeochemie auf. Nach Abschluss der Vermessung versegelte die POLARSTERN zum Röst-Riff unmittelbar südlich der Insel Röst, einem kleinen Felseneiland am südwestlichen Ausläufer der Lofoten. Hier begann die Erkundung des Riffes wieder mit umfangreichen Vermessungen und den ersten vorsichtigen Probennahmen. Am Abend des 3. Juni erkundet das Tauchboot JAGO auf seiner ersten Tauchfahrt den Westrand des kompliziert gegliederten Riffkörpers.
Erste Probennahmen gelangen mit Hilfe von drei Großkastengreifern im Bereich Røst Riff, in drei verschiedenen Riffzonen. Der erste Kastengreifer wurde im Übergang von der „living reef zone“ zur „dead reef/sponge zone“ genommen. Der Inhalt waren einige lebende Vertreter der Korallen, sowie mit zahlreichen Wirbellosen besiedelte tote Korallenäste. Insgesamt 13 (!) Schwamm-Arten konnten unterschieden werden. Im zweiten Kastengreifer bestand der „Fang“ aus Steinen, die mit Schwämmen (mind. 5 Arten, teilw. andere als in letzter Probe) und anderen Wirbellosen bewachsen waren. Der dritte Kastengreifer enthielt keine lebende Makrofauna, sondern neben Kies nur Korallenfragmente, Muschelschalen und andere Schalen-/Skelettreste.
An Bord befinden sich diesmal auch 2 Abiturienten aus Bremerhaven und 2 norwegische Schüler aus Tromsö, die im Rahmen des EU-Projektes -Hermes und betreut von der Gruppe der Jacobs-Universität an dieser Expedition in das Europäische Nordmeer teilnehmen. Sie führen ein Bordtagebuch, das in regelmäßigen Abständen u. a. der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven und Englischsprachigen Zeitungen zur Veröffentlichung angeboten wird.
Hier vor den Lofoten herrscht z. Zt. stabiles, sehr freundliches und ruhiges Hochdruckwetter, das uns die Seekrankheit der ersten Tage in der rauen Nordsee schnell vergessen ließ. Sonst ist alles wohl an Bord!
Jörn Thiede/ Michael Klages


