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ARK-XXII/1c - Wochenbericht Nr. 8

16.  –  25. Juli 2007 (Woche 29)

Die Woche begann mit einem intensiven Stationsprogramm unter Einsatz von Multicorer, Großkastengreifer, CTD und Bodenwasserschöpfer, um verbliebene Lücken im Stationsprogramm des „HAUSGARTEN“ zu schließen. Eine weitere Verankerung, die im letzten Jahr ausgebracht wurde, konnte geborgen werden und erneut hatten alle Geräte einwandfrei funktioniert. Da unsere nördlichste Verankerungsstation während der letzten Jahre selbst im arktischen Winter kaum unter Eisbedeckung lag, sollte sie diese Jahr weiter nördlich neu ausgelegt werden. Aktuelle Satellitenaufnahmen zeigten, dass die sommerliche Eisrandzone etwa bei 78 ° und 45 Minuten nördlicher Breite lag. Am Dienstag bahnte sich die „Polarstern“ zur Freude aller Fahrtteilnehmer, die noch nie mit einem Eisbrecher durch Meereis gefahren waren, ihren Weg auf die ausgewählte Station. Mit der Präzision und Zuverlässigkeit eines Uhrwerks wurde die Verankerung dann am Vormittag bei 2700 m Tiefe von der Besatzung ausgebracht. Die Hoffnung, bei der Fahrt durch das Eis einen Polarbären zu sichten, erfüllte sich leider nicht. Obgleich mehrere Robben (bevorzugte Beute der Bären) auf dem Eis und im Wasser zu beobachten waren, konnten von Eisbären nur hier und da Fußspuren auf einzelnen Schollen ausgemacht werden – einige von ihnen von beachtlicher Größe!

Für den Mittwoch war ein ganz besonderer Tauchgang mit dem ROV QUEST geplant – die Reste einer verloren gegangenen Verankerung sollten geborgen werden. Im letzten Jahr war der obere, rund 2 Kilometer lange Teil dieser Verankerung durch einen Materialfehler aufgetaucht. Glücklicherweise war zu der Zeit das britische Forschungsschiff „James Clark Ross“ in der Nähe und konnte diesen längeren Teil der Verankerung für uns bergen. Nun lagen noch eine Sinkstofffalle, ein Strömungsmesser, zwei akustische Auslöseeinheiten und ein aus mehreren Glaskugeln bestehendes Auftriebspaket am Meeresboden. Der berechnete Restauftrieb hätte jedoch nicht gereicht, die rund 200 m lange Restverankerung aufsteigen zu lassen. Wir hatten daher in den letzten Monaten mit dem ROV-Team verschiedene Bergeoptionen besprochen und entsprechend vorbereitet.

Da solche Unterwasseroperationen mit am Boden liegenden oder im Wasser schwebenden Seilen nicht ganz ohne Risiko für ein Unterwasserfahrzeug wie das QUEST sind, musste die Unterwassernavigationsanlage der „Polarstern“  sehr genau kalibriert werden. Dazu wurden mehrstündige Kalibrierkurse gefahren, die sich dann allerdings so weit in den Nachmittag hineinzogen, dass der Taucheinsatz auf den nächsten Morgen verschoben wurde.

Am  Morgen des 19. Juli sind wir dann zur Tat geschritten. Ein Auftriebspaket wurde mit dem QUEST zu der am Boden liegenden Verankerung gebracht und angeschäkelt. Was sich hier so leicht liest hat bei den direkt Beteiligten doch zu einigen Minuten voller Anspannung und allerhöchster Konzentration geführt. Das ROV ist dann wieder aufgestiegen und geborgen worden. Anschließend wurden die zwei Jahre im Wasser befindlichen akustischen Auslöseeinheiten von Bord der „Polarstern“ aus  aktiviert. Jetzt stand die bange Frage im Raum, haben die Batterien noch genug Energie, die motorisch betriebene Mechanik soweit zu drehen, dass der Verankerungshaken sicht löst?  Wenige Minuten später war auch diese Frage beantwortet – das am Tag zuvor neu eingemessene Unterwasserpositionierungssystem zeigte an, dass die Verankerung aufstieg – der von den Ingenieuren der Tiefseeforschungsgruppe berechnete zusätzliche Auftrieb reichte aus, unsere im letzten Jahr am Meeresboden verbliebenen Geräte dem „Kaltwassermuseum“ zu entreißen. Neben dem materiellen Wert von fast 100.000 Euro ist der Wert der dadurch geretteten Daten unschätzbar. An der Verankerung war auch die Ursache des Aufsteigens des oberen Teils zu finden: ein fingerdicker, aus rostfreiem Edelstahl gefertigter Metallring war durchgerostet. Geringfügige Verunreinigungen beim Fertigungsprozess können gelegentlich zu solchen Effekten führen.

Die folgenden Tage waren dann geprägt durch letzte Arbeiten an den tieferen Stationen des „HAUSGARTEN“-Observatorium. Greiferproben bis in 5500 m Wassertiefe wurden gewonnen und auch ein Landereinsatz an dieser tiefsten Stelle des „HAUSGARTEN“ wurde durchgeführt. Der von schwedischen Wissenschaftlern der Universität Göteborg vorbereitete Einsatz führte das Gerät mit seinen zahlreichen Einzelkomponenten dabei an die Grenzen der von den Geräteherstellern garantierten Druckfestigkeit. Nach 24 Stunden Einsatzzeit am Meeresboden positionierte „Polarstern“ am Sonntagmittag exakt über der Stelle, an welcher der Lander am vorangegangenen Tag ausgesetzt worden war. Um mögliche akustische Störungen weitgehend auszuschließen wurden alle Sonarsysteme des Schiffes vorübergehend abgeschaltet. Nach wenigen Auslösekommandos zeigte das Unterwasserpositionierungssystem auch hier, dass der Lander aufsteigt – große Erleichterung bei allen Beteiligten, allen voran unsere schwedischen Kollegen.  Auch der 3-D Microprofiler – Lander wurde ein weiteres Mal mit großartigem Erfolg eingesetzt – das vorprogrammierte Elektrodenprofil wurde in 2500 m Tiefe einwandfrei abgefahren.

Inzwischen sind alle Stationsarbeiten abgeschlossen. Am Sonntagnachmittag haben wir Südkurs aufgenommen – ein langgezogenes Signal des Tyfon (Schiffssignalhorn) als maritimer Abschiedsgruss an einen im Dezember letzten Jahres verstorbenen Kollegen markierte den Abschluss unserer Arbeiten am  „HAUSGARTEN“, an denen er maßgeblich beteiligt war. Auf unserem Weg nach Tromsö wurden noch zwei Multicorerstationen abgearbeitet und der obere Teil einer – ebenfalls aufgetriebenen – Verankerung gesucht und am frühen Montagmorgen etwas südlich von 77 Grad tatsächlich auch gefunden und aufgenommen. Seitdem steuern wir auf die Küste Norwegens zu.

Am Mittwochmorgen werden wir um 10 Uhr im Hafen von Tromsö festmachen. Damit endet die „Polarstern“-Expedition ARK XXII/1. Sie stellte einen ersten Beitrag zu den international abgestimmten Aktivitäten in der Arktis im Rahmen des Internationalen Polarjahres dar. Gleichzeitig war diese Reise als „show case cruise“ in das von der EU geförderte Projekt HERMES (Hotspot Ecosystem Research along the Margins of European Seas) eingebunden. Für beide Projekte hat die „Polarstern“ wichtige wissenschaftliche Beiträge geliefert. Zum ersten Mal waren ein bemanntes Tauchboot (JAGO des IFM-GEOMAR Instituts in Kiel) und das ferngelenkte Unterwasserfahrzeug QUEST des Forschungszentrums MARUM an der Universität Bremen an Bord der „Polarstern. Nicht nur, dass beide Unterwasserfahrzeug sehr erfolgreich eingesetzt werden konnten, die Größe der „Polarstern“ erlaubte es zudem, umfangreiche und logistisch aufwendige Arbeiten mit einer Vielzahl anderer Geräte moderner Meeresforschung durchzuführen.

Begünstigt durch nahezu beständig ruhige Seegangsverhältnisse konnten wir mehr erreichen, als während der Planungssitzungen im Vorfeld der Reise zu erwarten war. Dies ist aber nicht zuletzt auch auf die exzellente Arbeit der „Polarstern“ Besatzung zurückzuführen! Unser tiefer Dank gebührt Kapitän Pahl und seiner hervorragenden Besatzung – trotz drei unterschiedlicher Untersuchungsgebiete mit jeweils fast komplettem Wechsel der wissenschaftlichen Fahrtteilnehmer war ihre Motivation unentwegt hoch – besser geht nicht !

Die Besatzung und einige der wissenschaftlichen Fahrtteilnehmer sind seit dem Auslaufen der „Polarstern“ aus Bremerhaven am 29. Mai an Bord – wir freuen uns unbändig auf Zuhause und die vielleicht letzten schönen Sommerwochen in 2007 bei Familie und Freunden.

Alle an Bord sind gesund und senden die besten Grüße in die Heimat!

Michael Klages




Einsame Spuren eines Polarbären auf einer vorbei treibenden Eisscholle

Abdruck der Eindringstellen der Mikroelektrodenspitzen in das Sediment

Die mit Hilfe des ROV QUEST geborgene Sinkstofffalle wird an Bord genommen.

QUEST wird nach seinem letzten Einsatz während ARK XXII/1 an Bord genommen.


 
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